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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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■— I wil.il nun. 


L.U.P.U.S.: Uber Antifaschismus 

Krieg und Geschwindigkeit j 
mtn 'WTW.m ^ 1 1 j 

Interview mit Primo Levi I 

Kurdenverfolgung 

Black Panther 
























HERAUSGEBER: SF-Redaktion/Trotzdem- 
Verlag 

V.i.S.d.P: Herby Sachs, Moosweg 165, 5090 
Leverkusen; namentlich gezeichnete Beitrage 
stehen unter der Verantwortlichkeit der Ver¬ 
fasserinnen und geben nicht die Meinung der 
Herausgeber oder gar des presserechüich 

Verantwortlichen wieder. 

Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischung 
aus aktuellen politischen Ereignissen, anar¬ 
chistischer Diskussion, Aktualisierung liber¬ 
tärer Theorie, Aufarbeitung freiheitlicher 
Geschichte und Beiträgen, die sich mit Kul- 
turkritikoder einer Kultur von unten befassen. 
EingesaEdte Art' ^' sind erwünscht, speziell 
solche von Augenzeuginnen aktueller Ereig¬ 
nisse, die eine analytische Aufarbeitung ver¬ 
suchen. Leute, die regelmäßig bestimmte 
fremdsprachigeZeitschriftcn lesen, sollen uns 
dies mittcilen und uns Artikel zurUbcrsctzung 

Vorschlägen. Allgemein bevorzugen wir 
namentlich oder von Gruppen gekennzeich¬ 
nete B eiträge. Telefonische Vorabsprache von 

Beiträgen ist sinnvoll; Photos, Grafiken etc. 
sind erwünscht. Pseudonyme sind möglich, 
wenn der Redaktion die Urheberinnen be- 
kannt sind. 

“Neue Technologie”: Wer selbst oder über 
Unis an IBM- oder Apple Macintosh Compu¬ 
ter rankommt, kann uns die Artikel auf 
7r,l1-nisketten zuschicken. Siesollten mit dem 
Textverarbeitungssystem Word bearbeitet sem. 
Für uns würde es erhebliche Arbcitscrleich- 
terungen bedeuten. . 

Endredaktion: Über einen Abdruck entschei¬ 
den Mitarbeiterinnen der Redaktion; ein An¬ 
spruch auf Veröffentlichung besteht nicht. 
Honorare bleiben auch unsere Wunschvor- 

Nachdrucke: sind gegen Quellenangabe und 
Belegexemplare und nach vorheriger Ab¬ 
sprache mit der Redaktion erwünscht. 
Knastfreiexemplare bleiben so ange ig 

»SÄ» 

Id Druckcoopcralive 

;rÄ u " 8 ‘' 

neue Kecnnuiig -„Virlre lin s eine 

kurze Nachricht. DDR-ABOs. zu 

gilt, daß wir auch Buchcr im 8 

20. -Mark nehmen. 

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f Redaktions- und ABOanschrtlt: Sdiwat zu 
Faden, Postfach 1159, 7043 Grafenau-1, 
Tel.: 07033/44273; FAX: 07033-45264. 
ISSN: 0722-8988. 

Lokaler Redaktionskontakt:Herby Sachs, 

Mnosweg 165,5090 Leverkusen - 

Redaktionsschluß für Nr.39 (3/91): 28.6.91 
Anzeigenschluß Nr.39:4.7.91 



Editorial 

Kurdenverfolgung 
Agee:US-MiIitärpoIitik 
Krieg und Geschwindigkeit 
Palästinenser aus jüd. Sicht 
Saxgren-Photos aus Palästina 
Interview mit Primo Levi 

Holocaust-Historikerstreit 

L.U.P.U.S: Doitschstunde 
Nazis im Osten 
Hooligans 
Unruhen in Athen 
Anarchisten in Polen 
Black Panther 
Abu Jamal gefährdet 
(©-Szene 

Interview mit p.m. 

Rez. zu Cravan 

Rez. zu Sexismus/Militarismus 
Leserinnenbriefe 
AlteSF-Nummern 

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W.F., Berlin 10,; T.P., Köln 10-; ET Bre 

in • R M 20.-; N.H., Nürnberg 25. , 
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Umfang zu reduzieren oder den 

höhen. Beides kam für uns eigentlich 

Frage. Die Lösung, die wir nun versuchen 

könnte ein Glücksfall sein: das 

auf dem Markt befindliche, 100% aus P 

pier hergestellte Alsaprint-Papier ist zuglcici 
ein billigeres Papier. Schon bisher haben wir 
-im Gegensatz zum Augenschein—nicht (wie 

vielfach unterstellt) auf Hochglanzpapicr 
gedruckt, sondern auf umweltfreundlichem 

Papier. Sollte diese Nummer zur Zufrieden¬ 
heit - auch der Photographen - ausfallcn, 
werden wir das neue Papier beibehaltcn und 
damit die Druck- und Weiterverarbeuungs- 
kosten von ca. 7500, wieder auf 5.400.-DM 
pro Ausgabe senken können. DiewP*** zu 
dem sich Portokosten von 1600,. Ver¬ 
packungsmaterialien. Lay Out-Matenal und 
Satz-Selbstkosten addieren, läßt sich durch 
den Verkauf gerade abdecken. Weruns also in 
die Lage versetzen will, auch mal 8 Seiten 
mehr zu produzieren, den Redakteuren Sprit 
für Recherchen zu bezahlen und so manches 
andere Wünschenswerte... werde Wicdcr- 

vcrkäuferln, (Dauer-)Spenderln oder werbe in 

seinem/ihren Bekanntenkreis um neue 

BewnderstodenneuenBundesländem besieht 

unsererseits noch ein großes Defiz'’ 

suchen-mitEurerHilfe-Mögbchkeindcn 

SF bekannter zu machen, ihn 

Wiedciverkaufsstellen auszulegen (Buchlad • 

Cafes, Treffs, Infoläden etc.) oder auc 

unser Fcstplakat aufzuhängen. dic 

Für Alle eine kleine Beslandsaufnahm^ 
wir ab und zu wiederholen wollen, der Sh 
derzeit feste ABOs im: 

PLZ-Bereich 6: 274 
PLZ-Bcreich 2:270 
PLZ-Bereich 1: 251 
PLZ-Bereich 7:240 
PLZ-Bereich 5: 217 
PLZ-Bcreich4: 213 
PLZ-Bereich 3:194 
Ausland: 185 

PLZ-Bereich 8:164 
Osten: 53 ^ 

Bringt Bewegung in diese "Hiüiste !! 


2” wird vergeblich den eigenen 
Artikel in dieser Ausgabe suchen. B war ^ 
leider nicht möglich den Um ang 
ein Drittel zu erweitern, wie es die angebotenen 

Beiträgenahegclegthätten.Ganzim Gegenteil. 

aufgrund gestiegener Papierkosten etc. mu߬ 
ten wir uns ernsthaft Gedanken machen, den 


Titclphoto: R 


.Maro/Umbruch Bildarchiv Berlin 















»Vom Anarchismushistoriker zum Main¬ 
stream-Ideologen und Eurozentristen«, so 
könnte der Nachruf auf Hans Magnus 
Enzensberger überschrieben sein. Vom 
provokanten Kritiker mit ab und an stali- 
nistischen Dogmen zum erklärten Lieb¬ 
haber von FAZ- und BILD-Zeitungsko¬ 
lumnen, der über Wolfgang Pohrt. Von 

der - besonders im Osten-allseitsgeach¬ 
teten Symbolfigur des aufrechten linken 
Intellektuellen zum Kriegstreiber, der über 
Wolfgang Biermann. Von Trittbrettfah- 
rem wieHermannL.Gremliza,dermaIso 
mal so schreiben möchte, gar nicht zu 
reden. 

Wenn wir noch einen Beweis für die 
"Orientierungslosigkeit der Linken hier¬ 
zulande" gebraucht hätten, diese intel¬ 
lektuellen Aushängeschilder hätten ihn 
beim Ausbruch des Golfkriegs erbracht. 
Mensch könnte es sich nun einfach ma¬ 
chen und ihnen das Prädikat »links« ab¬ 
sprechen, aber - Gremliza kündigte es 
schon vorsorglich an - wir werden diese 
"Mitstreiter" bald wieder auf dem Hals 
haben, denn ohne ihre "Verankerung" in 
der »Linken« wären sie als gern zitierte 
"Kronzeugen" für die etablierten Medien 
in Zukunft uninteressant. Ihre "Originali¬ 
tät" bestand und besteht nur darin, daß sie 
die "Verantwortlichkeit der Intellektuel¬ 
len" (Noam Chomsky) gründlich abschüt- 
tclten und sich der vorherrschenden Mei- * 
nungsmache anschlossen und bei ent¬ 
sprechendem Bedarf dies wieder tun 
werden. 

Keiner von ihnen stellte sich die Frage, 
weshalb die Regie zu diesem Krieg so 
reibungslos ablief? Weshalb wurden alle 
militärischen Informationen (Klima be¬ 
stimmt Zeitpunkt des Losschlagens, die 
Stärke der irakischen Armee bedroht den 
Weltfrieden, Irak könnte die Atombombe 
bauen, Irak könnte Giftgas auf Scuds 
aufmontieren etc.) so vorbehaltlos für 
bare Münze genommen? Kein Zweifel 
wurde bei ihnen laut, auch nicht an dem 
Augenzeugenbericht eines angeblichen 
Leibwächters im Exil, der sich als ge¬ 
schäftstüchtiger Türke entpuppte, nicht 
an den immergleichen Archivbildem von 
der Ölpest, nicht an der Darstellung von 
der angeblichen Folterung gefangener 
alliierterPiloten. Alles typische Beispiele 
für mediale Meinungsmache und für das 
Erzeugen realitätsfemer Hysterie. 

Aber dazu schwiegen sie, auch im 
Nachhinein. Es fragte auch keiner von 
denen, die sich zurecht über das würde¬ 
lose Schauspiel der alliierten Kriegsge¬ 


fangenen im irakischen Fernsehen aufge¬ 
regt hatten, warum sich die irakischen 
Kriegsgefangenen, die sich anscheinend 
meist freiwillig ergaben, ausziehen mu߬ 
ten? 

Stattdessen: wer hätte sich besser als 
Propagandist für den manipulativen Hit¬ 
ler-Vergleich geeignet, als der Miterfin¬ 
der der Theorien über die Bewußtseins¬ 
industrie'! 

Doch Deutschland ist zum Glück nicht 
der Nabel der Welt und so haben keines¬ 
wegs alle Intellektuellen der "Vietnam¬ 
kritischen Generation" die Seiten gewech¬ 
selt. 

Fragen wir nach einigen der Voraus¬ 
setzungen, die die Diskussion bestimmt 
haben: Zu einer der wichtigsten Voraus¬ 
setzungen für die neuen ideologischen 
Argumentationsmuster gehört die These 
von der neuen Handlungsfähigkeit der 
UNO durch die Ost-West-Entspannung. 

Noam Chomsky: »Wir können die 
These, die UNO wäre durch Großmacht - 
rivalitäten weitgehend gelähmt gewesen, 
widerlegen. Wir brauchen uns nur die 
Vetos im Sicherheitsrat der UNO anzu¬ 
schauen. In den vergangegen 20 Jahren 
haben die Vereinigten Staaten im Sicher¬ 
heitsrat die mit Abstand meisten Vetos 
eingelegt. Auf dem zweiten Platz liegt 
England. An dritter Stelle rangiert weit 
dahinter Frankreich. Auf dem vierten Platz 
kommt die Sowjetunion mit weniger als 
einem Drittel der Vetos, die Großbritan¬ 
nien eingelegt hat, und rund einem Sie¬ 
bentel der Vetos der Vereinigten Staaten. 
Die USA und England zeichnen für etwa 
80 Prozent aller Vetos im Sicherheitsrat 
verantwortlich. Wenn man sich dazu die 
einzelnen Fälle ansieht, zeigt sich, daß 
der KalteKrieg so gut wie nichts damit zu 
tun hatte. Sie hatten lediglich mit der Ein¬ 
stellung Großbritanniens und der Ver¬ 
einigten Staaten zum internationalen 
Recht zu tun.« 

Aber - sieht man von der Interessen¬ 
vermengung wegen des Öls einmal ab - 
der moralische Aspekt hat doch gestimmt? 



Photo: Herby Sachs 

Auch wenn wir im Nachhinein durch das 
lang andauernde Zögern zur Situation der 
Kurden, deren VolkcinigeMillionen mehr 
umfaßt als das Volk der Kuwaitis, verun¬ 
sichert wurden und einmal mehr den 
Unsinn der Staatsdoktrin vor Augen ge¬ 
führtbekamen: ein willkürlich errichteter 
Staat kann gemäß den Satzungen von der 
UNO verteidigt werden, ein um ein viel¬ 
faches größeres Volk aber nicht, weil dies 
eine Einmischung in die "inneren Ange¬ 
legenheiten" eines Staates wäre. Nicht 
gerade berauschend als theoretische 
Grundlage einer Weltfriedensordnung. 


orientiert sich in Krisenfällen wie diesem 
nicht im Geringsten an Grundsätzen. Das 
läßt sich leicht demonstrieren. Selbst zum 
Zeitpunkt, wo sie die Aggression gegen 
Kuwait bekämpfen, unterstützen sie an¬ 
dere Formen von Aggression. Die Inva¬ 
sion Indonesiens in Osttimor hat vermut¬ 
lich 700.000 Todesopfer gefordert. Die 
USA und Großbritannien unterstützen sie 
dennoch weiter.Die USA sind sogar stolz 
darauf, die UNO daran gehindert zu ha¬ 
ben, einzugreifen.« 

Aber wer so viel Doppelmoral zu ver¬ 
tuschen hat, verteidigt sich am besten, 
wenn er in seinen Medien die Doppel¬ 
moral der Friedensaktivisten angreifen 
läßt. 

Noam Chomskys Antwort: »Ich war 
schon immer gegen Saddam Hussein und 
habe versucht , Waffenlieferungen an ihn 
zu stoppen, als ihn die USA und Großbri¬ 
tannien noch aktiv unterstützt haben. Ich 
mache dies seit Jahren. Ich habe meine 
Politik nicht geändert. Anders als jene 
Zyniker, die ihre PolitikausZweckmäßig¬ 
keit immer wieder adaptieren ." 

wh 

Chomsky-Zitate aus: Wiener Zeitung 

vom 8.2.1991 


Doch nicht nur das: Noam Chomsky: 
' DiePolitikder USA und Großbritanniens 










Kurdenverfolgung 
und kein Ende 




um. 






von Ronald Ofteringer 

Einen Augenblick lang sah es so aus, als 
seien die Kurden Gewinner der 


Diese Großoffensive in Kurdistan a • 

demVolkugdesaltenTrauSe^ 6111 
nalchauvinistischen Baath-Partei- Ü° 

VertreibungundVemichtungderKurH C 

durch einen Massentransferrii^/^" 
tige und unwiderrufliche Är fl iy en 8 ^' 
Kurdistans. Avisierung 

“'T.‘"'»wui waiiensunstanaimGolf- BisinsDetaildienthierHi»e- 

krieg erhob sich die Bevölkerung in den P°litik als Vorbild, die Ism i * un g s ~ 
gesamten irakischen Kurdengebieten. s ® tzten Palästinensischen dCn ^ e ' 
nnerhalb kürzester Zeit wurden selbst t * z * ert - In einer geradezu CQ 1°^ prak> 
die Großstädte von der Herrschaft der Ve rkehrung; in Kerkuk hJuT kasüschen 
Baath-Partei befreit. Noch vor dem bischen Neusiedlungen Ha'f 6 " d ‘ C m ' 
Aufstand m Kurdistan hatte eine Volks und Al-Quds 8 Ha ‘fa und Yaffa 
erhebung im Süden des Irak'begonnen, an »as ist die neue Nar-hi- • 

der steh die Bevölkerung von Nedschef Der Beweis, daß Kriei»^l£? 0rdnun 8 : 
und Kerbala, Amara und Basra, vor allem mod emen PräzisionsiL r? U Hllfe diese r 

aber die Soldaten, die für Saddam in den des atomaren Overkiii. ^ 0 der Gef ahr 

Krieg hatten ziehen müssen, beteiligten, ^getreten worden Den ■5"? 3860 sind > »t 
Doch das Aufatmen kam zu früh. Die 0sten und anderen w.i, 1,11 Nahen 
Aufständischen, Soldaten, kurdischen weit ere furchtbare S 8l0nen ^en 
Milizionäre und vor allem die Bevölke- fried en.... Die Ve-T? 86 oder Gewalt- 

müf« h ^ ten „ mindestens erwa rtet, daß zu ei nem Instrument d 5 n ,JJ aüon ai sind 
man Saddam Hussein zwingen würde, die des Westens gewordeJ * Weltherrschaft 

ten^h R 8Unge " einzuha i- f etzun 8 v °u UN-Betchi? 611 " die Weh¬ 

ten Doch Bush und alle anderen Alliier- lein nach wesüichen^ H SSen erf °lgt al¬ 
ten hatten sich wieder mit Saddam Hus- dev on UN-Resoluti^ Interessen . Dutzen- 

sein arrangiert, dessen Herrschaftsstruk- Zypern, zum ' ubonen zu Palästina od er 

turen wahrend der wochenlangen Bombar- A^eeausdemSüdlih ^ israeI ischen 
dierungen unangetastet blieben. Man ließ in den Schubladen ba . non> ver gammeln 
ihm genug Waffen, um die irakische Und auch w enn ^Vrabe 
Bevölkerung und die Kurden erneut zu ein e UN-Recni t - njetZt ZUm ersten M->i 

ihn die “ “ cl, “S^Hch EU ’ b “” heu » Ä U mer . 

Jassras tr t 

Erst als man sich ganz sicher war daß "ärtiigeAmt 

dte Städte nicht mehr zu halten waren dÄ 

schaltete die weltweite Propagandama- nativ e Lebensfo^^'^^J hä «eS e ^ 


Zurückweisen sollten wir auch alle 
ersuche, den kurdischen Aufstand und 
en Aufstand im Süden des Irak als vom 
esten initiierte Verschwörung zu di ffam- 
"»eren. Alle, die Saddam Hussein als 
»Führer des Südens“ oder als antiimpe¬ 
rialistischen Helden gegen die ;Herr- 
schaftsansprüche des Nordens geäehen 
sben, müssen angesichts seiner Massaker 
*** e ^ n gestehen, daß sie sich furchtbar 
getauscht haben. Ein solches Regime kann 
keine Rolle i m Kampf um .Befreiung 
spielen. 





Immer mit einem 
Bein im Gefängnis 


' .' "■ 


Menschenrechtsarbeit und | 
Flüchtlingshilfe in den 
kurdischen Gebieten der 
Türkei 


Hunderttausende von völlig erschöpften, 
hungernden und frierenden Flüchtlingen 
im türkisch-irakischen Grenzgebiet zwi¬ 
schen (Jukurca und Uludere. Die Hilfs¬ 
leistungen für sie laufen nur schleppend 
an, der türkische Rote Halbmond, in der 
Vergangenheit wegen der Vemachlässi-* 


gung und Veruntreuung von Hilfe für 
: kurdische Flüchtlinge oft kritisiert, hat 
bisher (12,4.) kaum etwas getan. Ärzte 
und Krankenschwestern, die in das Grenz¬ 
gebiet geschickt wurden, läßt man nicht 
an die Grenze. Schon gibt es Berichte, daß 
türkische Soldaten Schußwaffen gegen 
die irakischen Kurden einsetzen und sie 
bedrohen. Noch sind örtliche Hilfskomi¬ 
tees, wie sie in vielen kurdischen Städten 
in der Türkei gegründet wurden, die ein¬ 
zigen, die den kurdischen Flüchtlingen 
aus dem Irak praktische Hilfe angedeihen 
lassen. Hierbei spielen die Menschen¬ 
rechtsvereine eine zentrale Rolle, die vor 
zwei Jahren als Sektion der türkischen 
Menschenrechtsorganisation gegründet 
wurden. Sie schicken LKW-Kolonnen mit 


Lebensmitteln an die Grenze, organisieren 
medizinische Hilfe und kümmern sich um 
die Wasserversorgung. 

Yavuz Binbay, der Vorsitzende des 
Menschenrechtsvereins in der von Kur¬ 
den bewohnten Stadt Van, hat alle Hände 
voll zu tun. Er leitet ein Hilfskomitee, 
dem neben Menschenrechtlem auch Par¬ 
teien, Berufsverbände und Vertreter der 
Stadtverwaltung angehören. Sie organi¬ 
sieren die Hilfe für die geflohenen ira¬ 
kischen Kurden, die in der Umgebung des 


Photo: R. Maro/Umbruch Bildarchiv Berlin 





















Städtchensgkurcaan die türkische Gren¬ 
ze gekommen sind. Er berichtet Alar- 
micrendcs. Allein in einer Nacht sind dort 
7 Menschen gestorben. Seit Tagen 
herrscht strömender Regen, ohne daß die 
Flüchtlinge sich irgendwie schützen kön- 

n^L YaVUZ B, " bay hat von Bauunter¬ 
nehmern m der Stadt Lastwagen orga¬ 
nisiert, um Lebensmittel und Planen an 

l7f/? haffen ' Das Elend i« so 
dln d ' e Mcn schen die ankommen- 

ZtZSL, 

Bei unserem besuch in seinem Laden 

B r " n ? n ? m V ° n Van ze 'S l uns Yavuz 
B nbay Fotos von seinem zertrümmerten 

'T°; Man h atte ihm die Radmuttem 
gelockert, sein Wagen kam von derStraße 
3 - M‘t schweren Verletzungen wurde er 
ins rankenhaus eingeliefert. Mehrmals 

ist er vom Staatsschutz bedroht worden, schä^n ^ U8 , ust j! crgangenen Jahres, so 
die Menschenrechtsarbeit aufzugeben f a " d ‘ e kurdlschen M enschenrecht- 

— ‘ ler - WUf den auf diese Weise mehr als 300 


In Pervari, einem Landkreis der gebir¬ 
gigen Botan-Region, dem Herzstück 

Kurdistansin derTürkei,brannten Dutzen¬ 
de von Dörfern. Seit Jahren findet in die¬ 
ser Region ein Krieg zwischen den Parti- 
sanen der Kurdischen Arbeiterpartei 
(PKK) und der türkischen Armee statt. 
Der türkische Staat versucht, die dort 
ansässigen Kurden in Form von Milizen 
lur den Kampf gegen die „Apodschi“ 
genannten PKK-Kämpfer zu rekrutieren 
Kurden, die nicht bereit sind, zu den 
Waffen zu greifen, sind schwersten Re¬ 
pressionen ausgesetzt »Wernicht mit uns 
ist ist gegen uns«, scheint die Devise der 
Militärs zu sein. Und so werden ganze 
Dorfgemeinschaften zum Verlassen ihrer 
Gebiete gezwungen, Wälder und Pflan¬ 
zungen niedergebrannt und zerstört Al 

Wxi. so 


Aber Binbay, der nach der Machtüber¬ 
nahme der Militärs in der Türkei selbst 
mehrere Jahre als kurdischer Aktivist im 
Gefängnis gesessen hat, ließ sich nicht 
einschuchtcm. Auch Versuche, seine 
Kunden zu bedrohen und ihn auf diese 

Weisewirtschafüichzu minieren,fruchte¬ 
ten nicht. Eher im Gegenteil, sein Laden 
ist zu einer Anlaufstelle für Bedrängte 
und Verfolgte geworden. Während wir 
uns mit ihm unterhalten, kommt eine 
Bauemfamilie herein, die vor acht Mo¬ 
naten aus ihrem Dorf im Kreis Pervari 
vertrieben worden ist. 




; 50.000 Me„. 
leben in Elendsvierteln am rJ h°? lhnen 
dischen Provinzstädte V^n e f kur ' 
“od Cizie. einige wandten i??’ SUn 
kischen Ballungszen.™ dle tür ' 

weiter. gszentren 301 Mitte lfeeer 


dessen Südhä^S^'^^^ivs, 
strecken. Die eTn 5 Sden Irak «- 
ka hl, allein hier wuMe^Th Hä " ge sind 
Hektar Wald verbrannt p ebr ^ re tausen d 
"‘cht auf, so können wirchlc mT" Paßt 
re umfahren und in das gX Mllltiirs P c r- 
unmittelbar an 

6 




Soldaten lagern hier mit schwe f den 
seit Beginn des Golfkonfu fl( |ic 
Feldern. Auf der anderen Sei ^He 
irakischen Truppen wieder die 
übernommen. . gc# 

Ein Feldweg führt uns m - w j r 
Die malerischen Dörfer, an ^ den 
vorbeikommen, sind alle cCT ' n vcf' 

Ruinen der Feldsteinhäuscr ^ oSC hce 

kohlte Dachbalken. Allein > vC r- 
hat man verschont, deifW‘" „gaum- 
gilbte Koranseiten durch den ^aren 
Auf der Rückfahrt gibt es 1 cf£ |cn 
Ärger an der Straßensperre, 

ins Polizeipräsidium gebrae 

aus dem Gebiet ausgewiesen 




■ m— hnCf an s 

Für die vertriebenen E>°rfDcW 
dem Botan-Gebiet haben hcn S& 
rechtsvereine in sechs kur i s0 zial' 

ten in Zusammenarbeit fei 

medizinischen Hilfsorgafef 3 „^ii 1 
international ein Sofo ^cL n dcng cl<)d 
erstellt Finanziert durch P® d ic W 

aus der Bundesrepublik; wc ^0$ 

triebenen mit Lebensmittc > j 0 k# 
und Brennstoffen versorge .^# 
Ärztegruppen wird eine ^geck 15 

Basisversorggung organisic 

hilfefonds entsteht. j:» türkis^ 

Durch diese Arbeit, die cr |iin<i cf0 
Behörden mitallen Mitteln m cC hts vCf ' 

suchen, verfügen die Mensc j^i d c 

eine über Erfahrungen, lC 1 jom ^. 

Versorgung der Flüchtlinge a 
zugutekommt. Dort, wo ^ ( o0 [l 
Hilfsorganisationen an. v und 3,1 
scheitern, finden Yavuz ' pj C Ruf 
dere immer noch einen . c j s oü 3 
dische Bevölkerung in dcr T-fed^i 
risiert sich mit den irakische nS ,fei< ß 
ten. Sie spenden Decken, n j C j,tso v ‘ C ' 
und Hausrat, selbst wenn sie 

haben. . j: c sc 

Doch nicht überall ist d jc Rcp^?' 
einfach. In der Stadt Süd, w 
sion besonders schlifefe |S ’ - t ,nit d c 
Händler die Zusammen ar 
Menschenrccht sver^fegg^aiWl I 


§J§j 

^ n"' ,f 

——^cib 0 * 1 
Bei unserem Besuch in M <■ j^in 11 
nicht lange allein. ScWJ ^ 
nach unserer Ankunft ife B“ dic Y u 

anwältin Evin Aydar ersc e0 . / 

zeLEsgibthefüge Di^uAy^ 

uns ist das normal* »berich % ^asc rt 


uns ist das normal“,bericht 1 

die Vorsitzende des örtlic c g ^ n dig n 

rechtsvereins, „wir werden ^ 

derPoIlzei beschattet. Uns# 

werden eingeschüchtert un 








verhaftet.“ Während der Massenfestnah¬ 
men im vergangenen März hatte die Poli¬ 
zei sogar ihr Büro umstellt, damit nie¬ 
mand zu ihr durchkommen konnte. 

Akribisch listet sie alle Fälle von Fol¬ 
ter, Ermordung in Polizeihaft und Über¬ 
falle auf Dörfer auf, schickt Berichte an 
die Presse und internationale Menschen¬ 
rechtsorganisationen. Ihr Aktenstapel 
enthält eine erschreckende Bilanz. „In 
Kurdistan hat es immer Unterdrückung 
und Massaker gegeben“, sagt ihr Mann 

und AnwaltskollcgeZübeyirAydar, „doch 

meist gibt cs darüber keine Dokumente. 
Wir wollen wenigstens dokumentieren 
können, welches Ausmaß der unerklärte 
Krieg gegen die kurdische Bevölkerung 
hat.“ 

Die anwesenden Zivilbeamten unter¬ 
brechen das Gespräch. Wir werden in 
unser Auto gesetzt und müssen die Stadt 
verlassen. „Ohne Sondergenehmigung“, 
sagt man uns, „dürfen sie diese Provinz 
nicht betreten “ 

„Wir erteilen keine Sondergenehmi¬ 
gungen, Sie können ungehindert reisen“, 
antwortet einen Tag später der überfreund¬ 
liche Pressereferent des Sondergouver- 
ncurs in Diyarbakir. Dieser Sondergou- 
verneur regiert die acht kurdischen Pro¬ 
vinzen im Ausnahmezustand mit weit¬ 
reichenden Vollmachten. Seinem Befehl 
-unterstehen die Truppen und Sonderein¬ 
heiten, die jetzt an der Grenze die Flücht¬ 
lingsmassen in Schach halten und daran 
hindern, sich auf türkischem Territorium 
in Sicherheit zu bringen. Der Sondergou- 
yemeur ist auch für die katastrophale Lage 
in den Flüchtlingslagern der 1988 vor 
Saddam Husseins Giftgasattacke, geflo¬ 
henen irakischen Kurden verantwortlich. 
Damals hatte der Sondergouvemeur Hilfs- 
licferungen beschlagnahmt. Das, so be¬ 
fürchten die kurdischen Menschenrecnt- 
1er, kann jetzt auch wiedereintreten, wenn 
das Interesse der Weltöffentlichkeit erst- 
mal abgeklungen ist. 

Zum Schluß unserer Reise wollten wir 
uns von denFreunden im Menschenrechts- 
vercininDiyarbakirverabschieden. Doch 
daraus wurde nichts. „Der Vorsitzende 
m ußte untertauchen“, sagt uns die Sekre- 
tärin irn Menschenrechtsbüro in Diyar- 
bakü*, „seiteinigen Tagen suchtdie Polizei 
n ach ihm.“ 






v, 


Epgpapll 


Beim ersten Teil dieses Beitrags handelt 
es sich um Auszüge aus einer Rede , die 
Ronald Öfter inger bei der Demonstration 
inBerlinam lOA.fürmedico international 
gehalten hat. Beim zweiten Teil handelt es 
sich um seinen gleichzeitig für den SF 
verfaßtenReisebericht.RonaldOfieringer 
ist freier Journalist und Mitarbeiter von 
medico international. 


Photos: R. Maro/Umbruch Bildarchiv Berlin 







Wer eine „Krise ‘ braucht, produziert sie 

von Philipp Agee 1 
















Vorbemerkung der SF-Red.: Der folgen¬ 
de Text des ehemaligen CIA-Agenten 
Philipp Agee spielte während des Golf¬ 
kriegs in zahlreichen Diskussionen eine 
nicht unwesentliche Rolle. Er wurde 
andererseits immer nur zitiert oder in 
Auszügen publiziert, ein Umstand, der 
uns bewog, ihn hier nahezu vollständig 
abzudrucken. Agee, der seit geraumer 
Zeit in Nicaragua lebt, konzipierte diesen 
Text als Vortrag für eine 20-Städte-Tour 
durch die USA; er konnte diese Reise 
jedoch nicht antreten, weil ihm dasAußen- 

ministeriumNicaraguas auf Betreiben der 

CIA den Paß entzog. Jean Caiani von der 
Bewegung „Speak Out" (Organisatorin 
der geplanten Rundreise) mußte nun eine 

Kampagne für die Rückgabe von Agee's 
Paß anleiern. Daß der Text nicht zensiert 
werden konnte unddennoch rechtzeitig in 
die Diskussion eingebracht wurde, ver¬ 
dankt sich dem internationalen Mail Box 
System. 

Früher oder später mußte es so kommen— 
die grundlegende Umgestaltung der Mili¬ 
tärmacht der USA war wirklich nur eine 
Frage der Zeit. Umgestaltung in dem 
Sinne, daß eine nationale Verteidigungs¬ 
armee zu einer internationalen vermiet¬ 
baren Söldnerarmee wird. Mit einer natio¬ 
nalen Verschuldung von 3 Billionen 
Dollar, darunter800Milliarden Auslands¬ 
schulden, hätten dieUSA irgend wann eine 
geeignete Krise finden oder produzieren 
müssen —eine Krise, die es dem Präsiden¬ 
ten erlaubt, die Armee wie einen natio¬ 
nalen Exportartikel zu vermieten, um eine 
Umstellung der Wirtschaft von militäri¬ 
schen auf zivile Zwecke zu verhindern. 
Die Irakische Invasion in Kuwait - allem 
Anschein nach konnte sich der Irak von 
der US-Regierung zu diesem Schritt 
ermutigt fühlen - stellt nun diese geeig¬ 
nete Krise dar. 

Nicht lange nach der Invasion sah ich 
im Spanischen Fernsehen, Bush zu den 
Waffen rufen: „Unsere Lebensweise“ 
stehe auf dem Spiel sagte er. Daraufhin 
verfolgte ich in den darauffolgenden Tagen 
die Nachrichten in Fernsehen und Presse. 
Ich wollte die zehn Millionen Menschen 
in diesem Land sehen, die nun vor Freude 
auf die S traße gehen würden, um zu feiern, 
daß ihre Tage der Armut, der Obdachlo¬ 
sigkeit, des Analphabetentums und der 
nichlvorhandenen Krankenfürsorge nun 
ein Ende haben sollten. 

Wie die meisten von Ihnen sah ich 
stattdessen Bushs „ Way ofLife Fischen, 
Bootfahren und Golfspielen an der Küste 
von Main. Jene Art zu leben, wie sie die 
etablierten Mitglieder der Ostküstenelite 


zu führen pflegen. 

Wie viele von Ihnen haben Freunde 
oder Verwandte direkt in Saudi-Arabien 
oder im Gebiet desPersischen Golfs? Ich 
frage, was sie fühlen, so dicht davor, ihr 
Leben zu geben, um ein feudales König¬ 
reich zu beschützen, wo Frauen wegen 
Ehebruch zu Tode gesteinigt wurden, wo 
Dieben die Hand abgehackt wurde, wo 
Frauen nicht dasselbe Auto oder 
Schwimmbad wie Männer benutzen durf¬ 
ten. Wo Bibeln verboten und keine Reli¬ 
gion außer dem Islam erlaubt waren. Wo 
Amnesty International Folter als Routine 
bezeichnet hat und wo im letzte Jahr 111 
Menschen hingerichtet wurden. Sechzehn 
davon waren politische Gefangene. Bis 
.auf einen Verurteilten wurden alle Ent¬ 
hauptungen öffentlich vollzogen. Doch 
nicht mit der Guillotine, nicht mit einem 
sauberen Schnitt, sondern mit einem gro¬ 
ßen Krummschwert, welches - wie ein 
Augenzeuge berichtete - mehrere ver¬ 
schiedene Schnitte erforderlich macht. 
Nicht, daßsich Saudi-Arabien oder Kuwait 
vor der Invasion in der.politischen Unter¬ 
drückung von den anderen, durch die US A 
unterstützten Verbündeten unterschieden 
hätten. Warum also für diese korrupten, 
brutalen Familiendiktaturen sterbe? Bush 
sagt: „Wir stoppen eine Aggression“. 
Wenn das so wäre, hätten die US-Streit- 
kräfte nach der Landung zuallererst die 
Regimes der Golf-Emirate, die Scheichs 
und Könige, absetzen müssen, denn diese 
begehen die schlimmsten Aggressionen 
gegen ihre eigenen Völker, ganz beson¬ 
ders gegen die Frauen. 

Soweit ich es weiß, haben die Massen¬ 
medien darüber noch nichts verlauten 
lassen: Bush wollte, daßderlrak in Kuwait 
einfällt, hat ihn gar ermutigt. Folgerichtig 
weigerte er sich, die Invasion zu verhin¬ 
dern, als ihnen das noch möglich war. Ich 
komme noch einmal darauf zurück. Aber 
zunächst einen kurzen Rückblick darauf, 
wodurch diese Krise hervorgebracht 
wurde. Sagt Ihnen der Name Cox etwas? 
Sir Percy Cox? 



Dieser Mann ist im historischen Sinne 
verantwortlich für die heutige Golfkrise. 
Sir Percy Cox war Großbritanniens gro¬ 
ßer Kommissar in Bagdad nach dem 
1.Weltkrieg. Er zog 1922 die Linien in 
den Sand, welche zum ersten Mal inter¬ 
nationale Grenzen zwischen Jordanien, 
Irak, Kuwait und Saudi-Arabien brach¬ 
ten. Und in jedem dieser neuen Staaten 
halfen die Briten, die regierenden Monar¬ 
chien zu festigen. Monarchien, durch 

9 


welche britische Banken, Handelsfirmen 
und Ölgesellschaften ihre Monopole er¬ 
richten konnten. Wie auch immer, Ku¬ 
wait gehörte über Jahrhunderte zu der 
Provinz Basra des Osmanischen Reiches. 
Irak und die Irakis anerkannten S ir Percys 
Grenzen zu keinem Zeitpunkt Er zog 
diese Grenzen, wie Historiker bezeugen, 
um den Irak von einem lebenswichtigen 
Seehafenam Persischen Golf abzuschnei¬ 
den. Die Briten wollten keine Bedrohung 
ihrer Vorherrschaft im Golf durch die 
Iraker. Nicht weniger als 10 Scheich tümer 
-darunter Kuwait-haben sie in britische 
Kolonien umgewandelt. Das „Teile und 
Herrsche“-Prinzip hatte seit Beginn in 
dieser Gegend gut funktioniert. 1958 
wurde die von den Briten installierte 
Monarchie im Irak durch einen Militär¬ 
putsch gestürzt. 

Drei Jahre später, 1961 entließen die 
Briten Kuwait in die Unabhängigkeit. 
Daraufhin zog das irakische Militärre¬ 
gime an der Grenze zu Kuwait Truppen 
zusammen und drohte, sich das Territo¬ 
rium mit Gewalt zu holen. Sofort kon¬ 
zentrierten die Briten Truppen und der 
Irak zog sich zurück - die Grenzen nach 
wie vor nicht anerkennend. Ähnliche 
Drohungen des Iraks gab es 1973 und 
1976. 

Diese Geschichte, Saddam Husseins 
Rechtfertigung für die Annexion Kuwaits, 
ist für jede/n in Büchern nachlesbar. 
Wochen verstrichen, und ich wunderte 
mich, warum die „International Herold 
Tribüne“ die Artikel aus der „Washing¬ 
ton Post“, „New York Times“ und von 
Nachrichtenagenturen veröffentlicht, 
diesen Hintergrund aber nie aufdeckte. 
Schließlich - einen Monat nach der Inva¬ 
sion -brachte die „Herald Tribüne“ einen 
Artikel von Glenn Frankel aus der „Wa¬ 
shington Post“ über den historischen 
Kontext. Diese Geschichte müßte man 
nun auch in „Time“ und „Newsweek“ 
finden können. Im Gegensatz dazu ist 
„Time“ soweit gegangen, Iraks Ansprüche 
als „ohne jede historische Grundlage“ zu 
bezeichnen. Das überrascht kaum, seit 
man versucht ist, die Seite Iraks heraus- 
zustellen, die eine Kampagne zur Hitle- 
risierung Saddam Husseins ermöglicht. 

Genauso fehltin der Berichterstattung 
die Rolle der CIA in den frühen 70er 
Jahren, damals hatte sie den bewaffneten 
Kurdenaufstand im Irak angeregt und 
unterstützt. Die CIA verschaffte - ge¬ 
meinsam mit dem Schah von Persien - 
den Kurden 16 Millionen Dollar für die 
Waffen und andere Ausrüstungen. Dies 
trug letztlich dazu bei, daß Irak im Krieg 
um die Kontrolle des Schat-AI-Arab 1975 




gegenüber dem Iran kapitulieren mußte. 
Schat-AI-Arab ist die Mündung von 
Euphrat und Tigris und stellte die binnen¬ 
ländische Trennung der beiden Staaten 
am Golf dar. Abgesehen davon ist dieses 
Gebiet Iraks einziger Zugang zum strom¬ 
aufwärts gelegenen Hafen in Basra. Fünf 
Jahre später, 1980, überfiel der Irak den 
Iran. Die von der CIA unterstützte Ein¬ 
verleibung der Mündung durch den Iran 
sollte rückgängig gemacht und die ira¬ 
kische Kontrolle über dieses Gebiet .wie¬ 
deretabliert werden. Damit begann der 
acht Jahre lang andauernde Krieg, der 
Millionen Menschen das Leben kostete. ^ 

Unabhängig von Iraks historischen An¬ 
sprüchen auf Kuwait und dem lebens¬ 
wichtigen Zugang zum Meer trafen vor 
der Invasion zwei Kontroversen aufein¬ 
ander. Die erste war die um den Ölpreis. 
Die OPEC hatte 1986 den Preis auf 18 
Dollar pro Barrel festgelegt und um die¬ 
sen Preis zu halten, ihn an Produktions¬ 
quoten gekoppelt. Kuwait und die Verei¬ 
nigten Arabischen Emirate überzogen 
diese Quote jedoch und drückten so den 
Ölpreis auf ca. 13 Dollar pro Barrel. Irak, 
- belastet durch 70 Milliarden Dollar 

Kriegsschulden-verlor durch diesen Preis 


Milliarden von Dollars an Haushaltsein¬ 
nahmen, die zu 95% von den ölexm^n 
abhangen. Gleichzeitig erfreuen sich die 

Jahren und d . er i . besten 0I P re| seseit40 
Jahren und drucken sie durch den abire 

werteten Dollar noch weiter g 

leitete der ^ nspruch S e gen Kuwait 

Wtod deM T dnCm DiebstahI ab: 


»nd nf“Jg'J-Ö 

ÄrSÄ: 

der Irak T™™ ImJuh konzentrierte 
. lrak lru Ppen an der Gre^ v 

waii, gleichzeitig trafen sich die OPEC* 
Minister in Genf. Unter 
akzeptierten Kuwait und die Vei”' 
Arabischen Emirate ^ 

denÖ| rderqUOten ' Dazu erhöhte dieOPEC 

verstärkte seine TrupL * 

von 10.000 auf SM OOO ^nT 
! • August trafen sich irakische und v ^ 
hsche Unterhändler in Saudi a 
erreichten aber kd J*. . Arab ™' 

Schulden, d^öldtebsWh, 18UngÖberdie ’ 

g angzumMeeÄ^T n n d d denZU ' 

•***«*££*£*■ 


AlleRückblicke auf dieZeit vorder Inj 2 ' 
sion, erhärten den Eindruck, daß die 
Politik darauf hinauslief, Hussein z 
ermutigen und als die Invasion an ]C ’ 
nichts zu tun, ihn davon abzubringen* 

7 i - Tran 


Während des Krieges gegen 


den Ira n 


standen die USAauf der Seite Iraks. D‘ e 

Politik behielten sie bei , - z “ 
2. August, dem Tag der Invasion in 
wait Der beratende Außenminister 

den Mittleren Osten, John Kelly. ste 
im April vordem Kongreß fest, daß 62 

die USA keinerlei Veranlassung f? e ^ 

Kuwait zu verteidigen. Am 25.Ja <> 
sich irakische Truppen an der kuwaitisc ^ 
Grenze konzentrierten, traf sich dj e 
schafterin der USA im Irak, A P nl ° ^ 
pie, mit Hussein. Berichte über 1 
Treffen gaben die Iraker Mitte Augu 
die „Washington Post“. Laut di cseI \ w 

richten, die vom Außenministerium _ 

dementiert worden sind (im Fc 
wurden sie es doch noch.W -H.). cr 

Botschafterin, sie sei von James 
instruiert worden, Hussein mitzUt .. in e 
daß die USA zum Grenzkonflikt 

Meinung“ hätten. Unter dem Em ■_ 
der Truppenbewegungen an der 
tischen Grenze fragte sie HuSSC ‘" a ; t 

was seine Absichten in bezug au ^ 

seien. Hussein erwiderte, daß die 












tischen Handlungen auf einen „Wirt¬ 
schaftskrieg“ und auf militärische Ak¬ 
tionen gegen uns“ hinauslaufen würden. 
Er sagte, er hoffe auf eine friedliche Lö¬ 
sung, aber falls dies nicht möglich wäre, 
sei „es klar, daß der Irak seinen Tod nicht 
hinnehmen wird“. Eine deutlichere Erklä¬ 
rung der Pläne ist kaum vorstellbar. Die 
Botschafterin überbrachte keine Warnung 
von Bush oder Baker, etwa dahingehend, 
daß die USA gegen eine Invasion Vorge¬ 
hen würden. Im Gegenteil, die Antwort 
der Botschafterin war, sie habe „eine di¬ 
rekte Instruktion vom Präsidenten, bes¬ 
sere Beziehungen zum Irak herzustellen“. 
Am selben Tag verhinderte Kelly eine 
Sendung der „Voice of America“, in der 
der Irak gewarnt worden wäre, daß die 
USA auf jeden Fall bereit seien, ihre 
Freunde am Golf zu verteidigen und daß 
Kuwait zu diesen Freunden gehöre. 

Während der Gesprächswoche zwi¬ 
schen der Botschafterin und Hussein und 
während der Invasion, verbot die US- 
Regierung jede Warnung an Hussein oder 
die Tausende von Menschen, die even¬ 
tuell Geiseln werden konnten. Die Bot¬ 
schafterin kehrte fast routinemäßig nach 
Washington zurück. Zwei Tage vor der 
Invasion erklärte Kelly nochmals öffent¬ 
lich vordem Kongreß, daß die USA keine 
Veranlassung hätten, Kuwait zu vertei¬ 
digen. Dabei bezog er sich auf Pressebe¬ 
richte und Senator Boren (dem Vorsitzen¬ 
den des Informationsbüros des Senats), 
wonach der CIA die Invasion in ein paar 
Tagen erwartete. 

Zählt man diese Ereignisse zusam¬ 
men und nimmt die fehlende Öffentliche 
wie inoffizielle Warnung hinzu, ergänzt 
man, daß die USA keinen Versuch unter¬ 
nahmen durch eine internationale Oppo¬ 
sition die Invasion rechtzeitig zu verhin¬ 
dern und setzt voraus, daß der USA eine 
Invasion nicht gleichgültig sein konnte, 
muß man sich fragen, ob die Politik der 
Bush-Regierung nicht tatsächlich auf eine 
Ermutigung Husseins hinausgelaufen ist, 
diese Weltkrise zu provozieren. 

Irak hal(te) Chemiewaffen und hatte 
sie gegen den Iran und seine eigene Be¬ 
völkerung, gegen die Kurden, eingesetzt 
Es war zudem bekannt, daß der Irak in 2 
bis 5 Jahren in der Lage sein würde, Atom¬ 
waffen zu bauen. Er hatte das m i 1 i tärische 
Kräftegleichgewicht durch seine 1 Mil- 
Bon Mann starke Armee bereits völlig 
durcheinander gebracht, er strebte nach 
der Führungsrolle der arabischen Staaten 
im Kampf gegen Israel und er bedrohte 
die westlich orientierten Staaten, d.h. die 
feudalen Regimes - nicht nur Kuwait. 
Kuwait erstmal einverleibt, hätte er die 
Kontrolle über 20% der Weltölreserven 


erlangt. Eine solche Machtkonzentration 
wäre - in den Händen radikaler Nationa¬ 
listen - annähernd mit der Macht der 
Sowjetunion vergleichbar, die zudem als 
Hauptlieferant des Iraks gilt. Saddam 
Hussein war damit das perfekte Subjekt 
um eine Krise zu inszenieren, und er eig¬ 
nete sich sogar weit besser für die - eine 
Invasion begleitenden—Dämonisierungen 
durch die Medien als vor ihm Ghaddafi, 
Ortega oder Noriega. 


Das Naheliegendste fiel mir zum Schluß 
ein, als Bush jene Worte gebrauchte, daß 
„unsere Lebensweise“ auf dem Spielslehe. 
Diese Worte erinnerten mich an Trumans 
Rede im Jahr 1950, die den Widerstand 
des Kongresses gegen den Kalten Krieg 
brach und mit denen zugleich eine 
40jährige Periode begann, in denen das 
Pentagon über die US-Wirtschaft domi¬ 
nierte. 

Es lohnt sich, diese Truman Rede 
auszugraben, weil Bush die Golfkrise dazu 
benutzt (ähnlich wie Truman den Korea- 
Krieg benutzte) um einen militärischen 
Keynesianismus zu rechtfertigen, der die 
wirtschaftlichen Probleme der USA lösen 
soll. Das würde bedeuten, daß enorme 
Gelder in militärische Ausgaben fließen, 
um einer wirtschaftlichen Depression zu 
begegnen, während gleichzeitig die 
Ausgaben für zivile und soziale Zwecke 
weiter gekürzt werden könnten, was einer 
Fortsetzung der Politik Reagans (und 
Bushs) aus der zweiten Hälfte der 80er 
Jahre gleichkommt. 

1950 verabschiedete die Traman- 
Regierung ein Dokument zur Nationalen 
Sicherheit (NSC-68), das den schnellen 
Ausbau des US- und westeuropäischen 
Militärsystems vorsah. Dieses Dokument 
war 25 Jahre lang streng geheim; es wurde 
1975 irrtümlich freigegeben und veröffent- 
licht. Das Ziel von NSC-68 lag darin, über 
die militärische Expansion das Abgleiten 
der US-Wirtschaft nach dem 2. Weltkrieg 
zu stoppen. Innerhalb von 5 Jahren war 
das US-Rruttosozialprodukt um 20% 
gesunken und die Arbeitslosigkeit war 
von 700.000 auf 4,7 Millionen angestie¬ 
gen. Die amerikanischen Exporte, konn¬ 
ten, trotz Marshall-Plan-Hilfe diesen 
Verfall der Ökonomie nicht ausgleichen. 
Die Remilitiarisierung West-Europas 
sollte den Transfer von Dollars, zur Unter¬ 
stützung der Verteidigung, ermöglichen, 
die im Gegenzug für europäische Importe 
aus den US A verwendet werden konnten. 
Anfang 1950 wurde das Szenario in NSC- 
11 


Nr.55 Mai/ Juni 1991 

Mcttf 

Einzelheft 4DM. Abo 6 Hefte 20DM 
Slsina, PF 360527, 1 Berlin 36 
Tel.: 030/612 10 40 
Sonderkonto Zeitung Dietrich 
Postgiroamt Berlin, Kto.:31502l09 



DER KRIEG 

Aktionen 
Reaktionen 
und danach? 



Kritik der Wissenschaft 
Gengesellschaft? 
Ökonomie des Hungers 


Türkei 

"ddr“ 

Reunion 

u.a. 













68 folgendermaßen beschrieben: 

„Die USA und andere Staaten der 
freien Welt werden innerhaln der näch¬ 
sten Jahre einem Niedergang der Wirt- 
schafi beiwohnen, der ernste Ausmaße 
annimmt, wenn nicht mehr positive Regie¬ 
rungsprogramme entwickelt werden. " 
Die Lösung, auf die man verfiel, war 
der Ausbau des Militärs. Allerdings fehlte 
di e Unterstützung des Kongresses 
und der Öffentlichkeit und das aus meh¬ 
reren Gründen, nicht zuletzt aber weil 
dieses Programm höhere Steuern nach- 
sichgezogen hätte. 


Damit war die GebmÄd^^ 
Kneges eingeläutet, erfunden von Tru- 
mans Außenministerium unter Dean 
Acheson Eiurch e i ne Angstkampagne in 

KrLlef'T WUrdC dne P erm ^ nen te 
Kriegsgefahr geschaffen. Aber eine 

Medienkampagne war auf die Dauer nicht 
ausreichend. Eine richtige Krise war nö¬ 
tig, und sie kam in Korea. Joyce und 
Gabriel Kolko zeigen in ihrer Geschichte 
der Jahre von l<M5bis 1955 „The Limits 
of ower , daß die Truman-Regierung 
diese Krise manipulierte, um den Wider- 
sümd gegen den Ausbau des Militärs zu 
uberwinden, und ein Rückblick auf diese 
Ereignisse zeigt deutliche Parallelen zur 
Golfknse 1990. 

Korea war nach dem Ende des 

2.Weltknegsentlangdes38. Breitengrades 

von den US A und der Sowjetunion in eine 

S? T? SÜdhälfle S eteilt w orden. 
Wahrend der 5 folgenden Jahre kam es 

nicht zur Ruhe: zuerst kämpften revolu¬ 
tionäre Kräfte im Süden gegen die US- 
Besatzungstruppen, dann wehrten sichdie 
eingesetzten Regierungen, zuerst die im 
Süden gegen die USA, später die im 
Norden gegen die Sowjetunion. Beide 
Staaten drohten damitdasLand mitGewalt 
wiederzuvereinigen und schwere Grenz¬ 
zwischenfälle waren an derTagesordnung 

Im Juni 1950 marschierten schließlich 
nordkoreanische Verbände über die Gren¬ 
ze inRichtung Seoul, dersüdkoreanischen 
Hauptstadt. Damals wurdeder nordkorea¬ 
nische Zug als „nackte Aggression“ be¬ 
zeichnet; aber I.F. Stone (vgl. zu seiner 
Person: »J.F. Stone: eine persönliche Rede 
über die Voraussetzungen für Gegen¬ 
öffentlichkeit,« in: SF-4/89, lfde Nr 33) 
hat in seiner „Hidden History of the Ko- 
rcan War“ überzeugend nachgewiesen, 
daß die Invasion durch Südkorea und 
Taiwan, einem anderen US-KIienten, 
provoziert worden war. 

Einen Monat lang zogen sich die süd¬ 
koreanischen Streitkräfte praktisch ohne 


zu kämpfen zurück und luden dadurch die 
nordkoreanischen indirekt ein, ihnen in 
eni Süden zu folgen. In der Zwischenzeit 

landete TrumanamerikanischeStreitkräfte 

unter einem UN-Mandat. Gleichzeiüg 
hielt er eine dramatische Rede vor dem 
onpeß für die Bewilligung weiterer 10 
Milliarden Dollar, die neben den Aus- 
rustungen fQr Korea d er US - und europäi¬ 
schen Aufrüstung zufließen sollten. Der 

Kongreß weigerte sich. 

Darauf traf Truman eine folgen- 
schwere Entscheidung. Im September 
, über drei Monate nach Ausbruch 
es Konflikts, begannen die USA, Süd¬ 
korea und einige andere Truppen anderer 
Länder unter der Flagge der Vereinten 
Nationen die Nordkoreaner zurückzu- 
drangen. Innerhalb von drei Wochen 
wurden sie geschlagen wieder über die 
renze, den 38.Breitengrad, nach Nord¬ 
korea getrieben. Das hätte das Ende der 
Geschichte sein können, wenigstens das 
militärische Ende, hätten die USA die 
Resolution der Sowjetunion für einen 
Waffenstillstand akzeptiert und UN-kon- 
trollierte, landesweite Wahlen zugelas¬ 
sen. Truman brauchte jedoch eine längere 

Knse um den Widerstand im Kongreß 
und der Öffentlichkeit für eine Wieder- 

dfe UnT ^ Überwinden - Und ^gleich 
die UN-Resolution unter der die US-Sol- 

daten kämpften nur dasZurückweisen der 
nor^orean,sehen Aggression abdeckte, 
JJ? Truman andere Ziele. Anfang Ok¬ 
tober überschritten US-amerikanische und 
sudkoreamsche Streitkräftc den 38 Brei¬ 
tengrad m Richtung Norden und rückten 
ghnell bis zum Fluß Yalu vor, dcr die 
Grenze Nordkoreas zu China bildet und 

an dem erst ein Jahr zuvor die von den 

vo n ^ £ ^ Üt2teKuomin tong-Regierung 

kommunistischer Dikaiurzu vereinigen” 

Wie vorauseusehen traten die Ch S 

mN^emteintoKriegeinuS'S" 

wiederzumR- U iI d 3 llcrtcn Streilkräfte 
Schnee zeigten, hinter ihnen Horft 00 “ 

von chinesischen Truppen - hielt T n d 

eine Rundfunkrede und erklärte !t Truman 
nalen Notstand. Die WrinS " naUo ' 
wählte, wurden von Bu i, u" ^ 

^^„our^^S 

bemühte all 

1 ^ 


Gefühlsduseleialsersagte: „ Unser e > 
unsere Nation, all die Dinge an ie 
glauben sind in großer Gefahr. 1 
Gefahr wurde von denRegierenden » 
Sowjetunion ausgelöst.“ AnschllC ^, n . 
rief er wieder nach massiven Ausga 
erhöhungen für militärische Zf ec '0, 

neben dem, was in Korea gebrauc 

de, der Aufrüstung der US- und cur0 
sehen Streitkräfte zugute komm cn 

tcn. v -ne 

Selbstredend gab es überhaupt " 
Bedrohung durch die Sowjetunion. ^ 
man führte die koreanische Situauo 
die Russen zurück, in der Absic 
emotionale Hysterie hervorzurufen, 

falsche Bedrohung, um seine Vpr 
die großen Geldbeträge durch , ° n , 
greß zu bekommen, der sie schon c ^ 
abgelehnt hatte. Wie wir heute wiss . 
Trumans Täuschung funktioniert- 
Kongreß willigte ein, wie die Sc a 
den gleichen Büros heutzutage. Die 
Militärausgaben verdreifachten sic > 

13 MiUiarfen 1950 auf 44 Mil>■"£ 
1952 und die Sorte der US-S1W»® 
wurde auf 3,6 Millionen verdoppe 11 

Korea-Krieg dauerte im Vergleich zu 
möglichen Waffenstillstand 3 ^ r *L nte r 

ger und kostete Millionen Opfer, ^ 

34.000 tote US-Soldaten und mem 
100.000 Verwundete. Aber den 
verhalf Korea zu einer pertn an ^ 
Kriegsökonomie; - einer Rca J'“ t, A bc „. 

die letzten 40 Jahre gelebt na 



Wo Hegen weitere 

sillf 


Zunächst handelte es sich in 0 6 

Juni 1950 ebenfalls um Grenzpro ^ 

und Vereinigungsfordeningen, 16 a . 

lierbar waren. Zweitens hatte der 
lige Außenminister Dean Acheson 
ger als sechs Monate vorher p ^ 
erklärt, daß Südkorea außerha ' ie in 
amerikanischen Verteidigung* in ^ 
Asien läge, geradeso wie der ste 
tende Außenminister Kelly jede attß 

digungsabsichtKuwaitsdementic ^ 

Drittens erreichten die USA sc .^ sC he 

UN-Mandat für ihre massive mi' ^jc- 

Intervention, aberbegrenztauf das ?uf 

werfen der Nordkoreaner und nl . n ijch 
Eroberung Nordkoreas. Ganz jne 
deckten die UN-Resolutionen heu 
Verteidigung Saudi-Arabiens, a 
nen Angriff auf den Irak. Ganzim ^ 
satz zu den Absichten der Krieg® 
die täglich Äußerungen fallen ^ 
die USA womöglich „gezwung^ {jfT 
den Irak anzugreifen, selbst 0 j c g S - 
Rückendeckung oder ohne eine 
c.rklärung durch den Kongreß- 






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CIA-Politik 








































seeische Einsatzzentralen, waren es drei 
a e später 2000 Mitarbeiter und 47 
Emsatzzentralen. In der gleichen Zeit 

UdgetV ° n4 ’ 7 Mlüi0nen Dollar 
auf82M.ll.onen Dollar angehoben. 

der 50er ^hre hieß der 

1 l"? mehr ausschließlich Sow- 

3 • ° aS aus 8 eweit ete Konzept 

„Internationaler Kommunismus * drück- 

Verschwöi We ' te AbS ‘ CtU der 8 eheimen 

, erte " durch Moskau besser ab. Ein - 
dem 6 j e J’ eH1 ™ gehaltenes - Dokument aus 
dem Jahr 1955 beschreibt die CIA- 

• U f^ ben ' " Die Probleme des interna- 
onalen Kommunismus sind zu schüren 

2 aus ™“tzen, der internationale 
ut ,7H Un l Sn } U f m ln Mißkredit zu bringen 
und die Starke seiner Parteien und Or¬ 
ganisationen ist zu reduzieren. Die kom- 

derW S l C l heK ° ntr0lle ^W^eden Teil 

t, 1 n m rÜck 8 än W « ™chen ... 

solche Operationen sollen sich speziell 

Sn2f lenS n Ch T Mhtel b€dienen und 

können u.a. beinhalten: Propagandaar- 

b Krieo° l f! l u Che Mqßnahmen ' ökonomische 
negsführung, präventive direkte Ak 

'^■^eSa t c, aee .ae g Z2. 

Z’p ?° run8 ’ Flucht und Läsion 
ä Evakuierungsmaßnahmen. Die sub- 

tZ S ‘nT A r kti0nen Wen feindliche Staa- 
en oder Gruppen beinhalten die Unter¬ 
stützung von Widerstandsgruppen im 
ntergrund, Guerrillabewegungen oder 
Befreiungsgruppen aus Flüchtlingen 
genauso me die von Minderheiten Ind 
antikommunistischen Elementen in be- 
drohten Ländern der freien Welt; auch 
Täuschungsmanöver oder andere ver¬ 
gleichbare Aktivitäten ..." 

Ein anderes Dokument aus der glei¬ 
chen Zeit hält - i„ Auszügen - ?« . 

Verhaltens können nicht aufrechterhal- 

-* traditio ^ °%SL 

nischen Konzepte des Fair Play müssen 
neu überdacht W erden... wir ZüssTe] 
ernen unsere Gegner mit subversiven 
Methoden, Sabotage und Zerstörung auf 
bessere und effektivere Weise zu treffen 
als diese uns. Es wird nötig sein, daß die 
amerikanische Öffentlichkeit damit ver 
traut gemacht wird und daß sie diese 
grün sätzliche und im Widerspruch zum 
eigenen Anspruch stehende Philosophie 

der r^A c In diesem Sinne organisierte 
der QA ab Ende der 40er Jahre bis in die 
Mute der 50er geheime Sabotage und 

Propagandaaktionen in jedem Land Ost 
europas, einschließlich der Sowjetunion 
Sie versuchten Rebellionen anzufachen 
und sabotierten die Bemühungen der 
Lander, die Zerstörungen des 2.Weltkriegs 
zu überwinden. Obwohl diese Operatio¬ 
nen in der Sowjetunion selbst erfolglos 


f “ ™a. uas ein einfaches Operations- 
teld abgab, wie ein früherer CI A-Offizier 
schrieb, weil man vordem Mauerbau nur 
ein paar gute Dokumente und eine Zug- 
fahrkarte brauchte. 

Ab 1949 organisierte der CIA Sabo- 
tageaküonen gegen Ziele in Ostdeut¬ 
schland in der Absicht den Wiederaufbau 
und die wirtschaftliche Erholung dort zu 
verlan gsa m en , Zweck war es, den Kon- 

Kontmli? UtSCh !f ndSUnterSOWjctischer 
Kontrolle zu Westdeutschland, das 

damals Milliarden von US-Dollars zum 

Wiederaufbau erhielt möglichst groß 

werden zu lassen. In seiner ausgezeich 

n« Geschieh* d„ CIA 

Blum eine erstaunliche Anzahl von Zer- 

tomngenauf:DurchExplosionen, B iS d . 

. f 8 ’ |^ urzsc Müsse und andere Metho 
den beschädigten sie Elektrizitätswerke 
Werften einen Damm, Kanäle, Hafenan 
Läden Ö ^ entbcbe Gebäude, Tankstellen' 

SsSSgas 

gestützt wurden. Sowjetunion 

^Ätwi hrc ' indera " 

Wes.ve rfMti g th 8 atK t* S £c?A U " d 

'eformisti^^^feUsche, 
gungen der sogenannte e j^ lun g s bewe- 
zerstören; er setzte not v D ^ tten We,t zu 

(FolterundTodesscCa^ on e A ePreSSi0n 

em wie den Militärpu^ ! } genaUS ° 
irisch gewählte i? • ^ e ^ en demo- 

“'SÄT' A “ h 

Contras in Nicaragua ’ ,ezu,etzt die 

RogierungenauS^ S" **» 

Dimension des KaSf£j* Nonl -SM- 



kommen dTAli, rdieRohst «ffvo : 
Märkte zu erlat^^ und ^e 
heute weiterverfolgt wird T °L ltiIc ’ die bis 
glaubt, daß der Kalte £ d ' Jede/r ’ der /die 
sollte noch einmal LS® 8 Zuende kt. 

D -Ost-West-Ko f ^ rnaChden ^n- 
dem KoUaps des Komm dÜrfte mit 
europa in 

Dimension, wo die k?^ 16 Nord -Süd- 
gefochten werden ist voll ^ k ° nkret aus ‘ 
gegenwärtige Goifkrise JJ 

Ep'sode. Sie erlaubt der ß ' i t 10 " euste 

^ter dem Vorwand ein^r „ giemng 

ordnun 8 “ dieN 0 fc:: 


institutionalisieren. Angenommen ■ 
Erfolg, ist eine Fortführung des affl e 
nischen Militarismus innerhalb ^ 

neuen multilateralen internationalen 


werks beabsichtigt. James Baker n ^ 
Stimmung mit seinen Vorschläge 

eine NATO-ähnliche Golfallianz W 
angetestet; William Safire hat sie 
GULFO genannt [ g6 . 

(...) (Agee glaubte in der hie 
lassenen kurzen Passage nicht ai - c 
Blitzkrieg, sondern nahm, - * n ^ 
zu Trumans Politik an daß e*n® j ef 
anhaltende Krise für die Absic te 
Bush-Regierung gewinnbringen c 

ur ri\ 



Wenn man alle US- Verteidigung ^ 
gaben zusammenzählt kommt m ^ 
mehr als das doppelte der offizie e en 

des Staatshaushalts - einige 
gehen davon aus, daß 2/3 des Bu ^j. 

der ein oder anderen Weise m r 
digung ausgegeben werden. herhe jt“ 
Die sogenannte,Rationale t>* c , ^ 
hat in den letzten 40 Jahren all der V 
»im Spiel waren« einen enormen ^ 
tum und Macht gebracht Es hat^an 

4 


seits die Kontrolle über die Bevc 


——J «IV iwiiw VMV 4 onflCl 

dieses und über diejenige vieI ^ > un d 

Länder bedeutet Bush und sein ^ 

alle die es repräsentieren, wer .^ m lau- 
Notwendige tun, um das »Sp* 6 jjesef 
fen“ zu halten. Wenn jemand an sic „ 
Aussage Zweifel hat, sollte er/s ; ^ 


daran erinnern, daß unmitte . . 
Beginn der Krise, die Kosten P r0 ^ V/Uf - 
wurden, wobei davon ausgeg^ng . f 


de, daß Desert Shield länger al ® 
dauern könnte und daß ^\o- 

penverbände permanent am Go ^ 
niert werden würden. Man m ^. r .«rindü' 
Freude der amerikanischen M 1 > ^ 

strie über diese Krise vors f 11 ^ er icbc a 
wenige Monate zuvor über ihr , 
in eine Nach-Kalten-Kriegs-A^^s 
mert hatten. Noch nicht e * nm T vaS iofl 
Wochen nach der irakischen ^* en - 
konnte das Pentagon den größten ^ 

verkaufseiner Geschichte vermo ^ 

21 Milliarden Dollar gingen a ; 
Saudi-Arabien. 

Auch ein guter Deal für ^ aü g 0 j)öl- 
bien, das - nach dem Anstieg züI n 
Preises - in den 14 Monaten 

Ende des US-Haushaltsjahres) 

40 Milliarden Dollar mehr jes 
würde. Nimmt man die Kalku a ^ ^ c 
Pentagon, das in derselben -%s 


Operation Desert Shield 18 


ansetzt, würden die Saudis s ic 
schauen der Golfkrise - selbSt ., J, 
diese 18 Milliarden allein bezan 


: 'V. '!: V 

• • 



sie angesichts anderer Mitfinanziers nicht 
tun müssen -mehr als 20 Milliarden Dollar 
verdienen. Aber man weiß, daß ein Öl¬ 
preis, der über 25-30 Dollar pro Barrel 
hinausgeht für die Saudis und Husseins 
und andere erdölfördemden Länder kon¬ 
traproduktiv ist. Alternative Energien und 
Energiekreisläufe werden lukrativ. Sad¬ 
dam Hussein mußte 21 Dollar akzeptie¬ 
ren, aber selbst wenn er- unter Einschluß 
der Kontrolle über Kuwait-den Preis auf 
25 Dollar hochdrücken hätte können, wäre 
dies für die USA und andere Industrie¬ 
staaten noch machbar geblieben. Statt- 
dessen ist der Preis infolge der Krise 
(kurzzeitig, W.H.) bis auf 40 Dollar pro 
Barrel geklettert und droht nun die Welt in 
eine Depression zu stürzen. ... Aber es 
geht ja in diesem Artikel nicht um den 
Ölpreis oder um die Erhaltung feudali¬ 
stischer Staaten. 

Es gehtum’s Prinzip. „Nackte Aggres¬ 
sion“ kann nicht geduldet werden und 
keiner darf davon profitieren. Deshalb 
werden junge Amerikaner geopfert. Das¬ 
selbe sagte Truman 1950 als er deren Tod 
für einen S taat rechtfertigte, der einen der 
übelsten Polizeistaaten der Welt darstell- 
le - Als ich Bush’s Wiederaufnahme die¬ 
ser Argumentation las, würgte es mich 
fast. 

Als Bush Saddam Hussein wegen 
»nackter Aggression“ anklagte, muß er 
v on einem sehr kurzen Gedächtnis der 
Welt in Bezug auf die US-Geschichte. 
au sgegangen sein. Eine Tatsache sollten 
wir aber nie vergessen: die Außenpolitik 
einer Nation ist ein Produkt seines Herr¬ 
schaftssystems. Wir sollten unser Herr¬ 
schaftssystem nach den Gründen abklo- 
Pfcn, warum Bush und seine Riege die 
Krise brauchten, um eine Abrüstung zu 
verhindern. j 

Erstens: Wir wissen, daß das Herr¬ 
schaftssystem in diesem Land in der 
Krise steckt; wir wissen, daß in allen 
Phasen der Geschichte außenpolitische 
Krisen dazu verwendet oder provoziert 
wurden, um die Aufmerksamkeit von den 
heimischen Problemen abzulcnkcn -eine 
Art,die Leute wieder um die cigencFahne 
zu scharen, um die Regierung wieder zu 
stützen. 

Zweitens: Wir wissen, daß das System 
Un fair ist, daß jeder dritte Amerikaner 
Uf Uer oder nahe dem Existenzminimum 
lebt, entweder völlig verarmt oder ohne 
dem Mangel wirklich abhclfen zu kön¬ 
nen. Wir wissen, daß jeder dritte Ameri¬ 
kaner ungebildet ist,, entweder völliger 
Analphabet oder bis zu einem Grad, der 
das Funktionieren in einer Gesellschaft, 
die auf Worten basiert, nicht mehr ge¬ 
währleistet. Wir wissen auch, daß jeder 
dritte Amerikaner sich nicht für die Wahlen 
registrieren läßt und daß von denen die 


sich registrieren, weitere 20% nicht ab¬ 
stimmen. Das bedeutet, daß wir einen 
Präsidenten wählen, der nur von knapp 
25% der Wählerstimmen legitimiert ist. 
Die Gründe dafür sind komplex, aber nicht 
zuletzt wissen die Leute, daß ihre Stimme 
nichts zählt. 

Drittens: Wir wissen, daß in den ver¬ 
gangenen 10 Jahren die hausgemachten 
Probleme zugenommen haben, gerade 
Dank der Reagan-Bush Politik, die den 
Wohlstand der Mittelklasse und der 
Ärmeren auf die Reichen umverteilte und 
gleichzeitig soziale Abfederungen ab¬ 
schaffte. Nimmt man zu diesen Punkten 
die schon langweiligeLitanei hinzu: Prob¬ 
leme im Erziehungswesen, im Gesund¬ 
heitswesen, der Umwelt, des Rassismus, 
der Frauenrechte, der Infrastruktur, der 
Produkü vität und die Unfäh igkeit auf dem 
Weltmarkt mitzuhalten, erhält man eine 
Nation, die nicht nur in der Krise steckt, 
sondern sich auf dem absteigenden Ast 
befindet. In einem gewissen Sinn mag 
dies nicht allzu schlecht sein, wenn es - 
wie in der Sowjetunion - die öffentliche 
Diskussion neu belebt. Aber wie sich das 
Bild jetzt darstellt, bieten die fortwäh¬ 
renden außen politische 
und Krisen einen guten 1 
mentale Infragestellun 
sehenden Systems zu ve 

Was können wir tt 


Passage für Demonstrationen gegen die 
Golfpolitik, SF-Red.) 

Wir sind gegen militärische Interven¬ 
tionen und gegen eine Krise, die dem 
Militarismus in den USA das Überleben 
gestattet. Wir sind für die Konversion der 
amerikanischen Wirtschaft, oder besser 
für eine aller nationalen Ökonomien, für 
friedliche und an den Bedürfnissen der 
Menschen orientierte Produkte. Auf lange 
Sicht lehnen wir das elitäre Einparteien¬ 
system ab und fordern eine neue Verfas¬ 
sung, die wirkliche Demokratie gewähr¬ 
leistet, auf der Basis, daß das Volk bei der 
Entscheidungsfindung direkt beteiligt ist. 
Kurzum: wir wollen unser eigenes Glas- 
nost und eine Neustrukturierung in den 
Vereinigten Staaten. Wenn es Basisbe¬ 
wegungen gelingt, eine monolithische 
Tyrannei in der Sowjetunion zu verwan¬ 
deln, warum sollten wir es nicht hier in 
den USA auch schaffen? 

übersetzt aus dem Amerikanischen 

von Wolfgang Haug 

aus einer Mail Box der Universität 

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Krieg und Geschwindigkeit 

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Paul Virilios "Dromologie" 


von Ulrich B 


Was ist der Krieg? Für Carl von Clause- 
witz, in dessen Philosphie der Krieg sich 
gleichsam selbst denken sollte, ist er 
zunächst “nichts als ein erweiterter Zwei¬ 
kampf’: “Wollen wir uns die Unzahl der 
einzelnen Zweikämpfe, aus denen er 
besteht, als Einheit denken, so tun wir 
besser, uns zwei Ringende vorzustellen. 
Jeder sucht den anderen durch physische 
Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu 
zwingen; sein nächstes Ziel ist, den Geg¬ 
ner niederzuwerfen und dadurch zu je¬ 
dem ferneren Widerstand unfähig zu 
machen.”(l) DieGewalt, die eine Kriegs¬ 
partei dazu aufwenden muß, mißt sich an 

der Widerstandskraftder jeweilsanderen. 

Damit ist Eskalation bis zum Äußersten 

V n rP f°^ rammiert: ^S^tion ergibt sich 
allenfalls als vorübergehendes Kräftepatt 

Sh IÄ J'S ,ßn 3Uf dnen günstigeren 
Zeitpunkt Strenge genommen” ist Still- 

stand jedenfalls, schreibt Clausewitz 
weiter, “em Widerspruch mit der Natur 
der Sache, weil beide Heere wie zwei 
feindliche Elemente einander unausge¬ 
setzt vertilgen müssen, so wie Feuer und 
Wasser sich nie ins Gleichgewicht setzen 
sondern solange aufeinander einwirken’ 
bis eines ganz verschwunden sit Was 
würde man von zwei Ringern sagen, die 
sich stundenlang umfaßt hi eiten, ohne ei ne 
Bewegung zu machen? Der kriegerische 


föckling 


Akt sollte also wie «• 

Uhrwerk in stetiger Be aufgezogen es 
fen.”( 2 ) 8 Bewegung ablau- 

Der Vergleich mit der Uhr u- 
deutet Eskalation doch n k h,nkt ’ be ‘ 
tinuität der Bewegu^ s ? a " ein Kon ’ 
i^e permanente Beschleun "" 2Ußleich 
Eigendynamik nach tenrt SUng ‘ Seiner 

daz “. sich zu einem SS* ^ Krieg 
tun fschlag ohne Dauer t" Vemich - 
ziehe n. Clausewitz ist dL ^ menzu ' 

w ußt: “Der Krieg ist ^ durchaus be. 

gesetzter Kräfte aufeinanH ^ entgegen - 

s ^bst folgt, daß 1 ",f ? Cr ’ WOrau svon 
"iehtblolv^icte ^ 6 die andere 
Bewegung mit fo *’^"dem in ihrer 
Gründe keine nac2 ‘ 6S läßt im 
Wirkung der Kräfte zu T ukzessiv c) 

es muß 



f"jr Qjflß^ 

die gleichzeitige Anwendung * t z 

Stoß bestimmten Kräfte als ein r 
des Krieges erscheinen.”(3) U n et 
Anwendung wird um so vollkon 1 , fl 
sein, “je mehr alles in einem Akt ^ 
einem Moment zusammenge 

wird”(4) tfcf 

Eine solche totale “Vereinigung .> 
Kräfte in der Zeit” blieb zu c,a “ s ph j- 
Zeiten allerdings noch kriegsph* 0 ^ 
scher Abstraktion Vorbehalten, 1 
Kriegswirklichkeit standen ihr 1 ^ 

schränkten Destruktionsmittel soc r ||(liO' 
entgegen, was Clausewitz die j cS 
nen” im Kriege nannte: Widrig c ‘ mp f- 
Wetters und des Terrains, fehlen c . ^pel 
erfahrung und -moral derTrupPf - j0 „ e n 
der militärischen Führer. Di e * n jas 
wirken als Bremskräfte, sie J”? 0 gU ng 
Handeln im Kriege zu einer ‘ q c , 
im erschwerenden Mittel”(5) ^ cSC r 
schichte der Kriege erscheint in er) . 
Perspektive als fortschreitende Ta¬ 
gung, durch Modernisierung von j 0fli 

technik und militärischer Orgam j cr 
anders ausgedriiekt: durch Steig e ^ 
aufgewendeten Energie, den Em ^ 
Friktionen zu minimieren, um J v£f . 
“Urgesetz des Krieges” Geltung - 
schaffen. Das legt nahe, sie in a [s 
minologie der Physik zu schrei -tfii- 
Geschichte zunehmender Besc 
gung. . 











Genau das versucht der französiche Ge¬ 
schwindigkeitstheoretiker Paul Virilio.Es 
ist allerdings nicht nur der Krieg, den er 
als Beschleunigungsprozeß analysiert. 
Sein Anspruch geht weiter, der Dromo- 
logebegreiftsich als Geschichtsphilosoph. 

(Dromologie, wörtlich übersetzt: Lehre 
vom Wettlauf, nennt Virilio selbst die von 
ihm begründete Forschungsrichtung, in 
der sich Techniksoziologie, Mili¬ 
tärgeschichte, Urbanistik, Ästhestik, 
Physik und Philosophie überlagern,) 
Marx’ und Engels’ Wort, die Geschichte 
aller bisherigen Gesellschaft sei die Ge¬ 
schichte von Klassenkämpfen, übersetzt 
er, es handele sich dabei um die Kämpfe 
von Geschwindigkeitsklassen. Dem Krieg 
und seiner Technik kommen dabei eine 
zentrale Bedeutung zu; sie sind das 
Movens des dromologischen Fortschritts. 
Was für den Marxismus die Entwicklung 
der Produktivkräfte, ist für Virilio die 



Am Anfang steht die Frau als erstes 
"Vehikel" der Gattung: lange vor dem 
Lasttier dient sie als solches; sie “arbeitet 
auf dem Feld, vom Mann kontrolliert und 
überwacht wie die Haustiere. Bei Orts¬ 
veränderungen, bei Konfrontationen 
schleppt sie die Lasten; lange vor dem 
Einsatz des lahmen Esels ist sie das ein¬ 
zige ‘Transportmittel’. Da die Frau somit 
für die Gepäckbeförderung sorgt, kann 
sich der Jäger nach Bedarf dem homo¬ 
sexuellen Duell widmen, er kann sich also 
zum Männerjäger, zum Krieger ent¬ 
wickeln. (...) Das domestizierte Weib¬ 
chen ist als erste logistische Stütze Vorbe¬ 
dingung des Krieges, weil es dem Jäger 
die Sorge um den Nachschub ab- 
nimmt.”(6) Eine erste dromologische 
Modernisierung setzt dann ein, als die 
Menschen Tiere einfangen, zähmen und 
später auch züchten, um sich mit ihrer 
Hilfe fortzubewegen. Als Reittiere oder 
eingespannt, um einen Wagen zu ziehen, 
bleiben domestizierte Tiere neben den 
Schiffen zur Fortbewegung auf dem 
Wasser bis in die Neuzeit hinein die 
einzigen Transportvektoren. Weil 
Geschwindigkeit einzig auf der Nutzung 
natürlicher Energien beruht, auf der Kraft 

menschlicherund tierischer Körper sowie 
von Wind und Strömung des Wassers, 
sind die Möglichkeiten ihrer Steigerung 
notwendig begrenzt. In diesem Zeitalter 

“metabolischer Geschwindigkeiten”, wie 

Virilio es nennt, bilden Reiter und 

Seefahrer von Beginn an eine “Aristokratie 

der Geschwindigkeit”^). Die Zentra¬ 


lisierung von Herrschaft und Akkumu¬ 
lation von Reichtum waren eng gekoppelt 
an die Verfügungsgewalt über die Beför¬ 
derungsmittel. Lange bevor Zeit Geld ist, 
ist Geschwindigkeit Macht In Meso¬ 
potamien etwa existiert “ein mit den 
Techniken des ‘Fahikrieges’ verschwister- 
ter Grundbesitz; der Herrscher überläßt 
das Territorium einer Bewegungselite: 
Dem Schnellen das Land. Dafür über¬ 
nehmen die Wagenhalter wichtige ver¬ 
waltungstechnische Aufgaben, übt doch 
ihr Wagenpark eine weitreichende Kon¬ 
trolle zugunsten der Zentralmacht aus.”(8) 
In der unmittelbaren militärischen Kon¬ 
frontation entscheiden außer Schnellig¬ 
keit und Beweglichkeit der Krieger noch 
Reichweite und Durchschlagskraft ihrer 
Waffen über Sieg oder Niederlage. Doch 


lieh konstituiert das jeweilige Geschwin¬ 
digkeitsniveau einer Gesellschaft auch 
eine spezifische Erfahrung von Raum und 
Zeit.(9) Die vergleichsweise geringe Mo¬ 
bilität vormodemer Gesellschaften för¬ 
derte Absonderung und Abgeschlossen¬ 
heit. Aus heutiger Sicht lächerliche Ent¬ 
fernungen bildeten oft schon kaum über¬ 
windbare Hindernisse. Der geographische 
Raum gliederte sich in eine Vielzahl he¬ 
terogener Siedlungen, zwischen denen un¬ 
sichere und mühsame Wegstrecken lagen 
und ein, wiederum gemessen an heurigen 
Verhältnissen, nur geringer Verkehr herr¬ 
schte. Die Alltagserfahrung von Zeit war 
noch in hohem Maße an die zyklischen 
Abläufe der Natur gebunden, war in je¬ 
dem Fall eine Erfahrung extensiver Zeit* 
“Zeit, die andauert, die eingeteilt und or- 



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I 


Photo: Theo Heimann 

auch hier blieben bis zur Erfindung der 
Feuerwaffen die technischen Möglich¬ 
keiten beschränkt. Der Fortschritt in der 
Technik des Krieges vollzog sich in der 
Dialektik von Waffe und Panzerung, 
dromologisch ausgedrückt: in der von 
Beschleunigungs- und Bremswirkung. Für 
das Zeitalterdermetabolischen Geschwin¬ 
digkeit mit seinem relativ geringen Be¬ 
schleunigungspotential galt dabei der 
Vorrang der Beharrungskräfte über jene 
der Bewegung. Die Stärke der Befesti¬ 
gungsanlagen war wichtiger als Zahl und 
Qualität von Pferden, Wagen und Wurf¬ 
geschossen. So verdankte sich auch der 
Aufstieg des Bürgertums zunächst dem 
Schutz durch die städtischen Mauem, an 
denen die Macht der feudalen Bewegungs¬ 
elite, der Ritter, im Wortsinne abprallte. 
Physikalisch stellt sich Geschwindigkeit 
dar als Verhältnis von Weg zu Zeit Folg- 


17 






schung des Raums blieb die Herrschaft 
über die Zeit sekundär. Für die Etablie¬ 
rung staatlicher Zentralmacht waren 
Straßen- und Festungsbau entscheidender 
als Kalenderordnungen oder die Auf¬ 
stellung öffentlicher Uhren. Alle Politik 
war zunächt Geopolitik. 


Die dromokratische Revolution 



Das alles ändert sich mit der “dromokra- 
tischen Revolution”, für Virilio der tief¬ 
greifendste Umbruch der menschlichen 
Geschichte: “Im Vergleich zur industriel¬ 
len Revolution, dieser Schlüsselkategorie 

marxistischer wie liberaler Modemisie- 
rungstheorien, erscheint die dromokra¬ 
tische Revolution als der bei weitem 
umfassendere Vorgang. Während sich die 
industrielle Revolution in der Einführung 
neuer Methoden zur massenhaften Pro¬ 
duktion standardisierter Gegenstände 
erschöpfte, brachte die dromokratische 
Revolution Mittel hervor, um Geschwin¬ 
digkeit herzustellen, genauer gesagt: um 
eine die Möglichkeit des animalischen 
Körpers um ein Vielfaches übersteigende 

künstlicheGeschwindigkeitzu erzeugen- 

zunächst die Dampfmaschine, dann den 
Verbrennungsmotor, endlich die moder¬ 
nen Technologien der Telekommunika¬ 
tion und -vision. Mit den neuen Fahrzeu¬ 
gen {Eisenbahn, Automobil, Flugzeug) 
wurdees möglich, in kurzer Zeit beliebige 
Räume anzusteuem und zu überwinden. 
Zugleich erzeugten die neuen Kommuni- 
kationstcchnologien, vom Morsegerät bis 
zum Satellitenfunk, ein umfassendes 
Netzwerk, in dem ‘alle Oberflächen des 

dobuscinandcrunmittdbarkonfronticrt 

sind . Nicht die Revolutionierung der 
Produktion, sondern die der Zirkulation 
war somit der entscheidende Vorgang, 
der die für die Moderne grundlegende 
Deterritorialisierung’ einleitete und die 
Bedingungen für den Eintritt in den neuen 
‘technologischen Raum ’, bereitstel lte, der 
kein geographischer, sondern ein ‘Ge¬ 
schwindigkeits-Raum’ isL”(l 1 ) 

Den Ursprung der dromokratischen 
Revolution ortet Virilio wiederum im 

BereichdesMilitärischen; technologische 

Innovationen beziehen sich zunächst auf 
Probleme von Logistik und Ballistik. So 
dienten Galileis physikalische Versuche 
die zur Formulierung des Fallgesetzes 
führten, derexakten Berechnung von Ge¬ 
schoßkurven, und auch das von ihm ent¬ 
wickelte Fernrohr preist er in einem Brief 
an die Signoria von Venedig wegen sei¬ 
nes Nutzens für die militärische Aufklä¬ 
rung. Auf dem Meere werden wir die 
Fahrzeuge und Segel des Feindes zwei 
Stunden früher entdecken, als er unser an- 




“ÄS“*«“ 

scheiden, können wir seine Störk 
teilen, um uns zur Verfolgung zum Kami? 
oder zur Flucht zu entschließen 5? P 
Jassen sich auf dem Lande Z?’ benS0 
Verschalungen des Fet^ ^ U " d 
ihrer festen Plätze von emf S lnnerhalb 

gelegenen Stellen aus beobachten und 
auf offenem Felde Z™ Und au ch 
jede seiner Bewegungen Vorteil 
tung sehen und infein^H d Vorberei - 

den”(12)TrotzGalileis&find UnlerSC u hei ' 
d,e maritim e KriegsführungTer e Ve leb 

zianer jedoch noch ganz der tr ? Vene ' 

Logik von Festung und B 2 ° nellen 

haftete. Einen radlkal^U??"? 8 
erst die britische Seeflotte rV Iöste 

Jahrhunderts mit dem Prin . S , 17, t und18 - 
bei ng”aus,diedieOze^ e iJ 1 P p de <. ,fleetin 

Heerlager”(l3l V pn, , mein nes *gcs 

viril«, Hicr sicht 

“"■iwannübc^ertafw 8alW0 

seinen Machtwillen h. u j 0, ndem sie 
-er ^Schaffung 

zunichte macht” schuf? Unsicher heit 
Idee von Gewalt, “welchen "k V ° lllg ncuc 

«irck.cn 

vergießen entsteht, sondei^/ 3 ? 81 “ 1 ' 
ungleichen Besitz von Arm dU ? h den 
und durch die Bewertungen' Pem 
von Bewegungen di* I d Quantität 

einem 

somit ihrer dvnam- u 8 Ch lst ’ un d 
kcit”( 14). Die SchlüsS? ? irksam ' 
Industrialisierung SS, u ° 8iender 
maschineundVefbmnn ß Ch ’ Dam P f ' 

nicht nur von tgZ fT“’™ 
militärischem Einsatz unH ° ebcnfa Hs in 
«ic Strategien Krie!“ s““ 0 ™?"’ 
Konstruktion lag vielmehr S h °" lhrcr 

risches Vorbild zugrunde: die Fcuerwajr' 
■"»er wieder, notier, Viri„o F ~ 


in derGeschichteder Technik au esen 

Archetypusdes ‘Feuerrohres ,dasgeic 
zeitig energetische L 5 istung (Pu • 
Dampf, Benzin...) »«1 
Bewegung (Geschoß» 
steuern vermag”.(15) rstörtaU ch 

DietotaleMobümachungze D . spos . t . v 

das vormodeme ^ u ™'7?« he . der Raum 

Sie produziert universel^N 

schrumpft im gleichen Maß® g cwe - 

wie die Bahnen der beschleunig c 

gung begradigt " e fl%f? rde rtnicht 
gische Geschwindigkeit e " ndernis sen, 
bloß die Abwesenheit von Hi ^ ß r 
sondern die von Materie sch ec 
idealer Raum ist (...) das ^ ak ? U n ersle n 
Deshalb bildeten die Meer 5/\ WaS ser 

Geschwindigkeits-Raum; au ® indung 
war die Gerade, als kürzeste . )eu . 

zweier Punkte die Ideallimeder a e 
nigung, am leichtesten zu verwir hne ii. 
Für die Eisenbahntrassen un dgn 

Straßen wird später auch das ^ 

Erfordernissen technologisc 
schwindigkeit angepaßt und 

Zweck großflächig planiertun _ n 

nein durchbohrt Mit dem M 
der Luftfahrt schließlich verliert de ä 
graphische Raum endgültig seine o ^ 
senden, distanzierenden char _^ c _ nC j e r- 

damitzugleichjedequalitative ^ 

heit. Er verwandelt sich in den 

Zeit-Raum der Beförderungsart ^ 

femungen reduzieren sich auf 
Flugstunden. „haftee- 

IndcrBeschleunigungsgesel g 

winnt für die Politik die Beherrsch^ 
der Zeit absoluten Vorrang über 
Raumes: “Die Einheit der We t is ^ 
mehr räumlich. Die Maßeinheit 
Territorium ist die zeitliche Entfernung 
Jeden Tag werden neue Zeitmaße ^ 
den, kognitive Masse. Darum ® g. 
jetzt alles, das ist für die Po 1 rtzU 
gebend. Landvermessung - das ge ^ 
Pharaonen, Römern und Griec e • f . 

war Geopolitik. Dort sind wir nie ^ 

wir sind in der Chronopoütik. Or%■ 
tion, Macht Strukturierung und ^ 
werfung, Verbote, Unterbrechung^ ^ 
Befehle arbeiten nunmehr 

Zeit. ”(17) Aufgabe der staatlichen wi ^ 

ist es jetzt, den ungehinderten zU 
gesellschaftlichen Bewegung® 

garantieren. ImBeschleunigungsstaai ^ 

alle Polizei Verkehrspolizei.0 / 0 

dromokratische Gesellschaft liquid*® ’ 
Virilio, die Stadt als öffentlichen 
oder genauer: sie verlagert sie in d*e t 
“Manbevölkert nicht mehr den Auf® n 
(die Stadt als großer ‘Parkplatz ur ^ 
Bevölkerung,) sondern die Zeit 
Ortsveränderung.” (19) Zum Modell 
neuen “Transitstadt” werden 








Flughäfen, diemit Millionen kurzfristiger 
Besucher pro “Passagierjahr” und einer 
Grundfläche, die beim Airport von Dallas 
etwa der von Paris entspricht, sich mit den 
größten Metropolen messen können.(20) 
Der menschliche Körper und sein Wahr¬ 
nehmungsapparat erfahren eine kolossale 
Entwertung, die zugleich das Gewaltsame 
der Beschleunigung erhellt. Was früher 
einmal das Prestige des Menschen wie 
auch das seines Reittieres ausmachte, 
“nämlich seine Muskulatur, ist jetzt auf 
Schutz vor der aggressiven Schnelligkeit 
der Vektoren angewiesen. Sowohl die 
Landstraße als auch die Karosserie des 
Vehikels und dieSitzplätze müssen abge¬ 
federt werden.”(21) Je größer das Tempo, 
desto mehr gleichen sich die im Wind¬ 
kanal entwickelten Fahrzeuge dem Ideal¬ 
typus des Projektils an. Umschlossen von 
einer stählernen Ummantelung erreichen 
die Passagiere, mit Gurten an die gepol¬ 
sterten Schalensitze gefesselt, bewegungs¬ 
los ihr Ziel. - Sesselhaft tritt an die Stelle 
der Seßhaftigkeit. 

Die Sinnesorgane des Menschen rei¬ 
chen nicht mehr aus, um sich in der be¬ 


schleunigten Welt zurechtzufinden. Des¬ 
halb ist er auf Wahmehmungsprothesen 
angewiesen, die Reichweite und Ge¬ 
schwindigkeit der Rezeptoren um ein 
Vielfaches ausdehnen. Die Technisierung 
der Bewegung zieht unweigerlich die 
Automatisierung der Wahrnehmung nach 
sich und schafft eine Ästhetik der Ge¬ 
schwindigkeit, die Virilio insbesondere 
anhand der Geschichte der Fotografie und 
des Kinos untersucht (22)DieUmwälzung 
des Transportwesens stellt also nur die 
eine Seite der dromokratischen Revolu¬ 
tion dar, die zweite und in ihren Wirkun¬ 
gen wohl noch weiterreichende ist die 
Übertragungsrevolution. Die Informa- 
lionstechnologien erweitern nichtnurdas 
menschliche Auge und Ohr in globalem 


die Atombombe, hält Virilio dessen 
Kombination mit absoluten Vektoren: 
“Ohne die Gewalt der Geschwindigkeit 
wäre die der Waffen nicht so schrecklich; 
abrüsten bedeutet heute verlangsamen, 
und den Wettlauf zum Ende entwaffnen. 
Jeder Vertrag,, der nicht die 
Geschwindigkeit dieses Wettlaufs be¬ 
grenzte (die Geschwindigkeit der Träger 
von Destruktionsmitteln),beschränkte von 
vornherein nichtdie strategische Rüstung, 
denn heute besteht das Wesen der Stra¬ 
tegie darin, den Nicht-Ort einer allge¬ 
meinen Nichtortbarkeit der Mittel zu 
erhalten, was es allein noch erlaubt, um 
Bruchteile von Sekunden zu kämpfen, 
ohne die es keinen Handlungsspielraum 
gibt.”(25) Oder, wie Virilio in einem Ge¬ 
spräch über den Golfkrieg feststellt: “Von 
jetzt an besteht die Abschreckung nicht 
mehr in der Bombe, sondern (in) der 
Fähigkeit, all die Satelliten, Awacs, La¬ 
ser, elektromagnetischen Störsender ein- 
setzen zu können.”(26) Die Kommuni¬ 
kationswaffen dominieren über die 
Zerstörungswaffen. 

Weil Politik Entscheidung bedeutet und 
Entscheidung Bedenkzeit voraussetzt, 
führt absolute Geschwindigkeit zum 
Verschwinden des Politischen, genauer: 
zu seiner Delegation an die technischen 
Apparate. Schon Clausewitz hatte be¬ 
merkt, daßderpolitische Zweck über sein 
Mittel, den Krieg, nicht als “despotischer 
Gesetzgeber” herrscht, sondern sich “der 
Natur des Mittels fügen” muß und “da¬ 
durch oft ganz verändert” wird.(27) Inzwi¬ 
schen haben, so Virilios These, die Mittel 
die Zwecke vollständig aufgezehrt, und 
die Eigengesetzlichkeit des Militärischen 
verselbständigt sich. Im Unterschied etwa 
zu Günter Anders folgt für Virilio daraus 
jedoch kein apokalyptisches Szenario, er 
befürchtet vielmehr die “Sizilianisieru'ng 
der Welt. Ein politisch-militärisches 
Chaos, in dem die Militärs wie eine tech- 


Maßstab - es gibt nichts, was nicht sicht¬ 
bar oder hörbar zu machen wäre - sie 
produzieren zugleich die absolute Ge¬ 
schwindigkeit. Mit der Live-Sendung wird 
weltweite Gleichzeitigkeit realisierbar; 
von nun an herrscht Echtzeit. Weil Ent¬ 
fernungen keine Rolle mehr spielen, gibt 
es keine Feme mehr. Alles ist gleich nah. 
Die Technologien der elektronischen 
Kommunikation verkörpern geradezu 
metaphysische Qualitäten: Was Theolo¬ 
gen einst einem transzendenten Gott zu¬ 
sprachen, Allgegenwart, Allwissen, 
Omnivision, wird heute technisch erzeugt 
In diesem Sinne ist Virilios Satz zu ver¬ 
stehen, “die Lichtgeschwindigkeit ist 
Gott”.(23) Noch ein weiteres göttliches 
Attribut besitzen die Technologien der 
Lichtgeschwindigkeit: absolute Ge¬ 
schwindigkeit bedeutet auch absolute 
Gewalt Das “totale Entladen ohne zeit¬ 
liche Dauer”, das Clausewitz lediglich in 
der philosophischen Abstraktion des 
“absoluten Krieges” hatte konstruieren 
können,(24) ist in den Bereich des 
technisch Machbaren gerückt. Für 
verhängnisvoller als das totale Explosiv, 




19 





nisch-szientischcMafia funktionieren. Die 
Entwicklung der Waffen bringt neue Pa¬ 
ten hervor, technologische Superpaten, 
die das Material verwalten und uns er¬ 
pressen. (28)Dazu mehr im letzten Ab¬ 
schnitt, der sich mit dem Golfkrieg als 
militärisches wie mediales Ereignis 
beschäftigt Zuvor jedocheinExkurs: Eine 
Gegenüberstellung von Dromologie und 
Kritik der politischen Ökonomie, die 
zugleich erhellt, was der dromologische 
Blick auf die Gesellschaften der Gegen¬ 
wart systematisch ausblenden muß. 


Exkurs: 

_ Die Geschwindigkeit des Kapitals 


Vergleicht man Virilios Analyse ubiqui¬ 
tärer Beschleunigungsprozesse mit der 
. Marxschen Beschreibung des Kapital ver- 


gung des Arbeitsvorgangs zu verkürzen. 
Maschinen werden eingesetzt, die Arbei ts- 
orgamsation rationalisiert und den Lohn¬ 
arbeitern eine rigide Zeitdisziplin einge¬ 
bleut, alles zu dem Zweck, das Produk¬ 
tionstempo und dam it den relativen Mehr- 

‘Wh US i tel ^ ern ' Kapitalzeitistw5eViri, tos 

technologische Zeit” stets knappe und 
stets intensive Zeit. Das Prinzip Besehletf 
nigung herrscht auch i„ der Ztikut 
tionssphäre bei der Realisierung desMehr- 

Je ^ urzer die Umschlagzeit des 
Kapitals, also der Kreislauf G^ - G’ 
desto größer der Profit. * 

SnUlAtt Innn_• I . 


e ' W ' gunghy l x>SBSi =n"td 

Beschleunigung zum Ursprungsprinzin 

modemerGesell-schaftenvera lwo^^ir 


durch ein stets wachsendes System er 
Maschinerie übernommen wird; 
Maschinerie aber ist nichts anderes s 

fixes Kapital, vergegenständlic e 

menschliche Arbeit. Marx’ Feststellung' 
daß in der Maschinerie ‘der gese 
schaftliche Geist der Arbeit (•••) 6,11 
objektive Existenz außer den einze ne 
Arbeitern’ (erhält), kann nicht ernst gen u 
genommen werden. (...) Von der 0 
fesselung des Jenseits’, der ‘ Vernichtun 
der Zeit’ (...) zu sprechen, ist eine zvV 
richtige, gleichwohl ®‘ nselt !lL 
Feststellung, die die Objektivierung 
Jenseits im automatischen System 
Maschinerie und die daraus entsproß® 
den Widersprüche ausblendet.’ (29) 
Kapital versetzt die Welt mchtnuf 

permanente Bewegung, es stellt die 


auch voll mit seinen Vergegens 



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hältnisses als fortschreitender Selbstver- ' en tlehT 't 

wenangde.Wens.soa.en.unächsUie d,oS„ a S.. d ‘L *•?**. des 


-- ‘^^lucjicnuer oeiDstver- 

Wertung des Werts, so fallen zunächst die 
Übereinstimmungen ins Auge. Kapitalis¬ 
mus bedeutet ebenfalls totale Mobil¬ 
machung, und zwar gleich in mehrfacher 
Hinsicht Da sich der Wert einer Ware 
nach der durchschnittlichen Arbeitszeit 
bemißt, die zu ihrer Herstellung äufge- 
wandt werden muß, ist es, um Mehrwert 
zu produzieren, unumgänglich, die Pro¬ 
duktivität zu steigern, also die Produk¬ 
tionszeit einer Ware durch Beschleuß- 


fischen FoS 

‘GesellschrffÄ tn,C h hl ^ei„e 
sondern zugleich eine cl ) w,nd ens’, 
Erscheinens’ - und eben^ ^ deS 
widersprüchlichdadurch als 


liegt es im Wesen d ksK^uTT^^ 

einerseits dieunmittelb^eArtf ßW ° hl 

lebendigen Arbeitsvermögen^^!? 5 
reduziert wird, daß aber and?. d,g 
i-mer größerer An« falSS 

4fcU 


lichungen. Um ein Beispiel zu nen«J®J 
Die Automobilisierung der Ge ^ cl S ^ !7llf 

nach 1945 trug nicht nur entscheiden 

jahrzehntelangen Prosperitätsphase m 

Industrieländern bei und sorgte für e 
gewaltige Zunahme und Beschleunig 
des Verkehrs, sie produziert auch n 
Fabrikanlagen und ebenso großo u 
friedhöfe, sie produziert aspha tJ ^ 
Landschaften und Smog, produziert 
sterstädte wie Detroit oder Flint/^ 1 ^ 
gan - und sie produziert Staus. Ini 







schlägt die potenzierte Beweglichkeit 
gegen sich selbst zurück, eine Dialektik, 
über die sich Virilio - soweit ich über¬ 
blicken kann - in seinen Analysen der 
Transportrevolution nirgends äußert Sein 
Augenmerk liegt vielmehr auf der kata- 
strophischen Dialektik des Verkehrs: der 
von Beschleunigung und Unfall. 

S tefan Breuer, dessen Virilio-Kritik die¬ 
ser Exkurs wesentliche Anregungen ver¬ 
dankt, macht noch auf einen weiteren 
Mangel von Virilios Dromologie aufmerk¬ 
sam: Er hält ihm ein reduktionistisches 
Verständnis des technischen und natur¬ 
wissenschaftlichen Fortschritts vor. Ähn¬ 
lich wie der marxistische Soziologe Bor- 
kenau scheint auch Virilio “im modernen 
Wissen lediglich den Effekt bestimmter 
empirischer Praktiken zu sehen, nur daß 
es sich bei ihm um solche der Destruktion 
und nicht um solche der Produktion han¬ 
delt” (30) 

Virilio vollzieht zudem einen Zirkel¬ 
schluß: Was er als eine Konsequenz des 
naturwissenschaftlich-technischen Fort¬ 
schritts beschreibt, eben die Vorstellung 
eines leeren, homogenen Raums und einer 
ebenfalls verräumlichten, in beliebigen 
Frequenzen taktbaren Zeit, setzt jenen 
Fortschritt bereits voraus. Virilio vermag 


daher nicht zu erklären, “woher das für 
die dromokratische Revolution erforder¬ 
liche neue, formal-operative Denken 
kommt, noch weshalb dieses Denken 
zwingende und gültige Urteile gestat¬ 
tet”^). Wenn auch die herausragende 
Rolle des Militärs als Labor techno¬ 
logischer und organisatorischer Inno¬ 
vationen außer Zweifel steht, Virilios 
Versuch, den Krieg als“ Vater aller Dinge” 
zu installieren, bleibt bloße Behauptung. 


Testkrieg und Biiderpolitik 
- Nachtrag zum Golfkrieg 


Egal ob Pazifisten oder Bellizisten, Sym¬ 
pathisanten oder Kritiker des S taatsterro- 
rismus, über eines waren und sind sich 
alle Stimmen zum Krieg am Golf einig: 
Was sich dort ereignet hat, stellt einen 
neuen Typus des Krieges dar. Er löste 
nicht nur die Ära der Abschreckung zwi¬ 
schen Ost und West ab, einschließlich der 
antikolonialen Guerillakämpfe um “natio¬ 
nale Befreiung”, die im Schatten des 
Kalten Krieges stets den Charakter von 
Stellvertreterkriegen annahmen. Ameri¬ 
kaner und Sowjets standen am Golf zwar 
nicht - noch nicht? - Seite an Seite, aber 
die Alliierten bombardierten den Irak doch 



mit ausdrücklicher Billigung auch der 
Gorbatschow-Administration. Der Krieg 
gegen den Irak löste auch die punktuellen 
Militäreinsätze des Low Intensity War- 
fare ab; von den amerikanischen Über¬ 
fällen auf Grenada und Panama oder der 
Bombardierung von Tripolis unterschied 
er sich schon durch die Größe des Trup¬ 
penaufmarsches, die Zahl der an der Alli¬ 
anz beteiligten Staaten sowie durch die 
Tatsache, daß alle Waffengattungen und 
nicht nur kleine Spezialeinheiten zum 
Einsatz kamen. Und auch mit dem ersten 
Golfkrieg, dem zwischen Iran und Irak, 
hatte der zweite nur wenig gemein. Daß 
die irakischen Militärs mit der gleichen 
Strategie kämpfen zu können glaubten 

wie gegen die Truppen Chomeinis, wurde 

ihnen geradezu zum Verhängnis. 

Worin bestand das Neue dieses Krie¬ 
ges? Es war eine weltpolitische Premiere, 
daß die UNO diesmal nicht als Schlichter 
zwischen den Kampfparteien, sondern als 
Auftraggeberin einer von den USA ange¬ 
führten “Weltpolizei” auftrat, präziser 
ausgedrückt: daß sich die Vereinigten 
Staaten der UNO als Auftraggeberin 
bedienen konnten, am ihren Militärein¬ 
satz zu legitimieren. Zum ersten mal auch 
trat ein Staat der “Dritten Welt” gegen 
eine breite Allianz von Staaten der Ersten 
an, und zwar nicht im Partisanenkrieg, 
sondern inoffener Feldschlacht. Vor allem 
aber war der Krieg am Golf der erste, in 
• dem zumindest eine Seite über die tech- 

I nischen Möglichkeiten des Computerzeit- 

| alters verfügte. Zwischen der alliierten 
f Kriegsmaschinerie und jener des Irak lag 
jj nicht weniger als eine industrielle Revo- 
I lution. Deshalb dieso ungeheuerungleich 
5 verteilte Zahl der Getöteten. 

Der Golfkrieg war der Probelauf des 
| High-Tech-War; die Toten starben als 
| Testpersonal einer neuen Waffengenera- 
ftion. Ob das Kriegsgerät und die dazu 
|gehörigen Strategien im Ernstfall taugen, 
fkönnen weder Computersimulationen 
| noch Manöver in Friedenszeiten, sondern 
f kann nur der Ernstfall selbst erweisen. 
|Und als politisches Druckmittel funktio¬ 
niert das militärische Potential ebenfalls 
nur, wenn mögliche Gegner wissen, was 
genau ihnen droht Diesen wiederum zeigt 
der Testkrieg, wo sie selbst nachrüsten 
müssen, um beim nächsten Mal mithalten 
|zu können. Eine der ersten Reaktionen 
nach Einstellung der alliierten Angriffe 
am Golf war die des sowjetischen Ver¬ 
teidigungsministers, der erklärte, das to¬ 
tale militärische Desasterder mit sowjeti- 
! sehen Waffen kämpfenden Irakis habe 
begründete Zweifel an der eigenen Krieg¬ 
führungsfähigkeitaufkommen lassen.Den 
1 Siegern über den Irak wird jedenfalls ihre 

I Freude bald vergehen. Gerade das Aus- 





Testpersonals - brauchte. Zum Probelau 
gehörten schließlich auch die in 
gesetzten Ölfelder und die willkürhc ® 
Verschmutzung des persischen Golfs. 
Golfkrieg wird in nicht ferner Zukunft, so 
vermutet Virilio, “als Vorwort, als Opern¬ 
ouvertüre für einen ökologischen K nC ® 
(erscheinen), der von den Strategen längs^ 
hypothetisch vorausgenommen wurde un 
den Begriff des ‘totalen Krieges in el 
neues Licht stellt Hinter der Eskalatio 


ies elektronischen Krieges im 


Nahen 


- -.vird dazu füh¬ 
ren, daß alle potentiellen Gegner sich die 
Waffen des Siegers nur um so rascher 
beschaffen. Was Virilio vor Beginn des 
Golfkriegs für die Atom technologie fest¬ 
stellte, gilt erst recht für die Instrumente 
der elektronischen Kriegsführung: “Die 
Entwicklung und Ausbreitung der Atom¬ 
waffen ist ja bisher wenigerdurch wissen- 
schafüiche Geheimnisse oder die techno¬ 
logische Unzulänglichkeit armer Länder 
gebremst worden als durch die Unmög¬ 
lichkeit einer effektiven Anwendung 
gegen einen Gegner, der selbst über rie¬ 
sige Arsenale dieser Waffengattung ver¬ 
fügte. (...) Wenn eine Waffe sich erst als 
effizientes Mittel erweist, kann niemand 
mehr den Besitz dieser Waffe verhindern. 
Alle nationalen oder internationalen poli¬ 
tischen Institutionen wären hier macht¬ 
los.”^) 

Tesüäufe, das unterscheidet sie von 
bloßen Simulationen wie vom routinier¬ 
ten Normalbetrieb, funktionieren nach 
dem Prinzip kontrollierter Kontingenz. 
Das verlangt, zumal wenn es sich um ein 
so komplexes Geschehen handelt wie 


einen Krieg rin TT 

5 » systematische Anord- 
nung der Versuchsbedingungen. Ange¬ 
fangen bei der Auswahl des Testgeländes 

als das sich Wüstengebiete optimal eig¬ 
nen. Sie sind zur Erprobung von Hoch» 

schwindigkeitsfahrzeugen und A.rf 

Sprengköpfen allseits beliebt undtn h 
nordafrikanischen Wüste veSo^ 

ncten auch schon Rommek T„ 

1941 dieStrategieH ^ 


Osten tut sich die Perspektive ein 
Kampfes auf, in dem es weit mehr um * 
Zerstörung der Umwelt des Feindes g 
hen wird als um die Kontrolle über sein 
kriegszerstörten Territorien.”(33) Mit de 
Waffensüllstand ist dieser Teil des Grt» 
Versuchs noch nicht beendet. Nac 
Brandstiftern sind nun die Feuerwe ■ 
leute am Zuge. Ökologisches Knse^' 

management läßt sich am besten an a 

Strophen lernen, die man zuvor se 
produziert hat Mehr als 1 50.000 
sehen wurden durch die Bombafdetne ^ 
getötet, um die Führbarkeit von Krieg 
zu demonstrieren; wieviele lang 1 
sterben werden, um zu beweisen, daß 3 
sechshundert brennende Ölquellen 1 
nisch beherrschbar sind, stehtnoch a 
Es ist allerdings zumindest nicht auS 
schließen, daß hier die Kontingenz na 
träglich noch außer Kontrolle ge r 
könnte. 

Dromologisch bedeutet High-Tech- 1 ^ 

m Krieg in Echtzeit. Daß mit den Laser 
®S 8 nonen die absolute Geschwindigkeit ^ 
Lichts selbst unmittelbar zur Waffe g^ 


worden ist, stellt dabei eher ein 



excellence: groß a , Umpar 
überschaubar Ein Sannt vo lkomm en 

sdiie KapUu^ation 1 ^? Chwac * 1 se ’ n ’ daß 

bruch des Sr, V 0 r 2 eiü g e " Ab- 
aber auch nicht so andere ^eits 


ICÜ aie g gefährden könnte TVc 
muß er auch ideologisch als Fe 

Mit Saddam Hussehihatte mMdaivl^^ n * 

gute Wahl getroffen: lirSesS'T 
mn und gebärdete sich S 6 
schauerlich und das nicht erst sehlc“ S ° 
beginn, wie man ihn S h • ^ 

Ferasehpublikam. eben&EeufSTd^ 

22 


Phänomen dar. Der eigentliche UmbriK 
dieser dromokraüschen Revolution 
steht vielmehr darin, daß im strikt m * 1 

rischen Sinn die Kommunikations 
keit der Macht zu zerstören den 
abgelaufen hat Über Sieg oder Ni 
läge entscheiden weder die Spreng 
von Bomben und Raketen, noch erStr . ^ 
Bunkeranlagen und Minenfelder, son ^ 
die Fähigkeit, von jedem Objekt, u 

jede Distanz, ohne jede zeitliche e ^ 

gerung präzise Bilder aufzunehmen,^ 
übermitteln und auszuwerten, sowie 
umgekehrte Fähigkeit, jeden Ge % 
genau daran zu hindern. Die rüstu 

technologischen Dialektik von Waf e 

Panzerung spielt nur noch eine untet 
ordnete Rolle gegenüber der Dia c 
von Tarnung und Aufklärung. Excmfi 
risch dafür sind die computergeie* ' 

Raketemiteingebauter Videokamera ^ 

das amerikanische Flugzeug F ll7 ’ den 
sogenannte Tamkappenbomber: * n „ 
Rechnern jener als “intelligente Wa ^ 
gefeierten Raketen sind nicht nur 



















Koordinaten des vorgesehenen Ziels, 
sondern ebenso eine elektronische Land¬ 
karte cinprogrammiert Die Bilder, die 
ihm die im Raketenkopf installierte 
Kamera liefert, vergleicht der Computer 
mitdem gespeicherten Geländeprofil und 
kann so nicht nur gegebenenfalls Ab¬ 
weichungen von der optimalen Flugbahn 
korrigieren, sondern auch unvorherge¬ 
sehenen Hindernissen, etwa feindlichen 
Abwehrraketen,ausweichen. Die Kamera 
sendet ihre Bilder zugleich auch in die 
Kommandozentralen, wo der Weg der 
Rakete zwischen Abschuß und Einschlag 
in Echtzeit verfolgt werden kann. Im 
Augenblick der Explosion erlischt der 
B ildschirm; vordem Grauen, das es bringt, 
verschließt sich das elektronische Rake¬ 
tenauge. “Gerade damitaber wird sie zum 
Inbegriff der wirkungsvollsten, allerreal¬ 
sten, unkonventionellsten Zensur von 
Gnaden der Dinge: Die Vermittlungslei- 
stungen der Live-Elektronik gehen im 
Einschlagmoment unmittelbar in die 
Verbergungsleistungen über.”(34) 

Der Tamkappenbomber wiederum ist 
weder so schnell, noch so manövrierfähig, 
noch so gut bewaffnet wie andere Flug¬ 
zeugtypen. Sein einziger Vorzug besteht 
darin, nicht als Lichtpunkt auf den Radar¬ 
schirmen der gegnerischen Aufklärung 
zu erscheinen.Weil Sichtbarkeit Vemicht- 
barkeit bedeutet, wird das elektromag¬ 
netische Verschwinden wichtiger als die 
Zerstörungskraft und Beweglichkeit. 
“Jede Mililärmaschine gehört wegen der 
Erfolge der Zielerfassung zu zwei Teil¬ 
bereichen des ‘Wirklichen’: die aktuelle 
Präsenz - das Flugzeug ist da und läßt sich 


optisch und akustisch identifizieren. Und 
die virtuelle Repräsentation - das Flug¬ 
zeug ist nicht da, aber auf dem Radar¬ 
schirm taucht es schon auf. Das Ziel der 
Erfinder von nicht aufspürbaren Ma¬ 
schinen ist es, um jeden Preis (das kann 
man wohl sagen) die virtuelle Reprä¬ 
sentation zu verhindern, so daß nur noch 
die aktuelle Präsenz im Akt bleibt, nur 
noch die Echtzeit des Vemichtungs- 
schlags.”(35) Inden Forschungslabors der 
Rüstungsindustrie arbeitet man inzwi¬ 
schen an Geräten, die nach dem umge¬ 
kehrten Prinzip funktionieren: sie pro¬ 
duzieren Radarsignale oder gar holo¬ 
graphische Phantombilder von Flug¬ 
zeugen und Raketen, wo keine sind. 
Dagegen nehmen sich die Raketenattrap¬ 
pen aus Plastik, die eine italienische 
Designfirma an den Irak lieferte, gerade¬ 
zu vorsintflutlich aus, obwohl auch sie die 
alliierten Piloten zumindest einige Tage 
lang narren konnten.(36) 

Die B ilder triumphieren über die Sache, 
die sie abbilden. Die Kommunikations¬ 
waffen verwischen die Grenze zwischen 
Sein und Schein und gerade darin besteht. 
ihre taktische Funktion. Im Krieg ist die 
Simulationsgesellschaft längst verwirk¬ 
licht. “Aber die Toten, die Zerstörung, das 
ist doch alles höchst real”, wird beim 
Stichwort Simulation meist eingewandt. 
(In Deutschland genießt das Wort ohne¬ 
hin kein hohes Ansehen. Es klingt höchst 
verdächtig nach Drückebergerei und 


Wehrkraftzersetzung.) Der Einwand be¬ 
stätigt, was er widerlegen soll: Daß man 
auf der “Echtheit” der Kriegsopfer insi¬ 
stieren muß, beweist, daß ihr Leid für den 
Fortgang des Geschehens nur insofern 
eine Rolle spielt, als man poli tische Effekte 
damit erzielen kann, Bilder dieses Leids 
entweder zu zeigen oder ihre Ausstrahlung 
zu verhindern. Der Skandal derSimulation 
liegt nicht darin, daß es keine Wirklichkeit 
mehr gibt, sondern daß die Menschen bei 

23 


ihrer Wahrnehmung angewiesen sind auf 
technisch hergestellte Bilder, die, anders 
als die materielle Wirklichkeit selbst, 
nahezu unbegrenzt manipulierbar sind. 
Die Realität wird aufgelöst im photo¬ 
graphischen Sinne des Wortes - bis zur 
Ununterscheidbarkeit vonBild undSache. 
Das affiziert auch die Zerstörungsarbeit 
selbst. Was die Bomberpiloten während 
ihrer Einsätze im Irak auf den Bord¬ 
bildschirmen, vielleichtsogarnochdurchs 
Kabinenfenster sahen, kannten sie bereits. 
Es glich exakt dem, was sie im Flug¬ 
simulator schon zig-mal gesehen hatten. 

Weil die Kontrolle überdie Bilder wich¬ 
tiger geworden ist als die Besetzung des 
feindlichen Territoriums, stehen in Kriegs¬ 
zeiten auch die zivilen Bilderfabriken unter 
dem Kommando der Generäle. Die ganz 
auf militärische Erfordernisse umgestell¬ 
te Kriegsökonomie des Ersten und Zwei¬ 
ten Weltkriegs setzt sich fort als totale 
televisionäre Mobilmachung. Die politi¬ 
schen Nachrichten - und längst nicht nur 
sie - unterliegen einer strengen Nachrich¬ 
tenpolitik, die als Zensur zu kritisieren 
etwa so hilflos ist, wie es’die Versuche 
waren, Ludendorff und Hitler als Agenten 
Krupps zu entlarven. Zwar sendeten CNN 
und beliefert von diesem Senderauch alle 
übrigen Femsehstationen der Welt aus¬ 
schließlich Bilder, die die Clearing-Stel¬ 
len der amerikanischen und irakischen 
Militärs durchlaufen hatten, weshalb es 
auch außer den Video-Spots der Raketen¬ 


kameras, Lichterspielen am Nachthim¬ 
mel und der Visage von Norman Schwartz- 
kopf allenfalls ölverschmierte Kormorane 
zu sehen gab, bei denen es sich obendrein 
noch um Archivaufnahmen handelte.(37) 
Aber die Selektion in nützliche und schäd¬ 
liche Bilderstellte noch den harmlosesten 
Aspekt der Nachrichtenpolitik dar, zumal 
jeder Fernsehzuschauer wußte und die 
Kommentatoren es ihm dazu noch unent¬ 
wegt erklärten, daß, was gezeigt wurde, 










nicht alles war. Über die Techniken der 
Lüge und Verschleierung, also: Informa¬ 
tionen zurückzuhalten und Fehlinforma¬ 
tionen zu verbreiten, ist der US-Video- 
Pool längst hinaus. Seine Macht gründet 
sich auf die globale Omnipräsenz seiner 
Bilder, darauf, daß alles live, in Echtzeit 
gesendet wird. So wird einerseits die 
Fiktion produziert, die absolute Gegen¬ 
wart der Bilder garantiere auch ihren In- 
formationswert, andererseits schaltet die 
Dauerbombardierung mit Live-Bildem 
systematisch gerade das aus, was ein Bild 
erst zur Information macht: die Urteils¬ 
kraft des Betrachters. “Dieser Krieg 
brauchte eigentlich keinen Zensor. Die 
Bilder zensieren sich selber. Auch wenn 
keine Informationen zurückgehalten 
würden, wäre es uns wohl nicht möglich, 
aus den Momentaufnahmen eine Vorstel¬ 
lung zu entwickeln über das, was ge¬ 
schieht. Im Rausch der elektronischen 

Bilder,diesichmitLichtgeschwindigkeit 

ausbreiten, hat das Wirkliche keine Zeit 
zu passieren.”(38) Jedenfalls Für uns, wäre 
diese Diagnose Jean Baudrillards ein¬ 
schränkend zu ergänzen. Die Fernsehzu¬ 
schauer ereilte der “Wüstensturm” als ein 
Orkan von Bildern, der nicht erst am 17. 
Januar begann. Der Krieg in den Medien 
wurde unmittelbar nach der irakischen 
Besetzung Kuwaits eröffnet. Das Wech¬ 
selspiel von Drohung und Verhandlungs¬ 
angebot, die Mobilisierung religiöser 
Symbole auf beiden Seiten, die Herstel¬ 
lung der Allianz, der Truppenaufmarsch 
und schließlich der Waffengang selbst 
folgten dramaturgisch den Regeln ameri¬ 
kanischer Femsehserien. Nur war das 
Programm von CNN ungleich attraktiver 
als all die Seifenopem, da der Film in 
Echtzeit über die Bildschirme flimmerte 
und daher auch “Echtheit” suggerierte. 
Daß es den Alliierten gelang, die öffent¬ 
liche Darstellung des Krieges (wenn nicht 
seinen Verlauf selbst) nach Drehbuch zu 
inszenieren, das läßt, weit mehr als alle 
Zensurmaßnahmen ahnen, was Herrschaft 
über und Herrschaft durch Bilder bedeu¬ 
tet. Kam die Macht einmal aus den Ge¬ 
wehrläufen, so kommt sie heute aus den 
Fernsehkameras. 

Um sich Manipulationswillen und 
Fähigkeit der politisch-militärischen 
Klasse auch nur annähernd vorzustellen, 
kann man vermutlich garnicht paranoisch 
genug sein. Doch bliebe alleNachrichten- 
politik vergebens, gäbe es nicht ein Publi¬ 
kum, das die Fernsehbilder so dringend 
braucht wie der Junkie seinen Stoff. Dem 
Drang, den Apparat mehrmals am Tag 
einzuschalten oder ihn gleich ohne Unter¬ 
brechung laufenzulassen, um die Nach¬ 
richten zu verfolgen, hat wenigstens in 
den ersten Wochen des Krieges sich wohl 


kaum jemand entziehen können. Mit In¬ 
formationsbedarf hatte das allerdings 
wenig zu tun sonst wäre spätestens nach 
der dritten Tagesschau der Bildschirm 
dunkel geblieben. Die Bildersucht war 
auch unabhängig von der individuellen 
Einstellung zum Krieg, und sie hielt auch 
bei denen an, die sich über Zensur und 

ungeschminkte Propagandabeiträge 
empörten Die mit hochmoralischem Ton 

beneKwT T Kric »« e 8 n «' erho¬ 
bene Klage darüber, daß man so gut wie 

irakischen SglXtintetS 

jswssntsÄ 

kann, zu Das venneiS 

dnick zu weltweiter Ver^Kejkdraf. 0 ^" 
in Echtzeit verhiift. Man kann zwar nidn 

mitmachen.aberis,überall dabeiS 

derersten Reihe. Es isl nicht d« Wunsch 1 


gleichbedeutend mit dem augenblick- 
lichenZur-Welt-Kommen des Menschen- 
Zwei Schaltkreise werden zusammen® 6 '' 
schlossen. Auszuschalten dagegen bc- 
deutete präzise das, was die Militärs d&~ 

runterverstehen: den Tod per Knopfdruck. 

Anmerkungen 

1 Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Bonn 
195216, S.89 

2 ebd., S.305 

3 ebd., S.287 

4 ebd., S.294 j 

5 ebd., S.161. Vgl. dazu auch Jürgen Lan 

genbach: Über Krieg, Wien 1983, insb« 
sondere S. 89ff . 1 

6 Paul Virilio: Der negative Horizont (j® 1 

folgenden: NH), München/Wien 1989. 

S.30/31 

7 Ders.:Fahren,fahren,fahren...(imfol§ eI1 

den: FFF), Berlin 1978, S.21 

8 NH.S.43 

9 Vg]. dazu wie zum folgenden Stefan 

Breuer: DerNihilismusderGeschwindig' 

keit. Zum Werk Paul Virilios, in: Le via 
than 3/1988, S.309-330 

10 RK.S.50 ! 

11 Breuer, S.315; vgl. RK,S.48ff 

12 Zitiertnach: GalileoGalilei in Selbstzeug' 

nissen und Bilddokumenten, dargestein ; 
von Johannes Hemleben, Reinbek 19 • 
S.44 

13 Paul Virilio: Geschwindigkeit und P°lk 

(im folgenden: GuP), Berlin 1980, S.55 








mm 




sieren), der die Menschen im™ 
vor den Fernseher treibt Wieder 
grundtiefe Angst auße h ’,u S 1St dle ab - 
schaft zu stehen 3der ^ ese b- 

zu fallen, einer Welf 

durch die Medien £ u ^ nUrn0Cha,S 

existiert. Im 

ges, der ja - wiederum einschrif f S Kne ‘ 
uns - als bloßes Medipnc h ^ nkcnd; für 
fand, wird diese 

täglichkonsumierteßllderdo Cnt Und die 
sich selbst verstärkender 7 , 1SSte ’£ l - Ein 
effekte erzeugen Medte^few ^ e d* en - 

spnchtdafür.daßdieMenQ^ ktC ‘ VieIes 


14 ebd.,S.52 

15 NH.S.81 

16 Breuer, S.322 

17 BK,S.117 

^ Umgekehrt erscheint auch jeder P* 0 *®* * 
jeder Aufruhr bestenfalls als Verke 
Störung. Vgl. dazu auch die Bemerk^^ 
Carl Schmitts über die Antiquiertheit 
Partisanen: “Wenn die innere, nach d 
optimistischen Meinung immanente 

n alitat der technisch-organisierte 

restlos durchgesetzt ist, dann ist der P ^ 
san vielleicht nicht einmal mehr ein 
rer * Dann verschwindet er einfach v 
selbst im reibungslosen Vollzug technisc 

funktionalistischer Abläufe, nicht an c * 

w * e ein Hund von der Autobahn * 
schwindet Für eine technisch eingeste 
Phantasie ist er dann kaum noch ein v 





kehrspolizeiliches und im übrigen weder 
ein philosophisches, noch ein moralisches 
oder juristisches Problem.'* (Theorie des 
Partisanen, Berlin 1963, S.80) 

19 RK, S.62 

20 FFF, S.32 

21 NH, S.52 

22 Vgl. dazu seine Arbeiten: Krieg und Kino, 
Frankfurt/M. 1989; Ästhetik des Ver¬ 
schwindens, Berlin 1986; Die Sehma- 
schinc, Berlin 1989 

23 Clauscwitz im “Wüstensturm*’. Gespräch 
mit Paul Virilio, in: TAZ, 21.1.1991 

24 Clausewitz, S.851 

25 GuP,S. 181/182 

26 Clausewitz im “Wüstensturm*’, a.a.O. 

27 Clausewitz, S.108 

i ° r 'i'mcounf7 im “Wüstensturm'*, a.a.O. 


29 Breuer, S.327 

30 ebd., S.318; vgl. Franz Borkenau: Der 
Überg ang vom feudalen zum bürgerlichen 
Weltbild, Paris 1934; Henryk Grossmann: 
Die gesellschaftlichen Grundlagen der 
mechanistischen Philosophie und die 
Manufaktur, in: Zeitschrift für Sozialfor¬ 
schung , 4 .Jg ./1935, S. 161 -231 

31 Breuer, S.318 

32 ebd., S.321 

33 Alfred Sohn-Rethel: Das Geld, die bare 
Münze des Apriori, in: Paul Mattick u.a.: 
Beiträge zur Kritik des Geldes, Frankfurt/ 
M. 1976, S.75 

34 Breuer, S.321 

35 Paul Virilio: Abschreckung: Wie lange 
noch?, in: TAZ, 1.9.1990 


36 Vgl.: Antonelia Romeo: Attacken auf 
Attrappen, in: Die Zeit, 1.2.1991. Die 
Produkte der Firma Moselli Design unter¬ 
lagen selbstverständlich keinerlei Ausfuhr¬ 
beschränkungen, da es sich ja “nur um 
Plastikmaterial’’ handelte. 

37 Vgl.: Reinhard Wolff: Der Kormoran im 
Öl war ein riesiger Propagandabluff, in: 
TAZ, 5.3.1991 

38 Jean Baudrillard: “Der Feind ist ver¬ 
schwunden”, in: Der Spiegel 6/1991, 

4.2.1991 

39 Ludger Lütkehaus: Daß es so weitergeht, 
ist die Katastrophe, in: Badische Zeitung, 

6.3.1991 


Sofortige 
medizinische. Hilfe 
für die Opfer des Golfkriegs 

Generäle und Politikereröffnen und been- 
den Kriege: Per Befehl. Für die Menschen, die 
ihre Folgen zu tragen haben, enden sie lange 
nicht oder niemals. Hunderttausende wer¬ 
den als Tote von den Überlebenden vermißt. 
Noch vielmehr Verwundete bleiben unver¬ 
sorgt. Ganze Jahrgänge von Kindern und 
Jugendlichen müssen generationenlang ent¬ 
setzliche Deformationen der psychischen 
Schäden kriegerischer Aktion überwinden. 
Und wie sollen Ärzte arbeiten ohne Strom, 
Wasser, Desinfektionsmittel, Verbandmate¬ 
rial und Antibiotika? In zerstörten Kranken¬ 
häusern? In Kürze ist mit dem Ausbruch von 
Cholera, Typhus und anderen Seuchen zu 
rechnen. Die Kinder bekommen keimhalti¬ 
ges Tigriswasser mit Mehl vermischt als Nah¬ 
rung. 

Wr beabsichtigen den Transport medizi¬ 
nischer Hilfsgüter in Gesundheitseinrichtun¬ 
gen des Krisengebietes. Zwei Hilfskonvois 
sind bereits sicher eingetroffen und dienen 
der Versorgung der zivilen Opfer. 



Wir bitten Sie herzlich, beteiligen Sie sichl™ 1 * 
einer großzügigen Spende an der Soforthilfe 
für die betroffenen Menschen. 


■ nanniiHaM 

Obcrmainanlagc 7 ■ 6000 Frankfurt 1 
Tel: 0 G0 M 99004 t 



Kostenlose schriftliche Informationen und Berichte über die 
Arbeit im Krisengebiet beimedico erhältlich 




SPENDENKONTEN: 

MEDICO INTERNATIONAL: 
Frankfurter Sparkasse, 
Nr: 1800, (BLZ500 501 02) 
oder Postgiro Köln 
Nr. 6999-508, Stichwort 
»Medizinische Hilfe am Golf« 

(IPPNW): 
Stadtsparkasse Gaggenau, 
Nr: 50264 639, (BLZ665 51290) 




Bl 


Initiative »FRIEDEN AM GOLF«/ 
»GULF PEACE TEAM« 
Sonderkonto H. Engelmann 
Nr: 441898-603, Postgiro Frankfurt 
(BLZ 600100 60),Stich wort: »Medikamente« 







IP®Mstküaö®afts®ff um 
UDs«Ihiiiniiig®ü 
MStttt®ü<Dstl«aas 


Interview mit Adam Keller 
Israelischer Journalist und 
Friedensaktivist der Gruppe 
„New Outlook“ 
von Toni Liversage und 
Bjprn Meideil 

Das vorliegende Interview wurde vor dem 
Golfkrieg geführt. Die positiven Ansätze 
für eine Aussöhnung zwischen Israelis 
und Palästinensern sind durch den Golf¬ 
krieg sicherlich noch mehr verschüttet 
worden. Trotzdem scheint es uns in vieler 
Hinsicht ein Anknüpfungspunkt und er¬ 
leichtert uns einen Einblick in die Beweg¬ 
gründe der Palästinenser für ihre fatale 
Hussein-Option. 

Kannst Du etwas darüber sagen,was die 
Golfkrise für den Israel-Palästina-Kon- 
ßikt bedeutet hat? 

Die Golfkrise hat u.a. bedeutet, daß (Is¬ 
raelis und Palästinenser weiter voneinan¬ 
der stehen werden, aber das war faküsch 
ein Prozeß, der schon vor der Golfkrise 
mit der Bildung der Shamir-Regierung 
begann. Die Idee mit der Einleitung des 
politischen Friedensprozesses durch Ver¬ 
handlungen in Kairo wurde zerstört. Simon 
Peres von der Arbeiterpartei versuchte 
eine Regierung zu bilden, aber es mißlang 
und die Shamir-Regierung wünscht keine 
Verhandlungen. Davor gab es eineinhalb 
Jahre lang faktisch ein gemeinsames 
Programm für die moderaten Israelis und 
Paläsünenser, einschließlich der PLO- 
Führung. Es handelte sich um den Ver¬ 
such, die diplomatische Initiative zu för¬ 
dern - innerhalb Israels über den Frieden 
zu sprechen. Das israelische Friedensla¬ 
ger und die Palästinenser bewegten sich 
mehr oder weniger in die gleiche Rich¬ 
tung. 

Nachdem diese diplomatische Mög¬ 
lichkeit mit der Etablierung der Shamir- 
Regierung blockiert war,breitete sich unter 
den Palästinensern immer mehr das Ge¬ 
fühl aus, daß ihnen Diplomatie überhaupt 
nichts bringt; etwas, das auf der einen 
Seite in der ständig wachsenden Gewalt 
-seinen Ausdruck findet und auf der an¬ 
deren Seite in der Unterstützung vieler 
Palästinenser für Saddam Hussein geen¬ 
det hat. 

Es war nicht die offizielle Linie der 
PLO - man hat aber alles versucht, es so 
darzustellen, als ob die PLO Saddam 
Hussein unterstütze - aber was wir von 
der PLO hörten, war, daß sie sagte: wir 


sind neutral, wir wünschen, daß Saddam 
Hussein Kuwait verlassen soll, aber wir 
wünschen auch, daß die Amerikaner 
Saudi-Arabien verlassen - wir wollen 
vermitteln. Das ist die Linie der PLO- 
Führung, das ist auch ihre Linie in Ost¬ 
jerusalem. AberwasdieBasisbewegungen 

unterden Palästinensern armAtit _ 


Hussein gegen Israel und die Amerikaner 
losgeht und vom Gefühl der Palästinenser 
her, sind diese die Feinde. Ein palästinen¬ 
sischer Sprecher, Feisal Husseini, erklär¬ 
te Anfang Oktober auf einem Treffen von 
Friedensaktivisten in Jerusalem, daß die 
Paläsünenser fühlen, daß die intcmaüo- 
nale Gesellschaft sie im Stich läßt, daß die 
ganze Welt mit der irakischen OkkuDa- 



" ; ^ liMaci| scne Besetzung d 

Westjordanlands und Gaza interessie, 
Sie fühlen sich in einem Dschungel 
dem keine Gesetze gelten und in dem, 
keine Formen von Gerechtigkeit gibt ui 
in diesem Dschungel kommt der isra 
hsche Tiger und greift sie an, da taue 
plötzlich derirakischeTigerauf, um geg, 

den israelischen Tiger zu kämpfen u, 

das begrüssen sie. 

Aber das bedeutete, daß viele kn, 
‘sehe Fri edensaktivistlnnen sehr er 
tauscht wurden; da war u.a ein Knessi 
Mitglied von der Bürgerrechtspartei R a 
Yossi Sand, emerder während vieler Ja! 
mit der offenste Fürsprecher eines Rri 
ens mit den Palästinensern gewesen i 

emer dermitdenMedienumgehenka 

und häufig im Radio oder Fernsehen • 

dcr Friedensbewegung g cr ^ 

at, der schrieb nun einen Artikel 

J^^f^d^^ästinenserkei 

Unabhängigkeitverdienen, daßsieesnic 

verdienen, von der Besetzung befreit 

Das war natürlich ein sehr «rhu« 
ton alle Leute vom 
Flügel sprangen auf und sagten-, n 
ihr, selbst Yossi Sa rid 

möglich ist.mitPalästinc^sem 7ureu' 
Das passierte in den ersten m k de 
Golfkrise. Aber späterwurdeMjeT' 
wieder vernünftiger und am 19 Senf 
ber wurde eine gemeinsame ErS 

daß sie in der Golftffi 
Palästinensern einig sind, daß Zr 
Dialog forgesetzt werden müsse daf 
keinen anderen Weg gibt h Jp . T 
Prozeß i„ dang 2ub 8 4'f" F "^ 


26 


Wie ist die Situation heute? (imNovember 
1990, SF) 


Heute gibt es wieder einen Willen in der 
Friedensbewegung, die Arbeit fortzu 
setzen, zu protestieren usw., aber die Situa¬ 
tion und die Atmosphäre ist natürlich nie t 
gerade gut. Auf der einen Seite haben die 
Menschen Angst davor, daß es zum Krieg 
mit Giftgas kommt und auf der anderen, 

daß Araber sie mit dem Messer töten, o 

wie die Situation jetzt ist, wäre es nie 

möglich, eine große Demonstrationen 
machen wie diezu Neujahr mit rund 10. 

Menschen. Was wir machen ist, die me r 

grundlegenden Dinge weiterzuführen 
die wöchentlichen Protestdemonstfa 

tionen, die Women in black jeden Freitag 
abhalten und dasselbe gilt für Gruppe 11 ’ 
wie z.B. Down with the occupation. Es lS 
wichüg, daß die Arbeit weitergeht, daß 1 
Zeitungen geschrieben wird, Flugblätte 
verteilt werden, daß die Verhältnisse von 
palästinensischen Gefangenen und 1 
Verhältnisse in den besetzten Gebiete 
untersucht werden. Wir können uns jetz 
vielleicht nicht vorwärts bewegen, a 
wir können verhindern, daß wir zurüc 


gestossen werden. g 

Nach dem Massaker am Tempe e 
hat sich die Atmosphäre sehr yerän e » 
weil, einerseits die Golfkrise ja we * 
geht, andererseits unabhängig von ^ 
was Saddam Hussein unternimmt, na ^ 
diesen Ereignissen in Jerusalem die 
Satzung schlimmer und schlimmer 
Wir befinden uns in einer sehr sc 
rigen Situation, an der ein Aspekt ^ 
wichtig ist: es ist jetzt klar, daß die g e ® 
wärtige Situation so nicht fortbeste 
kann. Die Palästinenser sind verz ^ £3 

derStatusquo ist unmöglich, sie ha 

Jahre unter der Besatzung gelebt, sie ^ 

3 Jahre die Intifada versucht, 
Menschen sind getötet worden, Ze u 
sende verletzt, Zehntausende in G c ^ 

nissen; es gibt große ökonomische ^ 

lerne und sie haben nichts etteie 
fühlen, daß die Welt sie vergessen a ^ 
dann kommt plötzlich einer mif e . 
Messer und sagt: Mir ist es g^?* 1 ® de n 
was passiert, jetzt sollen es die 
büssen. - iQt « 

Auf diese Art kann das nicht we - n . 
gehen, es muß für alle in Israel klaj* ^ 
aber es gibt in Israel natürlich auch ^ 

die einen anderen Schluß 
sagen: »so kann es nicht weite £ ^ 

darum müssen wir alle Araber hinan ^ 
fen.« Es hat immer Leute mit so ^ 
Ansichten gegeben, und ich glau * ^ 
diese Menschen sehr darauf ho e ’ e j 
cs zum Krieg kommt, denn we " n lic fi- 

involviert wird,bekommt es die Mo^^ 

keit, die Palästinenser zu vertreiben. > 

die ganze Welt in den Krieg hm 





zogen wird, wird niemand merken, was !| 
wir mit den Palästinensern machen. 

(...) Eine Sache, die wichtig ist, und 
die ich unterstreichen will, ist, daß die 
Welt sich mehr für den Israel/Palästina 
Konflikt interessieren müßte. Wenn die 
Welt sich nicht für diesen Konflikt interes 
siert, faßt dies der Rechtsflügel so auf, als 
ob die Welt ihm freie Hand lasse, zu 
machen, was er will. 


Wie charakterisierst du heute das Ver¬ 
hältnis zwischen Israel und den USA? 




I ¥®t@Si 




iiiiiiii 


«tt 


Da ist eine grundlegende Sache, die man 
aussprechen muß: Israel war der wichtig¬ 
ste Alliierte der USA während des Kalten 
Krieges, hier war Israel ein sehr verlä߬ 
licher Alliierter. Es war nicht die gering¬ 
ste Gefahr vorhanden, daß das Land auf 
die sowjetische Seite einschwenken 
könnte, und es war so ein Alliierter, der 
immer gegen diejenigen Regime im Mit 
telosten benutzt werden konnte, die von 
der Sowjetunion unterstützt wurden. 

Aber heute ist der Kalte Krieg vorbei: 
die USA brauchen niemanden, um den 
sowjetischen Einfluß im Mittelosten zu 
bekämpfen und in der Situation wird klar, 
daß Israel sehr viel weniger wichtig ist 
als Alliierte wie Ägypten, Saudi-Arabien 
oder Syrien. Faktisch ist es so, daß ein 
arabisches Land, welches Mitglied der 
arabischen Liga ist und Ansehen in der 
arabischen Welt genießt, während dieser 
Krise für die USA sehr viel mehr wert ist 
als Israel. 

Das wurde deutlich bei der Annahme 
der Resolution des UN-Sicherheitsrats: 
als die 7 Palästinenser bei Rishon le 
Tzion getötet wurden, kam der Vorschlag 
daß die UN eine Untersuchung vomeh 
men muß, dagegen legten die USA ihr 
Veto ein. Doch jetzt, als 21 Palästinenser 
am Tempelberg getötet wurden und der 
gleiche Vorschlag wieder auftauchte 
! erhielt er die Unterstützung seitens der 
! USA. Und das liegt natürlich in der Golf 
| krise begründet, weil die USA die Unter 
: Stützung von Ägypten, Saudi-Arabien 
Syrien usw. brauchen. 


Was muß passieren, damit die politische 
Situation in Israel verändert werden kann: 










iil.1 

Igf^^ . J 


M V-. i 81 



Die israelische Regierung wird ihre Hal¬ 
tung nicht ohne Druck von Außen ändern 
und die Friedensbewegung wird nie eine 
ausreichend starke Kraft sein, um die 
politische Wirklichkeit zu verändern. Ich 
meine natürlich nicht, daß nur etwas von 
Außen passieren kann, es ist natürlich 
wichtig, daß man im Innern so viel tut, wie 
esnurmöglich ist Es ist auch wichtig, daß 
das Element des inneren Willens zum 
Frieden so groß wie möglich ist, das wäre 
für die Dauerhaftigkeit des Friedens bes- 
ser, er wäre dann haltbarer. Mir würde 
ItfiiXi'I eine Situation mißfallen, in der Israel 

aufgrund massiven Drucks dazu ge- 
V'XV'I m zwungen wird, sich aus den besetzten 
«ölifplt Gebieten zurückzuziehen, wenn gleich- 
äCv fSlf; zeitigdieisraelischeBevölkerungdarüber 
fr X wütet und dies als nat i ona le Demütigung 

eriebt. 

; ' rBS Eine der wichtigsten Aufgaben der 
Friedensbewegung ist, die israelische 
Regierung davon zu überzeugen, den 
?ipll@ Friedensprozeß als etwas Positives zu 
verstehen und nicht als etwas, zu dem sie 
gezwungen wird. Und eines der Dinge, 

| die wir versuchen, wenn wir mit Men 
| sehen reden, ist, daß wir die Begriffe 
groß“ und „klein“ auf den Kopf stellen. 
Denn was sagen die Nationalisten? Sie 
sagen: »wir wollen ein Groß-Israel, ein 
starkes Israel, ein Israel mit großem Terri 
torium und die linksorientierten Defai 
tisten wollen ein kleines Israel, ein Israel, 
das geschrumpft ist.« 

Und darauf antworten wir, daß das, 
was die Nationalisten wirklich geschaf 
fen haben, daß das ein sehr kleines Israel 
ist, ein sehr kleines Ghetto, umgeben von 
Stacheldraht rundherum,ganz abgetrennt 
von dem Gebiet, in dem es sich befindet, 
ausschließlich nach Außen orientiert, weil 
es nicht imstande ist, mit seinen Nachbarn 
zu leben. Was wir dagegen wünschen ist, 
daß sich der ganze Mittelosten öffnet, daß 
es möglich ist, mit seinem Auto nach 
Damaskus zu fahren, nach Bagdad, nach 
Tripolis oder Algier! 

In einem alten Lied aus den 50er Jah 
ren heißt es: „Wenn der Frieden kommt, 
nehmen wir den Zug nach Damaskus. “ 







Übersetzt aus dem Dänischen 
Information v. 24.11.90 
von Jürgen Wierzoch 


















IPIhdDtos <dl®iP 
IBüM®irIk®äl 

von Adam Keller 

Die meisten politischen Debatten, an 
denen ich in den letzten 20 Jahren als 
Friedesaktivist teilnahm, drehten sich um 
das Verhältnis Israels zu den Palästinen¬ 
sern und der arabischen Welt. 

Eine Debatte hat sich mir besonders 
eingeprägt und an sie wurde ich erinnert, 
als ich die Photos sah, die Henrik Saxgt* en 
(Photograph der dänischen Zeitung 
Information , SF-Red.) in Jerusalem ge¬ 
macht hat. 

Es war ein Tag im April oder Mm 
1988. Ich befand mich im „Militärgeßng 
nis Nr.4 der israelischen Verteidigung * 
so der offizielle Name. Im Gefängnisho 
saßen wir, das waren ca. 35 Gefangene, 
und diskutierten laut über die Intifada, die 
zu diesem Zeitpunkt schon mehrere 
Monate andauerte. Wir waren in z wel 
scharf getrennte Gruppen gespalten. 
einen waren die „Politischen“ - Soldaten 
der Reserve, die im Gefängnis waren, 
weil sie den Dienst in den besetzten 
Gebieten verweigerten oder überhaup 

keinen Militärdienst machen wollten oder 
(wie ich) Parolen gegen die Besatzung aut 
Panzer des Heers geschrieben hatten. 
meisten aus dieser Gruppe kamen aus der 
Mittelklasse und hatten einen inteile 
tuellen Hintergrund. 









Die anderen Teilnehmer der Debatte 
waren junge Wehrpflichtige, zumeist aus 
äJTnen Familien. Viele waren oricntalisch- 
Jüdischcr Herkunft. Sie waren einge¬ 
sperrt worden wegen verschiedener „nicht- 
Politischcr“ Gesetzesübertretungen, z.B. 
Wc ^ sie „dem Dienst femgeblieben“ 
waren, auf einer Wache geschlafen hatten 


Egal worin ihre Probleme mit dem 
mi Hliirischen Establishment bestanden, 
Warcn sie alle sehr nationalistisch, sehr 
Patriotisch und sehr anti-arabisch einge- 
SlclIt * Ds war also eine Diskussion über 
j^elc Barrieren hinweg-politische, sozia- 
e u nd altersmäßige. Niemand konnte sich 
erinnern, wie sie angefangen hatte, aber 
S1 e ging über mehrere Stunden - sic war 
f r . ^ auts htrk und sehr gefühlsbetont, 
^himpfworte wie „Verräter!“, „PLO- 
genten“, „Faschisten“ und „„Rassisten“ 
°S cn hin und her. 


, . n ^ dann kam der Augenblick, den 
Clncr v °a uns je vergessen wird. Einer 
meiner Freunde - Philosophielehrcr an 

der Un >vcrsität von Tel Aviv (und Reser¬ 
vist wie alle israelischen Männer)... brach 
P ölzlichaus: „Schaut uns an! Schaut, was 
y lr ma phen! Ihr wollt ein Groß-Israel 
oni Mittclmecr bis nach Jordanien ha- 
d n ’. a i )cr w as ihr bekommt, ist ein Israel, 
ns in Stücke gerissen ist, verfault bis ins 
^ voll von Haß und Gewalt!“ 

saR . ~ w * e rc chts orientierte - 
sin ° n ^ nC ^ c '* c sl i** ^ a - Als die Disküs- 
tCr n v, ’ (X i cr anfing, war dcrTon beheirsch- 
^ nnd ruhiger. Kurz bevor wir in unsere 
j. cn zdr Nacht eingeschlossen wurden, 

am e * ncr d cr lautesten Nationalisten zu 


mir und fragte: „Hast Du wirklich PLO- 
Mitglieder getroffen? Hattest Du keine 
Angst vor ihnen? Wollen die wirklich 
Frieden?“ 

An diesen Tag denke ich oft, - beson¬ 
ders,wenn die Verhältnisse zur Verzweif¬ 
lung und Hoffnungslosigkeit einladen und 
die Friedenschancen gering scheinen. Ich 
dachte jetzt wieder an ihn, als ich die 
Photos sah. Was sie zeigen, ist für mich 
nichts Neues. In Israel sieht man oft sol¬ 
che Motive und wenn man in die besetz¬ 
ten Gebiete geht, kann man sie mit seinen 
eigenen Augen sehen. Aber Henrik Sax- 
gren hat den Hintergrund sehr lebendig 
gemacht - z.B. die Bitterkeit, die der 
Konflikt hervorgerufen hat und die sich in 
den Spielen der palästinensischen Kinder 
spiegelt. Wenn ich die trotzigen jungen 
Palästinenser sehe, denke ich an die vie¬ 
len Male, wo ich in palästinensischen 
Städten und Dörfern war, als Mitglied 
einer Solidaritätsdelegation oder einer 
Dialoggruppe. Ich bin unbewaffnet herum¬ 
gegangen und bin auf Wärme bei densel¬ 
ben Jungen gestossen, diemich gesteinigt 
hätten, wäre ich mit Waffen und in Uni¬ 
form gekommen. 

Wenn ich die israelischen Soldaten 
und Grenzwachen sehe, deren Gesichter 
durch die Helme und die gehobenen 
Waffen halb verdeckt sind, weiß ich, daß 
es junge Wehrpflichtige sind - nicht viel 
älter, als die Palästinenser gegen die sie 
kämpfen. Ich weiß, daß viele der jungen 
Soldaten unter anderen Umständen war¬ 
me und tolerante Menschen sein könnten 
- aber das ist ja kein Trost für die Palästi¬ 
nenser. 29 


Sowohl Palästinenser, wie Israeliten 
sind Opfer von Yitzak Shamir und seiner 
Regierung. Mit seiner hartnäckigen Wei¬ 
gerung, Teilederbcsetzten Gcbietcaufzu- 
geben und mit seiner Sabotage selbst der 
begrenztesten und unzureichendsten 

Vorschlägeübcr Verhandlungen mit Palä¬ 
stinensern, wie sie von den Amerikanern 
gemacht wurden, ist Shamir verantwort¬ 
lich für den Tod vieler Palästinenser und 
Israelis. Ich befürchte er wird in den 
kommenden Wochen und Monaten noch 
mehr Blutvergießen auf sein Gewissen 
nehmen. 

Selbst jetzt, wo die Gewalt eskaliert, 
habe ich nicht die Hoffnung verloren. Ich 
glaube ständig, daß Frieden zwischen dem 
Staat Israel und einem palästinensischen 
Staat möglich ist. 

Eines Tages wird eine neue Genera¬ 
tion von Israelis und Palästinensern diese 
Photos in einem Museum als Erinnerun¬ 
gen aus einer fernen Zeit sehen... 

Ich glaube an den Frieden, nicht nur 
weil er das moralisch Vernünftigste ist, 
sondern auch, weil ein Leben in Frieden,' 
blickt man tiefer, im Interesse aller ist. 
Das gilt für alle Einwohner eines Landes, 
das einige Palästina, andere Eretz Israel’ 
nennen. In Frieden zu leben - oder: ein¬ 
fach zu leben - ist ein sehr grundlegendes 
Interesse. Das wahnsinnige Blutbad am 
Tempelberg ist ein neuer Beweis dafür. 

ms dem Dänischen; Information 

28.10.1990 

übersetzt von Jürgen Wierzoch 








ein Vorschlag, der mich begeisterte. Zu 
der Zeit war ich sehr jung, darum wollte 
ich erst mitgehen und sehen, was da war. 
In Italien fand ich, zu meinem Glück, 
meine Familie quasi heil, das Haus stand 
und Arbeit fand sich rasch. 

Seither betrachte ich Italien voll und 
ganz als mein Land, fühle mich als ita¬ 
lienischer Bürger, nehme am politischen 
und sozialen Leben teil, auch an dem 
Israels, natürlich, weil ich gefühlsmäßige 
Verbindungen mit Israel habe. Ich habe 
viele Freunde, die dort leben. Außerdem 
habe ich viele Genossen aus der Gefangcn- 


dazu, einige Sachen für eventuelle zu¬ 
künftige Bücher zu korrigieren. Selbst 
„Wann, wenn nicht jetzt?“ ist kritisiert 
worden und zwar dort, wo ich es am 
wenigsten erwartethabe, in den Vereinig¬ 
ten Staaten. 

Im Buch „ Ist das ein Mensch? " haben Sie 
keine Andeutung über den Bedarf der 
Nähe einer Frau gemacht, wederför Sie, 
noch für Ihre Genossen . Warum?. 

Weil er nicht vorhanden war, weil wirklich 
dieses Bedürfnis, das Teil der mensch- 


geführt von italienischen 
Studenten aus Pesaro 

Heute Jude zu sein - nach den Ereignis¬ 
sen des 2. Weltkriegs und nach der Kon¬ 
stitution des Staates Israel - bedeutet es 
einen Unterschied zum Jude-sein vorher? 

Ohne Zweifel ja. Ich bin nie Zionist 
gewesen, bin es auch jetzt nicht, aber ich 
habe die historische Notwendigkeit des 
Staates Israel verstanden. Und ich be¬ 
trachte die Gründung des Staates Israel 
als ein absolut historisches Ereignis von 
extremer Wichtigkeit für die Juden in 
aller Welt-mitallen Schwierigkeiten, die 
cs gab, allen Willkürlichkeiten, die gewis¬ 
se israelische Regierungen im folgenden 
vorgenommen haben. Die Juden haben 
effektiv ein Refugium (= eine Zufluchts¬ 
stätte), cs ist ein unsicheres Refugium, ein 
Refugium, das brennt, es ist ein Refugium 
in permanenter Gefahr, darum haben sich 
in Israel die Bedingungen geändert. Ihr 
wißt, es gibt in der Verfassung Israels das 
Rückkehrgesetz, d.h. ein jeder Jude, aus 
welchem Teil der Welt auch immer, der 
darum bittet israelischer Bürger zu wer¬ 
den, wird akzeptiert. Es ist also ein wenig 
das mögliche Vaterland, wenn auch ak¬ 
tuell nicht für alle. 

Was mich betrifft, ich sagte es eben, 
ich bin kein Zionist, bin es nie gewesen 
und ich habe nie den Versuch gemacht, 
mich in Israel einzurichten. Ich bin dort 
als Pilger gewesen, als Tourist. Es ist ein 
Land so voll mit Geschichte, so interes¬ 
sant, daß es die Mühe wert ist, einige 
Monate dort zu sein und nicht nur 6 Tage, 
wie ich es tat. Aber es ist nicht mein Land, 
mein Land ist Italien. Ich bin zusammen 
mit anderen Rückkehrern, die nicht Ita¬ 
liener waren, aus der Gefangenschaft 
zurückgekommen und sie sagten zu mir: 
„Komm mit uns, warum gehst du nach 
Italien zurück? Du findest deine Familie 
versprengt, dein Haus zerstört , deine 
Arbeit besetzt, komm mit uns, gehen wir 
und machen ein neues Land". - Das war 


schaft, die dort leben, weil sic keine an¬ 
dere Wahl hatten: diese haben ihre Fami¬ 
lien zerstört vorgefunden, das Haus von 
anderen bewohnt, sie konnten nicht zu¬ 
rückkehren. Aber trotz allem fühle ich 
mich zu 95% als Italiener und nur zu 5% 
als Jude, wenn man das so ausdrücken 
kann. Man kann nicht die Stimmung der 
Juden in der ganzen Welt negieren und 
speziell nicht in den Ländern, in denen sie 
jetzt wieder unterdrückt werden. Die 
Präsenz, jedenfalls eines Refugiumstaates, 
eines „Schaluppenstaates“, eines „Floß- 
Staates“, auf dem man landen kann, ist 
von extremer Wichtigkeit und verändert 
ihr Verhalten. 

Wie definiert der Schriftsteller PrimoLevi 
sich selbst? 

Das ist die schwierigste Frage, die ich je 
gestellt bekam. Mir gefällt es, Autor zu 
sein, kann ich nur sagen. Ich lese manch¬ 
mal meine Bücher wieder, finde sie besser 
und weniger gut, aber ich bin im Frieden 
mit mir selbst. Müßte ich meine Bücher 
neu schreiben, auch die ältesten, würde 
ich sehr wenig ändern. Mir scheint, ich 
befinde mich im Frieden mit mir und der 
schreibenden Welt. Die anderen Urteile 
sind nicht meine, sie sind nicht aus erster 
Hand, sie sind indirekte. Urteile, die mich 
aufrühren, lese ich in Kritiken, sie stam¬ 
men von professionellen Kritikern und 
meinen Lesern. Dann fühle ich mich sehr 
krank, wie jemand, der sich im Spiegel 
sieht und der Spiegel reflektiert immer 
nur ein bestimmtes Bild, das Bild der 
Vorderansicht und nie das des Profils. 
Manchmal finde ich auch Kritiken - aus¬ 
ländische und italienische - die mir hel¬ 
fen. Einige meiner Bücher sind ganz bitter 
kritisiert worden, das hilft mir auch, hilft 
mir iw einer Veränderung. Ich schreibe 
nicht für mich selbst, ich schreibe für 

meine Leser, Italiener oder Nichtilalicncr, 

wenn die Urteile positiv sind, machen sic 
Freude, sind sie negativ, machen sie keine 
Freude, sind aber sehr nützl ich und dienen 


liehen Bedingungen ist, von einer Menge 
anderer Bedürfnisse unterdrückt war, die ■ 
dringlicher waren. Da war das Bedürfnis 
zu essen, sich vor Kälte zu schützen, sich 
vor den Schlangen zu schützen, da war 
das tägliche Drama. Man erreichte am 
Abend einen Zustand der totalen 
Ermattung und wenn man sich aufs Bett 
warf, fiel man sofort, nach Sekunden, in 
einen bleiernen Schlaf. Es gab materiell 
keine Zeit zu denken, ich weiß jetzt nicht, 
ob die Fragestellerin ans Gefühl oder ans 
Geschlecht denkt, aber ob Gefühl oder 
Geschlecht, sie hatten viel Instinkt. Ich 
möchte präzisieren: dies gilt für die 
Gefangenen der untersten Klasse. 
Vielleicht erinnert ihr, daß Auschwitz, 
wo ich gewesen bin, eines der schlimm¬ 
sten Lager war, hauptsächlich für die • 
Juden! Es gab andere Lager, sehr harte, in 
denen dic S tcrbl ichkeit sehr hoch war, sie 
lag bei ca. 20-30%, aber nicht wie in 
Auschwitz bei 95%. In jenen anderen 
Lagern, das ist dokumentiert, fühlten die 
Gefangenen, zumeist die politischen 
Gefangenen, den Mangel einer Frau sehr 
tief; ihrer Frau, der Ehefrau, der Verlob' 
ten, der Geliebten. Vielleicht wißt ihr,daß 
in fast jedem Lager und auch in meinem, 
ein Bordell existierte, ein „Hurenhaus 4 *. 
Es war von der SS eingerichtet worden, es 
scheint, als sei es ein Einfall Hitlers 
gewesen, als habe er diesen schönen 
Gedanken gehabt, ein „Hurenhaus“ in 
allen Konzentrationslagern einzurichten» 
natürlich nicht für die Juden, denn die 
Prostituierten waren nicht jüdisch, sie 

waren arisch.Meistens waren esPolinnen 

und sie waren wirklich berufsmäßige 
Prostituierte. Es war nicht so, daß *nan 
andere zwang, diesen Beruf auszuüben. 
Es war ein sehr gesuchter Beruf, u.a. wei 
es den Prostituierten besser ging, sie aßen 
besser, sie erhielten die Bezahlung v ° n 

ihren Klienten in Naturalien. DieseKlien 

ten waren nicht-jüdische Gefangene, z* 
der Lager in Buchenwald, in Mauthausen. 

Die Absicht dieser kuriosen Einrie 
tung war sehr einleuchtend; es hande te 


30 





sich um Männer in einigermaßen guter 
Verfassung, sie erhielten Pakete von 
zuhause und darum hatten sic sexuelle 
Bcdurfnisc. Sie suchten nicht nur den 
Kontakt, sondern auch die Freudschaft 
dieser Frauen, von denen einige, wenn 
ni cht alle, im Dienst der GESTAPO stan¬ 
den. Darum wurden sic zum Instrument 
der „Kollaboration“, weshalb cs in den 

VOn mir genannten Lagcm,dcn Politischen 
v erboten wurde, das Bordell aufzusuchen; 

^es existierte eine Widerstandsorganisa¬ 
tion (ein internes Widerstandskomitee, 
das nicht viel machen konnte, aber einiges 
gemacht hat.) Also wurde das Bordell 
bald hauptsächlich von Gefangenen der 
dritten Kategorie frequentiert, denen die 
das grüne Dreieck trugen, den Kriminel¬ 
len, die aus Gefängnissen kamen. Diese 
frequentierten das „Hurenhaus“, sic brach¬ 
ten den armen Frauen Geschenke mit, 
manchmal Naturalien, manchmal Geld. 
Wir sahen sic sonntags, am Sonntag sahen 
wir wie die SSlcr sie besuchten, denen 
War es offiziell verboten ins Bordell zu 
gehen, aber sie gingen dort, in der ent¬ 
sprechenden Lagerstrasse spazieren. Ich 
Cr inncrc mich an meine erste Ohrfeige in 
m einer Gcfangcncnkarricrc, weil ich an 
einem der ersten Tage, in denen ich da 
War > die Hände verletzt hatte und nicht 
w ußtc, was ich machen sollte. Da sagten 
sie mir, geh am Morgen, ganz schnell, 
gleich nach dem Apcll ins Lazarett, damit 
sie dich verbinden - und ich nahm den 
kürzesten Weg. Es war noch Nacht, gegen 
^ Uhr am Morgen und ich erhielt eine 
kräftige Ohrfeige von einem SS-Mann, 
Wcil ich nicht wußte, daß der kürzeste 
Wc g an der Baracke Nr.29 vorbeiführte, 
üic das Bordell des Lagers war und die 
v ° n den anderen dadurch zu unterschob 
dcn war, daß die Vorhänge zugezogen 
Warc n. Es war tatsächlich ein verschlos¬ 
senes Haus, und ich hatte nicht gewußt, 
da ß cs gewöhnlichen Gefangenen verbo¬ 
ten war, diese Strasse zu benutzen. 

W/c war das Partisanenleben von Levi? 
Wle beurteilen Sie die italienische 
Resiste nza? 


Auf mein Partisancnleben bin ich nicht 
besonders stolz. Ich wurde 1919 geboren, 
iel 1938 unter die italienischen Rassen¬ 
gesetze und habe - wie der eine oder 
undere auch - keinen Militärdienst ge¬ 
macht. Daher war meine Vorbereitung als 
^ oldal absolut gleich Null; auch danach 


habe ich 


nie wieder eine Waffe gesehen. 


0c b getragen. Auf der anderen Seite 
^schien es mir als die einzige anständige 
ac bc, die ein Jugendlicher in meinem 
Alter und aufgrund meiner Bedingungen 
Aachen konnte, und so schloß ich mich 


einer Partisanengruppe an. Es ging völlig 
schief, d.h. die ganze Partisanenbande 
ging schief; sie bestand aus Leuten, die so 
unvorbereitet und Jachfremd“ waren wie 
ich, der nicht wußte, daß die erste Sache, 
die zur Organisierung einer Partisanen¬ 
bande gehört, das Geld ist und solches 
hauen wir nicht. 

Mit Geld kauft man sich Waffen oder 
findet Essen; darum war es em kurzes 
Experiment, tragisch und auch dumm, 
weil die Gräber voll sind. Die Einsicht 
kam zu spät, jetzt weiß ich, daß ich mich 
viel zu früh, im November 1943 als Par¬ 
tisan erklärte, als die Resistenza noch 
nicht existierte. 

Was mein Urteil über die Resistenza 
angeht (später wurde ich Teil der Resi¬ 
stance nicht nur der italienischen Resi- 
stenza), schien mir, daß diese monströse 
Struktur des Nazismus, die Europa heim- 
gesucht hatte, notwendigerweise einen 
Widerstandswillen hervorrufen müßte, es 

war keine denkbare Frage, es war die 
einzige, logische Anwort, vernünftig und 
moralisch. Dieses Faktum ist sehr wich¬ 
tig, weil wir heute in einer Welt und in 
einer Zeit leben, die nicht so eindeutig ist, 
so daß ich heute nicht wüßte, was die 
logische Wahl ist, die vernünftige und 
moralische - und dies ist Teil unserer 
täglichen Dialektik. Heute können wir, zu 
unserem Glück, zwischen 12 Parteien 
wählen, keine von diesen besitzt die 
Wahrheit. Aber zur Zeit des zweiten 
Weltkriegs, und auch davor, während der 
Entstehung und Entwicklung der natio¬ 
nalsozialistischen Kräfte, gab es solche 
Wahlen nicht; nur ein blinder Volontcur 
konnte seine Augen davor verschließen 
auf welcher Seite die Vernunft war, auf 
welcher Seite das Unrecht war. Darum 
betrachte ich die italienische Resistenza, 
die kein einfaches Phänomen war, die 
uneinig war, als ein Phänomen, das not¬ 
wendig war, nützlich und auch voraus- 
schaucnd, woraus das heutige Italien ent- 
standen ist. 

Nachbemerkung des Übersetzers: Das 
vorliegende Interview stammt vom 
5.5.1986 und wurde für eine Veröffent¬ 
lichungsreihe mit dem Titel „Die Ansich¬ 
ten der Gegenwärtigen“ geführt, in der 
italienische und ausländische Schriftstel¬ 
ler zu Wort kommen. Der hier vorliegende 

Text ist ein Auszug. 

Mit Primo Levi existiert ein italie¬ 
nischer Film „Ritorno ad Auschwitz “ (RAI 
1983). Der Film zeigt Levi imZug auf dem 
Weg nach Polen, er wird interviewt, Bil¬ 
der aus Auschwitz... drei Dinge fand ich 
besonders bemerkenswert: das A nges ic ht 
Levis, seine menschliche Ausstrahlung, 
seine Kritik, daß das Auschwitzmuseum 


zu sehr auf den polnischen Widerstand 
gewichtet und wenig von dem der anderen 
zeigt. Sein letztes Wort im Filminterview: 
„In dem Augenblick, in dem wir 
Auschwitz vergessen, ist es wieder da.“ 

übersetzt aus La Repubblica, 
8.11 J 990 

von Jürgen Wierzoch 

Anm. der SF-Red.: Bei der Büchergilde 
Gutenberg sind folgende autobiographische 
Bände von Primo Levi lieferbar: 

- Das periodische System. Eine Auto¬ 
biographie, 287 S., 27.-DM 

- Ist das ein Mensch?, 248 S., 25.-DM (Am 
13.12.1943 wurde Primo Levi von der 
faschistischen Miliz verhaftet und als 
Zwangsarbeitcrnach Auschwitzdeponiert. 
In diesem Buch beschreibt er minutiös 
seine Erlebnisse in Auschwitz.) 

- Die Atempause. 272S., 27:-DM (Am 
27.1.1945 wird der Lagerkomplex 
Auschwitz von der Roten Armee befreit. 
Die wenigen Überlebenden warten auf die 
heimkehr, werden aber aus ungeklärten 
gründen zunächst nach Osten, nach 
Weißrußland geschafft und bei Minsk 
neuerlich in einem Lager fcstgehalten,bis 
sie nach Monaten über Südosteuropa 
heimkehren dürfen. Erst am 19. Oktober 
trifft Levi in Italien ein!) 

Wer wegen eines Titels nicht bei der 
Büchergilde eintreten will, kann über den SF 
die gewünschten Titel (Preis, zzgl 4.-DM für 
2x Porto) bestellen, wir besorgen sie Euch 
dann. [ We r- etwa wegen der B.Traven-, Oskar 
Maria Graf-, Jack London-Bücher etc. schon 
länger Mitg liedder B üchergilde werden wollte, 
kann dies ja über uns tun, als Werbeprämie 
gibt es derzeit Burgunderwein. Das nächste 
Redaktionstreffen wüßte es zu schätzen!!] 


Literaturliste 


Gnjndlagenliteratur zur Geschichte des Nationalismus 
und Faschismus; Faschismustheorien 
Der deutsche Faschismus 1933-1945 

H eircehattsstfuktuf en ■ Alltag 4 Kultur • Krieg • Juden vemtchtwa 
Zwangsarbeit und Konzentrationslager ■ Opposition 4 Wideretarvl 

Faschistische Kontinuität 
Rassismus & Sexismus 

Neofaschismus, Rechtsextremismus, Neue Rechte 
Weitergehende Diskussionen 
Romane und Erzählungen zum Thema 
Zeitschriften und Archive 

Auf 48 Seiten 260 8ücher & Broschüren mit 
Kurzbeschreibungen. Ein Nachschlagewerk für 
die antifaschistische und antirassistische 
Arbeit. In Buch- und Infoläden erhältlich 1 
Paketbestellungen von Gruppen, Läden und 
Initiativen; 10 Ex.=20.-0m ; 25 Ex.OSf-DM* 
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IMS 


| SOZIALISTISCHE ZEITUNG 

Politische Kritik mit 
theoretischem Anspruch. 

links im März 1991: 

Die aktuelle Debatte 

Saddam Hussein hat nicht nur Kuwait 
uberfellen. sondern auch die Köpfe kriti¬ 
scher Menschen gespalten. Der selbst¬ 
ernannte Weltpolizist USA hat nicht nur 
eme mög iche politische Lösung in Form 
f‘ n ® s , wel ' weiten Embargos gegen den 

FWni UrC u Slne gefährllche militärische 
Eigenlogtk ersetzt, sondern auch eine 

te de"! Lmk Un9 n deS DenkenS großer Tei ‘ 

® der Ijl g ken .hier erreicht. In der politi¬ 
schen Auseinandersetzung um den 
Krieg im Irak werden Gründe wie nach 

Überwach 6CkllS,e eines ,echn ischen 
Uberwachungsvereins abgefragt. Doch 

es geht hier nicht um den TÜV-Stempel 
der das Weiterfahren in die richtige lin¬ 
ke Richtung ermöglicht, sondern um die 
Bekennerplakette, die unter der Be¬ 
zeichnung „Kriegstreiber" dann verwei¬ 
gert wird, wenn die friedensbewegte Po- 
smon der Kritik ausgesetzt wird. 
Andererseits halten sich einige undiffe¬ 
renzierte Pauschal-Kritiker von links" 
und auch von „rechts" oft für die'autori- 
sierten lngenieure, die die Kriterien der 
Checkliste festgelegt haben. 

Streit: 

„Pazifisten“ contra „Bellizisten“ 

Analyse: 

Ökonomische Dimensionen der 
Kriegspolitik im Nahen Osten * 

Kritik: 

Völkerrecht und Gewalt 

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von Holocaust 
breitet sich zu den 
jüdischen 
Historikern aus 

k. __ 


Das Buch des amerikanisch- 
jüdischen Historikers Arno J. 
Mayer über das Dritte Reich 
ist eine apologetische 
Geschichtsfälschung 

von Hans Rustad 

Die amerikanisch-jüdischen Historiker 
haben jetzt ihren Nolte. Arno J. Mayer 
istonker an der Princeton-Universität 
und selbst jüdischer Flüchtling nach der 
Nazi-Invasion in Luxemburg, stellt sich 
mitseinem Buch überden Holocaust,, Why 

pLk 6 H T enS n0t darke n", das bei 
Pantheon herauskam, an die Seite der 

deutschenGeschichts-Revisionisten.(Dcr 

westdeutsche Historiker Emst Nolte hat¬ 
te, zusammen mitseinen Kollegen Michael 
Sturmer und Andreas Hillgmber in de 
zweiten Hälfte der 80e, Jahre eine ReX 
sion der Geschichtsrollc des Dritten Rei 
h« tnngeKte, und cinc Rda ,.^' g 

rilArdrri!“Scnanmen „Histo- 

jcsS-« 

Amok lief, als^he Ilm"“ ^“ r ° PaS ' 

^icnDentsehiands^tl"",?™“" 

wismusdenheiligenKri J ,, B Sche ' 

Mayer wurden di e ^ gerklartcn - Laut 

Einsatzgruppen auf d e i' lPUnkt wären dic 

■osgegangen die russiSche n Juden 
Ostscite ^des Ura^hä» 1 ^'" 0 * 1 auf 
werden sollen. Hätte Hk , VCrfrachtc t 
g'uek gehabt, schreibt M also Krie gs- 
Paradoxerweise-einTl i^ yCr ’ hüUc ~ 

lebt. 50 einTeil der Juden über- 


„Überausbeutung“ 


Die Sein oder Nichtsein-Haltung e 
Deutschen bedeutete, so Mayer, ein 
hemmungslose Bekämpfung der P 

sanen und eine Zwangsrekrutierung vo 


Millionen Arbeitstüchtiger aus 


den be- 


setzten Ländern zum Einsatz in der de 
sehen Kriegswirtschaft. Die DeportaßO 
der Juden ostwärts aus ganz Europa, s^ 

ein Glied in dieser Mobilisierung g®w 

sen, m i t dem Unterschied, daß es sic 
die Juden um eine „Überausbeutun 

gehandelt habe. . n 

Selbst die SS sei in zwei Haltung 
gespalten gewesen. Der Heydrich- j* 
hätte gewollt, daß sich die Juden zu 

arbeiteten, der ökonomisch-admmis 

tive Teil unter Oswald Pohl hätte 
Arbeitskraft erhalten wollen. 

Weil man alle Juden deportiert n 

und die Nichtarbeitstüchtigen nicht a 

sortiert hätte, wären die Verlustzeit 
den Lagern so hoch geworden. Zu g 
seien die Selektionen eine « n 
Konsequenz“ aus diesem „Lapsus g 
sen. Das Vergasen sei eine lokale n . n 
tive gewesen. Dennoch, so Mayer, ^ 
die meisten an „natürlichen“ V/ Sa rC jen 

gestorben; anschließend beschrei te it 

Unterschied zwischen „natürlichem 

und Vergasen. Völker* 

Damit gelingt es Mayer, den ^ 
mord in dic allgemeine Geschieh® ^ 
Stellung zu integrieren: die Mass ^ 
Osten waren eine Reaktion und die 

tationen ein Teil der Zwangsarbeit- 

gewissen, speziellen BedingunS 611 * _ 

Ursachen sind erklärt, die Verantwo 

pulvrisicrt. s i C h 

Das christliche Europa kann 
dem Klagegesang Waldheims an _ - tt 
ßen: der Krieg war fürchterlich. E'U. ur g 
weiter und wir können uns alle m 
versammeln, c u rop a 

Dies kann für das vereinig 10 ^ „ 
eine politische Funktion bekom j n 

ähnlich der des Karmeliter-Klos ^ 

Auschwitz. .Alles verstehen * iel . j c jitß 
entschuldigen“, ob durch die Ges 
oder durch Gott 


Keine Quellenhinweise 


Daß dic revisionistischen Stimm®^^ 
mal aus dem amerikanisch*J u 

Universitätsmilieu erklingen,kann 

deuten, daß ideologische Str ^ ufl - 
dabei sind, etablierte Wahrheiten 
tergraben, mit Konsequenzen, ' al)S - 

über die Grenzen desFachniiÜcuS 
reichen. 









..Warum verdunkelte sich nicht der 
Himmel, hörten die Sterne nicht auf zu 
leuchten, warum versteckten sich nicht 
die Sonne und der Mond?“ schreibt der 
jüdische Verfasser Bar Simson, nachdem 
der Pöbel 1100 Juden an einem einzigen 
Tag im Mainz des Jahres 1096 getötet 
hatte. 

Mayer hat sich aus diesem Satz den 
Titel seines umfangreichen Buches ent¬ 
liehen. Trotz seines kontroversen Inhalts, 
seiner Menge von Zitaten und einer gro¬ 
ßen B ibliographie enthält das Buch keine 

Quellcnhinweisc. 

Interessant ist auch, daß Mayer, neben 
der Relativierung des Holocaust auch die 
Sowjetunion verteidigt. DicZwangsassi- 
milierung Ende der 20er Jahre wird ge¬ 
schönt. Der Molotov-Ribbcntrop-Pakt war 
aufgezwungen und vorausschauend zu¬ 
gleich. Sogar die Zwangsdcportation von 
4 00.000 Juden aus den okkupierten Ge¬ 
bieten nacli Sibirien wird dargcstellt, als 
habe sic Stalin aus den Klauen der Nazis 
retten wollen („ein verkleideter Segen“). 

„Mayer karikiert die Verhältnisse in 
Ost-Europa. Sie waren weit davon ent¬ 
fernt, so eindimensional, feudal und 
faschismusgeprägtzu sein, wie er behaup¬ 
tet . schrieb Istvan Dcak in The New York 
Review of Books (28.9.89). Aber eine 
solche Darstellung paßt dem Autor ins 
Modell. 

Progrome? 

Hazu passend, stellt Mayer die Behaup¬ 
tung auf, daß die ersten Massaker, die 
°ffcnkundig unmittelbar nach der deut¬ 
schen Invasion stattfanden, Progrome 
War cn, in Szene gesetzt von lokalen Ultra- 
aationalisicn und Faschisten. Dem entge¬ 
gen hat Paul Hilberg erzählt, daß die 
cutschcn versuchten Progrom-Stim- 
m ungcn aufzuputschen, daß sie aber nir¬ 
gendwo spontan ausbrachen. Die Men¬ 
schen verhielten sich passiv. Es gab lo- 
alc Milizen, die Massaker ausführten, 
a er diese waren organisiert und standen 
unter dem Kommando der Deutschen, 
arüber zu informieren, vergißt Mayer. 
a ycr rennt keine offenen Türen ein, 
8 an z im Gegenteil ignoriert er das gut 
okumenticrlc; z.B. daß dicEinsalzgrup- 
Pen detaillierte Monatsberichte verfa߬ 
ten, die in 100 Exemplaren zirkulierten. 

»Barbarossa“, ein Erfolg 
(über Mayers falsche 
Voraussetzung) 

P' c deutsche Offensive gegen die Sow¬ 
jetunion strandctenichlnach einem Monat. 


Ganz im Gegenteil: die Wehrmacht über¬ 
rannte beinahe das ganze Land. Daß der 
Versuch letztlich fehlschlug, lag an Hit¬ 
lers Unentschlossenheit. 

Diese Hypothese präsentiert Rüssel 
H.S. Siolfi in einem ungeheuer spannen¬ 
den Artikel in Journal of Modern History 
(März 1982). Das Anhalten der Armee 
vom 15.Mai bis zum 22.Juni, der frühe 
Winter und der Rückzug der Russen sind 
- wenn es hochkommt, sekundäre Ur¬ 
sachen für die Kriegswende. Der Fehler 
lag bei Hitler selbst. 

Während des Feldzugs gegen 
Frankreich verlor Hitler zwei Mal die 
Kontrolle und zögerte: während des Vor¬ 
rückens gegen den Kanal und gegen 
Dünkirchen. Auf Grund des Drucks, vor 
allem seitens des Generals Heinz Gude- 
rian, dauerte diese Pause nur 24 Stunden. 
Nach der Eroberung von Smolensk und 
Jelnja blieb die 2.Panzergruppe 39 Tage 
unwirksam. „Hitler zögerte in der Mitte 
des Juli 1941. Mit dem Sieg im Osten in 
behaglicher Reichweite, faßte er den 
bedeutungsvollsten Entschluß des gesam¬ 
ten zweiten Weltkriegs, indem er Teile der 
Heeresgruppe Mitte in der Ukraine ent¬ 
gleisen ließ. “ (Stolfi) Es war der Umweg 
östlich von Kiew, zusammen mitderPause 
bei Smolensk, die bewirkten, daß der 
Sturm auf Moskau nicht vordem 2.0kto- 
ber begann. Der erste Schnee fiel am 
7.0ktobcr. „Hätte Guderians 2.Panzer¬ 
gruppe von Jelnja aus ihren Weg direkt 
fortgesetzt, anstatt ihn - wie geschehen - 
verschlungen zurückzulegen, wäre sie in 
der gleichen Zeit bei gleichem Tempo 480 
km östlich von Moskau angekommen." 
Die Deutschen hätten am 28.August in 
Moskau stehen können, meint Stolfi. 

Hitler unterschätzte das Heer 

Die deutsche Kriegsmaschinerie wird in 
diesem Stadium des Krieges oft als un¬ 
überwindbar dargestellt. Materiell ist das 
auf keinen Fall richtig.Die Wehrmacht 
ging mit 3200 Kampfpanzem zum An¬ 
griff gegen 24.000 der Sowjetunion. Das, 
was den Ausschlag gab, war die überle¬ 
gene deutsche Strategie. 

Im Gegensatz zu konventionellen 
Auffassungen unter schätzte Hitler die 
Kapazität seines Heeres! Zahlen vom 
Oberkommando des deutschen Heeres 
zeigen, daß die Verluste zwischen dem 
22.Juni bis zum lö.Juli 102.588 Soldaten 
betrugen, bedeutend weniger, als für die 
entsprechende Periq^e bei den Kämpfen 
im Westen. Die sowjetischen Verluste 
lagen bis zum 26.November 1941 bei 


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Golf 

Inferno 

Weltkrieg für die 
»Wohltaten der Freiheit« 


Aus dem Inhalt ^ 

★ Chronik eines angekün- 1 

digten Krieges: 1 

Zur Geschichte des | 

Golf-Konfliktes | 

★ Zwischen den Fronten: I 

Kurdische und palästi- | 
nensische Befreiungs- | 
bewegungen | 

i * Husseins Diktatur: | 

| Fakten und Interviews mit | 
| linken Oppositionellen | 

| ★ Jonny rettet wieder: 

| Die USA und ihre 
| „neue Weltordnung" 

I ★ Germans to the Front: 

| BRD: Vom „Pappsoldaten" 

| zum Weltpolizisten 

| ★ Das verheimlichte 
I Inferno: 

1 Bomben gegen Zivilisten, 

| auf AKW’s und Chemie- 
t| fabriken 

| ★ Zur Diskussion: 

I Friedensbewegung: Kopf- 
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. 


Mayer betreibt auch in der Frage der 
Kriegsgefangenen Geschichtsfälschung, ü 
Er behauptet, daß der Feldzug in Gang n 
gesetzt wurde, ohne an die 5 Millionen I 
Juden auf russischer Erde einen Gcdan- r 
ken zu verschwenden und daß „Übermut t 
der Grund dafür war, daß man keinerlei 1 
Vorbereitungen zur Versorgung der 1 
Kriegsgefangenen getroffen hatte. ' 

In Wahrheit hält Hitler am 30.März 1 

1941 vor 200 höheren Offizieren seine 
berüchtigte Rede in der Reichskanzlei, in 1 
der er klar macht, daß der bevorstehende 
Feldzug ein „Vernichtungskrieg“ werde. 
Die Anführer müssen ihre Skrupel able- 
gen. In den folgenden Wochen werden die 
Leitlinien für die Kriegsführung ausgear¬ 
beitet: 

Am 13.Mai: „Rücksichtslose und 
energische Maßnahmen gegen die Bol¬ 
schewismusführer, Guerilla, Saboteure, 
Juden und die vollständige Elimination 
allen passiven Widerstands.“ Am 6.Juni 
folgt der bekannte Kommissarbcfehl. 

Wir sind Zeugen eines merkwürdigen 

Phänomens. Intelligenz und Kenntnisse 
sind keine Garantie dafür, daß elemen¬ 
tare Tatsachen nicht ignoriert werden. 
Die 25 Seiten lange Bibliographie rele¬ 
vanter Werke hat Mayers zwanghafte 
„Folgerichtigkeit“ nicht behindert. Nur 
am Stil der entsprechenden Passagen läßt 
sich ihreNacktheit erkennen, Mayer wirkt 
schwerfällig, drückt sich gewunden aus 
und zeitweise schwülstig. 

Zwei Zahlen: Von insgesamt 5,7 
Mill ionen sowjetischer Kriegsgefangenen 
starben 3,3 Millionen in deutscher Ge¬ 
fangenschaft. (Zum Vergleich: Von 3,2 
Millionen deutschen Kriegsgefangenen in 
sowjetischen Lagern starben 1,2 Millio¬ 
nen). 

Die Einsatzgruppen, 3000 sorgfältig 
ausgesuchte und im März in Trawniki 
trainierte Männer, töteten - nur mit 
einem mündlichen Befehl versehen - im 
Verlauf von 5 Monaten 500.000 Juden. 
Mayer nennt die Zahl, aber nicht den 
Zeitraum. 


Gespenst bcschwörte, das er als Ent¬ 
schuldigung für seine eigenen Übergriffe 
brauchte und benutzte, ebensowenig er¬ 
kennt er, daß Stalin diesselbe Technik 
benutzt. 

Darum kann er auch nicht den quali¬ 
tativen Sprung begreifen, der das Unter¬ 
nehmen „Barbarossa“ vom bisherigen 
Krieg unterscheidet. Jetzt wird dieSprach- 
rcgclung und die psychologische Technik 
eingeführt, die es den Offizieren erlaubt, 
mit der SS zusammenzuarbeiten; der ideo¬ 
logische Kampf ist der eigentliche Grund 
und der Parlisanenkampf sein unmittel¬ 
barer Vorwand. 

Hitler griff gierig die Tatsache auf, 
daß die Sowjetunion die Genfer Konven¬ 
tion von 1929 über die Behandlung von 
Kriegsgefangenen nicht unterzeichnet 
hatte, sowie Stalins Aufforderung zum 
Partisanenkrieg. Es liegt in derselben 
Linie, wie er bei Kriegsbeginn mit dem 
Eutanasicprojckt begann. Nach seinen 
eigenen Worten: „Der Krieg .erlaubt uns 
Dinge zu tun, die in Friedenszeiten nicht 
möglich sind.“ 

Mayer bagatellisiert auch Görings 
B rief an Hcydrich vom 31 .Juli 1942, worin 
dieser den Sichcrhcitschef bittet, milden 
Vorbereitungen zurEndlösung der Juden- 
fragc anzufangen. Die Wannsee-Konfe- 
renz gilt bei ihm der Deportation der 
Zwangsarbeiter, wenn auch unter Verhält¬ 
nissen, die er als „Überausbeutung“ bc- 
; schreibt. Es ist bezeichnend, daß Mayer 
r kaum auf die Deportation von 450.000 
l Einwohnern aus dem größten Ghetto 
t Europas, Warschau, cingcht. 



Mit seiner „fcllow lravellcr“-Einstcllung 
geht Mayer in die Falle der Gegner: Er 
glaubt an Hitlers Bgschwörung des Bol¬ 
schewismus Mitte der 30er Jahre. Er ist 
nicht imstande zu sehen, daß Hitler ein 


Selektion - ein „Nebenprodukt 


Mayers Ansatz enthüllt seinen ernsten 

revisionistischen Charakter vollends dort, 

wo er auf die Selektion auf der Rampe zu 
sprechen kommt. Die Passage verdeut¬ 
licht die Methode und verdient in diesem 
entscheidenden Punkt zitiert zu werden. 

„Durch den Zwang, diejenigen jü 1 

sehen Männer und Frauen, die zur 
Zwangsarbeit ausgeschrieben waren, z 
begleiten, verurteilten die Nazis ( zü 
Zwangsarbeit) ungeeignete Juden z.u et^ 
nem raschen, natürlichen Tod . Kunz g ^ 
sagt implizierte der Entschl uß* . e j* ern 
unabhängig von Alter und physise * 
Zustand nach Auschwitz und an e f ' 
Lagern zu schicken - den fast sic er 
und augenblicklichen Tod . Die Se e 
unmittelbar nach der Ankunft war 
logische Konsequenz und die Bewer 

ligung der vorausbestimmten 

rmg '” • ,a**en. 

„Dies ist n icht dasselbe, wie 


34 





y * m ^ere,n sezier, 

J “*? Zigeuner nach Auschwitz, ®‘ endes finden. Sie erfassen ganz 

s Peziell Birkenau, geschickt wurden, um . . f ekr das Bedenkliche und 

^rgast zu „erden In Auschwitz - und' einfach n cht^^ komplizier . 

"«*- „mWcfeto. »fc* ^ W ' r<l ^f„ .Swfm. Revisionistische 

u nd die Praxis des Vergasens nur Schrill l ® n ‘ « gepr ägt von Rationalität, 

für Schritt. Aber für die Juden war Au- sehr viel überzeugender, als das 

schwitzein unbedingtes Inferno, auch ohne Tri ^ r „ rünc jli C he, das nur wie ein .Mühl- 

Gaskammcrn. Wirklich so, daß sich sa- Unergru 

Sen läßt, daß der Erstickungstod einen stei " a dJe Akademisierung des Holo- 
G radunterschied in den Leiden der Lager- anderer Themen auch - ein 

Juden bedeutet hat, nicht einen Wesens- caus Niveau erreicht hat, daß 

•""mckied." S0 'n ,f„ufn«h für die Eingeweihten 

Istcsdicsephantastische Abstraktion, er . j st j n s i c h selbst ein 

d >edcn Hintergrund für Mayers Herum- vers j er Kommunikation mit 

^ten abgibt, wenn cs um die Zahl der A sc L. Mikum Noch ernster ist das Sig- 
Vc rgastcn Juden geht? Er kennt die Zahl dem Pu einmal mehr intellektuell 
nicht, er weiß auch nichts über den Pro- nal, o en die unterliegende 

f ntsatz von Juden und Nicht-Juden geschult hintef > dem Kampf um die 
(g°yim). Es seien mehr goyim im Lager er 'f , „ r assen . Oder tun sie das? 
gewesen als Juden, „wenn man von denen Geschichte eria^ 

ubsieht, die vergast wurden." 

Technisch legier sich fest: die Krema- 

torien von Birkenau hätten vom Sommer derselben radikalen 

>W3 an eine Jal.rcskapa.iUK von Wenn w,r.Qhig- 
*•712.160 gehabt. K0 " S ?rfZ5 Nietzsche sagen, 

Laut Mayer kamen 90% der Fran- " ISS 1 19 Jahrhundert und mit Mal- 

^osen, die zur Zwangsarbeit nach Deut- daß Mensch im 20 .Jahrhundert 

schland gezwungen worden waren, nach raux, a erlaubt sein, in die 

Weg zuA Die gleichen Zahlen ah», " “ “1 zu gehen und 

HcnnterfürdieKriegsgefangenen.Zusam- Tiefe und Stalin die 

m< * 2,3 Millionen. f [ a ? en ’'? Änti-Christs der Tradition 

feiMM ü^ntorntnenhaben. WitsihdnichtbCTeit 


In seinem Buch „Modernity and the 
Holocaust" faßt Zygmunt Baumann die 
Situation zusammen: „In einem System, 
in dem die Rationalität und Ethik in ent¬ 
gegengesetzte Richtungen weisen, ist die 
Menschlichkeit der große Verlierer." 

Hans Ruslad hat Geschichte studiert und 
arbeitet als Journalist in der außenpolitischen 

Abteilung des norwegischenTelegrammbüros. 

1990 gründete er den Verlag „Document". 
Übersetzt aus dem Dänischen, Information, 
23.2.1990 

von Jürgen Vk ierzoch 


Ethik und Rationalität 


Wenn wir uns mit derselben radikalen 
Konsequenz bewegen - wie die Ereig- 

S7s tun-und mit Nietzsche sagen, 

, o nott im 19 .Jahrhundert und mit Mal- 
* * daß der Mensch int »Jahrhundert 

^ dann muß e_serUub. se,n ,n^ 


■ 


„Historisierung“ 


ilu Handeln rational einzuordnen, weil 

beide über die RatiOTalithlhinausging^,, 


Noltc leitete seine Abrechnung mit der bc .. repräsentierten und zer- 

Geschichtsdarstellung der Vorzeit mit sie g diese Zwangssituation... 

der Forderung der Historisierung ein. Die störten. ^ p e o en satzpaare „böse und gut“, 

in der bestimmte Problemstellungen die unser Reaktion“ zusammenfal- 

mu einem Tabu belegt waren, sei vorbei. °^ r * ^ ^ Dauer unhaltbarer 

Fr behauptete, die Erfahrungen der Nach- |en a * tU he Ratio sucht einen 

^iegszeitmüssen uns erlaubenden Krieg Zustand. Die wcsi 


'■b^uLiuusSCHUIlSCnaUUUl,ULni'*«-D 

ln einem neuen Licht zu bewerten. 

Seit der Abkopplung der Metaphysik 
bat der Historismus in der westlichen 
Kultur die Religion ersetzt und die Kulti¬ 
vierung der Geschichte ist jetzt alles, was 
w * r besitzen. Das ist ein zweischneidiges 
Phänomen. Auf der einen Seite ist diese 
Faltung intim mit Rationalität und Zu- 
unftsglauben verbunden, auf der ande- 
rcn Seite auch der Ausgangspunkt für 
c *nc cxistcnziaüstische Haltung. 

Über das Dritte Reich hat uns der 
Fistorismus der 70er und 80er Jahre die 
Alliagsgcschichte, Sozialhistorie, Auf- 
hiärung über Mentalitäten und Struktur¬ 
losen gebracht. Die Historiker ma- 
c hcn die Epoche erklärbar, indem sie diese 
^ on mnen herzu verstehen suchen. Aber 
c dcutct dies Meinungsbildung? 

Fs ist eine Tatsache, die man konsta- 


Der schwarze Faden schlägt vor: 






den Scheiß... 


AUS ^ne „Historisierung“ istein willkom¬ 
mener Notausgang, der sich auf freie 
Forschung und auf Fortschritt berufen 

IZ Darum kommunizieren die Re visio¬ 
nisten doppelt, indem sie einen tieferl.e- 
eenden Bedarf ansprechen: die Befreiung 
Ln einer existentiellen Angst, mit der es 
sich auf Dauer nicht leben läßt, der Angst, 
daß unser Dasein auf Rationalität gegrün¬ 
det nach der Zerstörung derselben statt- 
nndet Habermas hat verstanden, daß die 
Freihcitnur möglich ist, wenn sie an die¬ 
sem Nullpunkt ihren Ausgangspunkt 

"^Abcrdicdritte industrielle Revolution 

hat die Rationalität zur Voraussetzung 
und Europa braucht diese Versöhnung 
mit sich selbst, um wieder eine Super¬ 
macht zu werden. 


Anarchie ist machbar, und nicht nur für 
Frau Nachbar... Es begann imfebruar 
1968: Reyolte- Rebellion War angesagt. 
DieAPGagierte -und dieKommunarden 
der "Linkeck"-Kommune reagierten: 


aeT' JUMIISkCVIV. -IWUIUIMMV : 

LINKECK, die erste Underground-Zei¬ 
tung schlug zu: Attacken gegen die drei 
P’s: Polizei, Partei, Proletkult, gegen 
Notstandsgesetze und Vorbeugehaft; auch 
der SDS blieb nicht verschont. - Jede 
LINKECK-Nummer: beschlagnahmt!!! 
Aber dennoch wurde die Leserschaft mit 
Hilfe subversiver Verkaufsmethoden 
bedient.- lö Ausgaben konnten im Vier¬ 
farbendruck:erscheinen. 

1991 würde LINKECK rufen: hurra, ein 
Deutschland weniger! 

Der SF bietet den LINKECK-Reprint 
(limitierte, handnummerierte Auflage im 
Originalformat DIN A 3, mehrfarbig), an. 
Wer LINKECK, die antiautoritäre Zei¬ 
tung haben will, die nicht nur die herr¬ 
schenden Verhältnisse zum Tanzen brin¬ 
gen wollte, sondern die aus der Reihe 
tanzte, erhält gegen einen Verrechnungs¬ 
scheck von 60.-DM (an die SF-Redak- 
tiön, PF 1159,7043 Grafenau-1), direkt j 
vom Karin Kramer Verlag, Berlin LINK¬ 
ECK frei Haus._ 


35 







: 


tM 




tifll 


mmwämmmm 

von Autonome L.U.P.U.S.- 
Gruppe, Rhein/Main 

• 


__ 


wir nicht hinwegtäuschen. Es gibt kaum 
e.ine politische Strömung, die die einge¬ 
stürzte DDR-Mauer mit soviel Zynismus 
und Ablehnung gegenüber den „Zonies“ 
innerlich wieder aufrichtet, wie unsere 
autonome Szene. 

Eine andere, selbstgestellte Vorgabe 
können wir mehr denn je einhalten. Wir 
verstanden unsere Texte nie als eine Art 
politische Rückversicherung des „Ange- 
sagten“, des Unbestrittenen. Der Reiz des 
Schreibens bestand immerauch darin, am 
Anstößigen, am Umstrittenen unsere Er¬ 
fahrungen zu messen. Ohne viel zu tun, 
knüpfen wir daran an. 

Es gibt kaum ein Terrain, das so unbe- 
nihrt von militanten Annäherungen ist, 


—Mit dem Zusammenbruch der DDR ist 
eine weitere deutsche Kriegsschuld ver¬ 
meintlich getilgt. Mit der (Selbst-) Auflö¬ 
sung des SED-Regimes haben die west- j 
deutschen Protagonisten des „Kalten 
Krieges“ nicht nur eine nachträgliche 
Rechtfertigung bekommen - der Systefli- 
kampf zweier vermeintlich so verschie- 
denerGesellschaftsordnungen ist eindeu¬ 
tig zugunsten des Originals (BRD) zu¬ 
lasten einer Fälschung (DDR) entschie¬ 
den worden. 

— Mit dem Zusammenbruch des Ost¬ 
blocks istnichtnurdasherrschendeBiock-^ 

denken zusammengebrochen, sondern 
auch die herrschende Militärdoktrin vom 
Frieden durch gegenseitige Ab- 


Kriegsbedingter Vorspann: Eigentlich hatten 
wir den guten Vorsatz, die Diskuss ionen unter 
uns und über uns hinaus in den Rohentwurf 
miteinzubeziehen bzw. zu verarbeiten. Der 
Golfkrieg kam dazwischen... wider des an 
sich richtigen Bewußtseins, daß wir unsere 
Auseinandersetzungen und Perspektivdiskus¬ 
sionen „eigentlich“ nicht aussetzen dürften. 
Zum Artikel selbst: Konzeptionell waren 3 
Teile gedacht, die sich aufeinander beziehen 
sollten: Teil 2 sollte sich nochmal genauer mit 
Nationalismus auseinandersetzen, Teil 3 sich 
mit letzter Kraft auf Rassismus stürzen. Nun 
ist uns erstmal die Luft auf der Straße ausge¬ 
gangen. (21.1.91) (Nachdem der Golfkrieg 
nun „ beendet " ist, gehen wir davon aus, daß 
die weiteren Teile nachfolgen; SF-Red.) 


Was wäre ein Text aus unseren 
Zusammenhängen ohne Einschrän¬ 
kungen. Vorneweg also 2 Einschrän¬ 
kungen und zum Ausgleich eine „Über¬ 
treibung“. Bisher verstand sich das „wir“ 
in den Texten immer auch als geschicht¬ 
liches „wir“; ein Parabolspiegel für be¬ 
stimmte Diskussionen, für einen Teil 
autonomer Geschichte. Er ist geradezu 
verkehrt entstanden - nicht als Reflexion 
geführter Diskussionen und formulierter 
Positionen, sondern aus dem erdrückend 
gewordenen Stillschweigen zu diesem 

Thema. DiezweiteEinschränkungbetrifft 

den Geltungsbereich des Gesagten. So 
lntemaüonalistisch wir uns auch geben, 
so sehr stoßen unsere Überlegungen und 
Einschätzungen an die Mauer, an die 
Grenzen zur Ex-DDR. Soentschieden wir 
auch andernorts gegen Mauern anrennen 
die Grenze zur DDR war über Jahrzehnte 

Demarkationslinieoderbesser gesagt End¬ 
punkt militanter Neugierde und Erfah¬ 
rungen. Über diese Unwissenheit wollen 


™ le ” de ““ eF «£e". B eha,rlic 
verblüffend vereint hat die Link, 
Jahren ihre eigene, deutsche Ide 

extemtonaHsiert. AußerLandesgeb 

die r S mCh Ü! ,dicTupasin Urui 

die Befreiungsbewegungen in El s 
dor und N.caragua waren uns immerr 

fast20jT ne ^ CUtSCheGcschichte 

ahren betrachten wir die den 
Geschichte mehr vom polhith a 
stehenden, als vom Standpunkt desl 
gehörenden. Nur wer ul QeSl 
erkennt uns trotz aller Formender 

liening als Deutsche. d 


Die Mauer ist g ( 
wir mauern w, 

Mit dem Jahr ’89 bracht 
Ökonomische und ideoloe 

naten zusammen, an denen 

herrschende Politik, sonde 
Widerstand orientierte: 

36 


schreckung. Die • Grenzen der NA 
beginnen sich sichtbar zu verändern. 

— Mit der Metamorphose der Ud 
vom .Reich des Bösen“ zum Hi,fssh f ist 

des ideellen Gesamtpolizisten USA .i 
die imperiale Aufteilung der Welt ‘ n ^. u , 
Hemisphären aufgekündigt - eine 
Verteilung, unter aktiver Beteilig 1 “» 
Westeuropas, hat gerade erst begönne 

— Ist Mittel- und Südamerika für 

USA ihr „Hinterhofso droht jj 
der Neuordnung der einstige Ost 
zum „Hinterhof Westeuropas zuwer . 

—Haben bisherumdieMachtkämp e s . 

oder zur Macht gekommene Befr® 10 ^ 
bewegungen von den hegemonialen . 
ressenkollissionen - materiell und P 
tisch - profitiert (z.B. Kuba, An ®’• 
Nicaragua), so werden sich auf una 
bare Zeit diese Spiel- und Han u 


räume nicht mehr ergeben. ^ 

— Mit der freiwilligen Hinga «, 
KPdSU zum,.Erzfeind der Mensc ^ 
ist die „freie Welf dabei, ein eins , 








überwindbar erscheinendes Hindernis auf 
dem Weg zu einer imperialen Weltord- 
nun g, zu beseitigen. Bush hat anläßlich 
des Wüstenfeldzugs vor der UNO ganz 
und gar nicht halluziniert, als er — ohne 
Veto - von einer neuen „Ära einer Welt¬ 
friedensordnung“ sprach. 

Damit sind nur wenige Veränderungen 
und Auswirkungen angedeutet. 

Und was machen wir, die Linke? 


Die GRÜNEN täuschten wieder einmal 
kurz links an - in dem sie anfangs noch an 

der deutsch-deutschen Grenze halt mach- 

len CZweistaaüichkeits-Pro-These“), um 
dann - „mit“befreit von den deutschen 




riegsfolgen und selbstbefreit vom 
C chts-Links-Denken rechts vorbei(- 
S e dacht) bis zum Golf durchzubrechen, 
Rah mcn einer grünen NATO-Weltfrie- 
Cnstru ppe (vgl. z.B. Äußerungen des 
gewaltfreien, grünen Militärstrategen Udo 
^ na Pp). 

^ Cr ’^udikalen Linken“ und 

n ere Heimat- und vor allem parteilos 

gewordene Linke heilen ihre Wunden aus 

S r ünen Zeiten mit der miesesten Version 

Spl amcnta rischer Opposition: Wozu die 

b D !00 Jahre, die GRÜNEN 10 Jahre 

.juchten, das schafftdiePDS bereits mit 

v r( | r ”Umgründung“. Eine Schrotladung 

y Cr sc hcindemokratischer, scheinoppo- 

0n cllcrund schcinsozialisliscttcr Phra¬ 
sen. 

de v* C ' C Antifa-Gruppen und ein Teil 
Cs KB-Spckirums verlegen sich auf eine 
j ? Uau ^ a 8cdcrFaschismuslhesen der 70er 
•p rc ’ beschwören die „ungebrochene 
d k ^'° n ^ cs deutschen Faschismus“, das 
/° ende „4.Reich“ und rufen zum Kampf 

8 c n das „wicdcrcrwachie Deutschland 
dlU, 


Die Genossinnen aus dem anarchi¬ 
stischen Spektrum propagieren angesichts 
der ersten gesamtdeutschen Wahlen am 
2 . 12.90 den,aktiven Wahlboykott“-eine 
Waffe, die stumpf bleibt, wenn sie nicht 
Ausdruck, sondern Ersatz für politische 
Interventionen und soziale Kämpfe ist. 
Die „swing“, autonomesRhein/Main-Info 

vom Februar 90 unterlegte das Titelbild 
einer von SS-Soldaten abgeführten jüdi¬ 
schen Familie m it den B alkensätzen: „Kein 
4.Reich - Tod dem Faschismus - gegen 
Wiedervereinigung“. 

Die RAF schrieb noch Mitte der 80er 
Jahre vom „Imperialistischen Projekt des- 
globalen Faschismus“ und es bleibt ab¬ 
zuwarten, ob dieses Großdeutschland ein 
Grund mehr ist, daran festzuhalten. 
Zumindest in der RAF-Erklärung zum 
Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn 
am 13.2.91 wird die These vom 4.Reich 
wiederholt: „Das 4JReich braucht... (für 
seine neue Weltmachtrolle, Anm. d.V.) 
die losgelassene Militärmaschine genau¬ 
so dringend, wie schon die Nazis sie 
gebraucht haben. Die Interessen des 
deutschen Kapitals sollen nach 45 Jahren 
endlich wieder mit der ganzen Brutalität 
der Kriegsmaschinerie durchgesetz t wer¬ 
den können." (TAZ-Dokumentation, 
15.2.91) 

Und wie reagieren wir als 
Autonome? 


Erst mal so als ob uns das ganze nichts 
anginge. Hartnäckig und geradezu bockig 
hielten wir über Monate durch. Erst in den 
letzten Monaten, als eh alles zu spät war, 

kannman mit vielMühe-ohne Anspruch 

auf Vollständigkeit - zwei Positionen in 
groben Zügen ausmachen. 

Die erste ist augenscheinlich recht 
analytisch. Seit Jahren scheren wir uns 
nicht um Grenzverläufe und Nationen- 
hickhack. Unser Selbstverständnis und 
Handeln bestimmt sich nicht enüang na¬ 
tionaler Grenzen, sondern an unserem 
militanten Internationalismus („dieGren- 
zen verlaufen nicht zwischen Nationen, 
sondern zwischen oben und unten“). Wenn 
die Mauer zusammenbricht, die Ostblock¬ 
grenzen sich auflösen, die Weltkarte neu 
geschrieben wird, dann mag das ein Prob¬ 
lem der Herrschenden sein. Unsere Be¬ 
zugspunkte sind die Aufstände, die 
Riots... weltweit... und damit basta. Die 
herrschende Realität wird das verdammt 
nochmal zur Kenntnis nehmen und sich 
nach uns richten. _ 

Ist diese erste Antwort Kosmopolit^ 
und Kopf pur, ist die zweite Antwort 
dafür umso mehr Bauch: „Halts Maul, 
Deutschland. Es reicht“ (Aufruf zu den 

' 37 


Aktionstagen für den Wiederzusammen¬ 
bruch vom 30.9.-3.10.90 in Berlin) 

Wenn es uns schon nicht mehr gelingt 
die Ohren zuzuhalten, dann sollen die 
wenigstens ihr Maul halten - als hätten 
wir was zu sagen. „Halts Maul Deutsch¬ 
land. Es reicht.“ In Berlin reichte es für 
eine Demo mit ca. 15.000 Menschen, in 
Frankfurt für eine Spontandemo von ca. 
50-100 Menschen. Das reicht vorne bis 
hinten nicht. 

Es hat sich wohl weitgehend herumge¬ 
sprochen. Die Linke im allgemeinen und 
die Autonomen im besonderen stecken in 
einer Krise. Die Ereignisse 89/90, der 
Mauerdurchbruch, die politische Aus¬ 
schaltung der Trägerinnen der DDR- 
Opposition, der als Staatsvertrag getarnte 
Kaufvertrag über die Ex-DDR usw. sind 
nicht der eigentliche Grund für unsere 
Krise. In ihnen drückt sich vielmehr in 
aller Konsequenz unsere radikale Abwe¬ 
senheit aus. Wir waren zu keiner Zeit ein 
zu beachtender Stolperstein auf dem Weg 
zur „Wiedervereinigung“. Es ist nicht die 
Niederlage, die uns so ohnmächtig macht, 
sondern die Bedeutungslosigkeit, die uns 
mit den deutsch-deutschen Ereignissen 
vor Augen geführt wurde. Gab es in den 
letzten 20 Jahren zu allen Fragen von 
oben einen Widerstand von unten, der 
öffentlich beachtet, reformistisch aufge¬ 
griffen und repressiv verfolgt werden 
mußte, so waren die wen igen Proteste und 
Widerstände 89/90 kaum noch eine Rand¬ 
notiz wert. 

Damit sind die Relationen und Ge- 
wich ts-Verhältnisse offensichtlich gewor¬ 
den, die in den Kämpfen an Bauzäunen, 
Mauern und Projekten allzuoft untergin¬ 
gen. Am Augenscheinlichsten sind mit 
den Ereignissen 89/90 jahrzehntelang, 
weitgehend unumstrittene Welt-Bilder 
und -Ordnungen zusammengebrochen. 
Was fürdie Reformierten (vonGRÜNEN 

bis hin zu den komunislischen Ex-Partei- 
Soldaten) als letzter Akt der Befreiung 
gefeiert wird und in selbstläutemdcn 
Gelöbnissen zum „geeinten“ Deutschland 

seinen Höhepunkt fand, istfür viele Linke 

ein Grund mehr, an diesen Welt- und 
Ordnungsbildem festzuhalten. Aus Angst 
tatsächliche Risse, Brüche und Verände¬ 
rungen könnten alles in Frage stellen, 
werden allzuoft mit ideologischer Füll¬ 
masse begründete Unsicherheiten und 
Zweifel glattgestrichen. Was für die re¬ 
formierte Linke in ideologisch-enthemm¬ 
te Machtpolilik mündet, endet-vorläufig 
- unter uns in Sprachlosigkeit oder unsäg¬ 
lichen Flugblättern. 

In der Ritualisierung von Antworten, 
gerade wenn es um Fragen nach dem 
deutschen Faschismus, Nationalismus und 


Rassismus geht, sehen wir einen Grund 
für unsere Unfähigkeit, auf die Ereignisse 
der letzten Jahre zu reagieren. 

Wenn wir auf dieses Deutschland mehr 
Antworten suchcnalsGcgen-Rituale,dann 

müssen wir doch einschränkend hinzu¬ 
fügen, daß wir der „Macht der Erkennt¬ 
nis“ nur eine ganz bescheidene Wirkung 
zusprechen. Das „richtige“ Bewußtsein 



oder die politische 
Sei bstentwaffnun g 
militanten Antifaschismus 


Es gibt selten ein Thema, wo es uns so¬ 
wenig auf Unterscheidungen, Differen¬ 
zierungen und vorsichtigen Annäherungen 
ankommt, wie beim Thema „Deutscher 
Faschismus“. Je praller wir - verbal - 
Zuschlägen, desto antifaschistischer. 
Wobei die von uns, die Zweifel äußern, 

Differenzierungen fordern,immermitdem 

Verdacht zu kämpfen haben.es nicht rich¬ 
tig ernst zu meinen, der wachsenden Fa¬ 
schismus-Gefahr nicht ins Auge zu sehen. 

Es gibt kaum ein Thema, das so be¬ 
stimmend Männersache ist, wie in anti- 
faschistischenZusammenhängcn. Das hat 
weniger etwas mit Gcwalt-gegen-Gewalt 
zu tun, vielmehr mit Um- und Herange¬ 
hensweisen, die Gemeinsamkeiten mehr 
gegenüber dem Feind aufrichten, als an 
eigenen, anderen Lcbensvorstellungen. 

Es gibt kaum ein Thema, das so voller 
Gegen-Rituale.inhaltlicherUmkehrungen 
und standardisierter Antworten ist wie 
der Anti-Faschismus der letzten 10-15 
Jahre (.Ausländer raus - Nazis raus“; 
Rolfront verrecke“ - „Schlagt die Fa¬ 
schisten, wo ihr sie trefft“; Nazi-Emble¬ 
me - Antifa-Embleme...) 

Wenn es um Faschismus geht, schrum¬ 
pfen die Unterschiedlichkeiten zwischen 
KB, Antifa, K-Gruppen, Antiimperialist- 
Innen und Autonomen auf’s Unschein¬ 
bare. Offensichtlich sind wir uns mehr 
oder weniger einig: Im Kampf gegen die 
„ungebrochene Tradition des deutschen 
Faschismus“, gegen den wachsenden 


Nationalismus, gegen verschärfte Aus- 
landorlnncnfoindlichkcit und gegen die 

zunehmenden Rassismen. DieSummead 

dieser Kontinunätcn mündet im gemein 

Samen Aufruf, ein-drohendes- 4 Reidh“ 

ZU verhindern. cn 

Es sind dies - ohne dies hier weiter 

unter Berücksichtigung 

AHes, was wir schon immer gesagt wovor 

mus^t^^aschis- 

dann aus zwei Gründen: ÜSICren ’ 

und unser Handeln Bhck 

Gegenläufigkeiten undVeränden SPrÜChe ’ 

schärfen, ebnen wir sie e .?! d ™S enzu 
sie damit unangreifbar Wie'we ?^ 

Ärir 

wird. ^schichte gemacht 

lahm D h^iT„ US '' n,eS “ d “ 7 °u> 
Hinte, J dSkS^Uichen 
vergleichen ist oTet tS“ ‘ mehr 2 ” 
zuschreiben, heißt zudlm ? f ° rt ' 

^ÄrnndTÄ^uKümpfe 

Jahre warenanfeSS c ^^ der7 ^ r 

fa30erJ*eu„Sw“ h,sv '>''<'ene„ 

Staat, der jede OpposSü’ 8 , 6 “”" 

sehe Trauma“ zu?Sprache 1? daS ” deut ‘ 

Schweigen brachte^(Kom^ en ^ ^ 

50er Jahre, Anü-Wiedefbewaffim 1 * 1312 dcr 

Anti-Atomtod-Bewegung) e S? 8S ' Und 

die gesellschaftlichen 7fl Staa1, dcr 

deraufbau undWu^fT” mit ' Wie ' 
bcschäftigen un^, 1 ^rsorgeiV‘ U undO V0 ^' 
sition an den Rand der r n PP °' 
drücken konnte. Damals mSf 
von der ungebrochenen v ß - C ZUrcchl 
deutschen Faschismus ausee^" 111101 dCS 
den, mit der daraus abgeleiteten Gef T 
emer schleichenden bis offenen £ l 
sierung. Doch im Gegensatz zu / Ta'' 

und 50er Jahren fand die OpposiC“ 


den 70er Jahren fast in jedem Winkel der 
Gesellschaft ihre Übersetzung-ob in der 
Auseinandersetzung mit den eigenen E - 
tem, im Betrieb oder in der Lehre, an der 
Uni und in den Schulen, in selbstverwa - 
teten Jugendzentren oder in vielen Käm 
pfen auf der Straße. Die 68er/70er Bewe¬ 


gungen erzwangen die Auseinander 
Setzung mit der deutschen Vergangen¬ 
heit, die Konfrontation mit anderen 
bensvorstellungen und -Utopien, jenseits 
des deutschen Untertanengeistes. Es sin 
diese Veränderungen - auf die wir später 
genauer eingehen werden - die 
Gesellschaft und diesen Staat weseflüif 


mitprägten. j 

Diese Veränderungen müßten alle in ^ 
dadurch augenscheinlich werden, 
wir in der Ex-DDR die „stillgeleg* en 
rassistischen und nationalistischenPoten 
tiale erleben, die sich nach 40-jähriger 
sozialistischer Inverwahmahme nun ih¬ 
ren Weg in die „Freiheit“ schlagen. Damit 
ist noch lange nicht gesagt, daß ein 
beiteter“ Faschismus gegenüber einem 
geleugneten Faschismus „besser oder 
weniger bedrohlich ist. Gesagt ist dann 

vielmehr, daß wir diese Unterschiedlich¬ 
keiten überhaupt erst erkennen müssen, 
um ihre spezifischen (Aus-)Wirkungen 

angreifen zu können. (Daß die letzte,, & 

wieder Deutschland" -Demo am 3.1 E 9U 
nicht - wie anfangs geplant - in Leipzig» 
sondern in Berlin-West stattfand, ist eine 
- zum indest pragmatische—Anerkennung 
unterschiedlicherBedingungen). 



Wie wenig dieFaschismus-These vom 

„4.Reich“ - als Summe aller Kontinui 
täten - die Veränderungen und Entwic 
lungen der letzten Jahre erklären kann» 
läßt sich mit ein paar „querliegenden 

Beispielen andeuten: 


Die Ideologie „Frau zurück an e 

Herd" kann nicht die Nutzbarmachun 

„weiblicher Qualitäten“ in allen g ese . 
schaftlichen Bereichen - von der Frau in 
Polizeiuniform, über die Managerin z ur 
Frauenbeauftragten und erfolgter Quotic 
rungen - erklären. 

Die Ideologie der „Rassenreinheit 
erklärt nicht die kosmopolitische Stuy 
vesant-Kampagneunterdem Motto „comc 
together“, das rot-grüne Konzept einer 
multikulturellen Gesellschaft. 


Der überkochende, fahnentrunkene 

Nationalismus gibt keine Antwort auf die 
nüchterne DM-Mentalität vieler Deut¬ 
scher. 








Die Ideologie von der „ Volksgemein¬ 
schaft ", von dem einen Volk erklärt nicht 
die Yuppisierung und Streuung (Diversi¬ 
fikation) herrschaftsförmiger „Lebens¬ 
stil^. 

Die soldatische, asketische Haltung 
^ es Faschismus erklärt nicht das hedoni¬ 
stische, auf (Lust-)Befriedigung ausge¬ 
richtete Lebensgefühl breiter Mittel¬ 
schichten, die unüberhörbare, einflu߬ 
reiche Propagierung dieses Kir-Röyal- 
Bewußtseins durch seine real-politische 
Avantgarde (dabei spielen - nicht ohne 
Ironie - gerade die Ex-Soldaten kommu¬ 
nistischer Kaderschmieden vom RK über 
KBW zu Teilen des KB eine führende 
Rolle). 


Wenn wir im Folgenden die 
Veränderungen innerhalb des kapitali¬ 
stischen Systems nach 1948 zu beschrei¬ 
ben versuchen, dann auf dem Hintergrund 
unserer Einschätzung, daß diese 
Veränderungen und eben nicht die Kon¬ 
tinuitäten des deutschen Faschismus be¬ 
stimmend für die Stabilität dieses Nach¬ 
kriegsdeutschlands sind. 

Diese Einschätzung schließt die These 
mit ein, daß sich unsere Schwierigkeiten, 
militanten Widerstand zu verbreitern, 
weniger aus den Kontinuitäten, als aus 
den erfolgten Veränderungen erklären 
lasen. Kommen wir zu den Veränderun¬ 
gen, die wir weitaus schwerer fassen und 
^greifen können als die ideologischen, 
personellen und ökonomischen Kontinui¬ 
täten: 


— Heute werden Gewerkschaften 
nicht zerschlagen, sondern durch sie hin¬ 
durch regiert. 

Heute werden soziale und politi¬ 
sche Widersprüche nicht geleugnet, son¬ 
dern für di c Dynamik dieses Systems 
nutzbar gemacht (Bürgeranhörung als 
Fr ühwamsystem., soziale Protestformen 
uls kapitalistischer Innovationsschub...) 
»Oppositionelle Artikulationsmöglichkei- 
lc n sollen also keineswegs eliminiert, 
vielmehr ihre Ungebundenheit und Un- 
v °rhersehbarkeit blockiert werden, um 
sie in genau bestimmte, rechtlich festge- 
c gle, im optimalen Fall verfassungsrecht- 
Ic h normierte Formen und Grenzen zu- 
r ückzuholen“ (Agnoli) 


, Heute werden sexuelle Bedürfnisse 
^ lc ht tabuisiert (und damit als subversive 
potentiell unkontrollierbar), sondern 
Ur ch deren Öffcntlichmachung erst co- 
1Cr bar und manipulierbar. 



_Heute wird Herrschaft nicht durch 

das anonyme Zusammenfügen von Mas¬ 
sen, durch Massenaufmärsche, sondern 
durch deren systematische Individuali¬ 
sierung und Atomisierung hergestellt. 

_heute wird der Massenkonsens nicht 

von einem Terror flankiert, der in seiner 
Wahllosigkeit und Willkür jede/n treffen 
kann. Die Qualität heutiger Repression ist 
gerade, gezielt Menschen zu verfolgen, 
die sich gegen den Herrschaftskonsens 
stellen. Die staatliche Verfolgung „unbe¬ 
scholtener“ Bürgerinnen ist heute eher 
ein Grund zur öffentlichen Rehabilitie¬ 
rung als eine unausweichliche, gewollte 
Begleiterscheinung staatlicher Gewalt. 
Hinzu kommt, daß die Wirkung (ab¬ 
schreckender) staaüicher Gewalt mehr m 
der Unausweichlichkeit staatlicher Ver¬ 
folgung als in deren öffentlichen! nszenie- 
rung liegt. 

_Die soziale Identität vieler Men¬ 
schen wird heute weniger über deren 
nationale Zugehörigkeit, als über deren 
verwertbare Leistung bestimmt. Heute 
zählt mehr der Leistungs- als der Arier¬ 
nachweis — was noch lange nicht heißt, 
bei selber Leistung denselben Lohn oder 
gar die gleiche Chance zu bekommen. 

— Die Vorstellung von einer Jaschi- 
stischen Machtergreifung“ durch Parteien 
außerhalb des herrschenden Parteienge¬ 
füges, wie z.B. durch die REP’s, ent¬ 
spricht eher politischen Nachbildungen 
der 20er Jahre, als der veränderten Par¬ 
teienstruktur und -funktion heutiger, 
staatstragender Volksparteien. Die Ver¬ 
wandlung von Klassen- zu Volksparteien 
befreit diese von der Wahrung bestimm¬ 
ter Kassen- und sozialgebundener Interes¬ 
sen und Wertvorstelfungen. Was augen¬ 
scheinlich - gerade von SPD und GRܬ 


NEN - als Aufhebung des Rechts-Links- 
Denkens.gefeiert wird, ist nichts anderes 
als die Wahllosigkeit politischer und kultu¬ 
reller Herkunft., Ausdruck für die wach¬ 
sende Zerstörung klassen- und sozialge¬ 
bundener Lebensbedingungen und Vor¬ 
stellungen. Diese Wahllosigkeit schließt 
ihre skrupellose Nutzung mit ein, gerade¬ 
zu beliebig rechts oder links aufzufahren, 
solange diese Wahlmanöver am Grund¬ 
konsens aller Demokraten nicht rütteln. 



— Mit der Integration des Ausahme- 
zustandes in den Normalzustand (z.B. 
durch den § 129a verschaffen sich die 
Herrschenden selbst das Präventi v-Instru- 
mentarium, um systemopposiüonelien 
Widerstand zu bekämpfen, bevor dieser 
die Herrschenden vor die Frage offener, 
faschistischer Gewaltanwendung stellt. Es 
gehört zu jenen „Lernprozessen“ dieses 
Modell Deutschlands, die Ausrufung des 
Notstands dadurch überflüssig zu machen, 
indem man ihn zu einem integralen Be¬ 
standteil des Normalzustandes macht. 

Ausnahmezustand und Normalzu¬ 
stand, Krieg und Frieden, Hunger und 
Wohlstand, Vernichtung und Integration 
sind keine voneinander zu Trennende, 
sich gegenseitig ausschließende Herr¬ 
schaftszustände; vielmehr stellen diese in 
ihrem weltweiten Zusammenwirken ein 
wesentliches Fundament für die Stabilität 
westeuropäischer Metropolen dar. Damit 
ist auch eine Schwierigkeit angeschnit¬ 
ten, die geschichtliche Trennung von 
bürgerlicher und faschistischer Herrschaft 
so aufrechtzuerhalten. 


39 














Rechtspolitisches Magazin für 
Uni und soziale Bewegungen! 
Heft 2/1991: Schwerpunkt 
KRIEGSRECHT 
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lefeld 1,« (0521) 6 76 96 


Um den Ausgangsgedanken noch 
einmal unter einem anderen Blickwinkel 

aufzugreifen: die Stabilität Deutschlands. ; 1 

der darin verankerte passive Konsens, ist 

nicht aus der Kontinuität des deutschen 
Faschismus erklärbar, sondern aus sei¬ 
nem Scheitern. 

Um keine Mißverständnisse 
aufkommen zu lassen: dieses Deutsch¬ 
land hält all jene ökonomischen, politi¬ 
schen (Grund-)Strukturen, psychischen 
und sozialen Zurichtungen bereit, deren 
sich auch der deutsche Faschismus be- 
dient hat. Nichts besonders deutsches, 
sondern Basiskonzentrat jeder kapitali¬ 
stischen Gesellschaft: Autoritätshörigkeit, 
Nationalstolz, patriarchale Strukturen, 
Ordnungs(wahn)sinn, Leistungsethos... 
Die Frage ist aber, ob sich dieses Groß- 
deulschland auf absehbare Zeit „ge¬ 
zwungen“ sieht, diese Potentiale zur 
Überwindung von Krisen zu eskalieren. 
Entweder als Antwort auf massenhaften, 
System verändernden W iderstand oder/und 
als Antwort auf die Nichtkonkurrenz¬ 
fähigkeit nationaler Kapitale. Um es kurz 
zu machen: Weder werden wir auf abseh¬ 
bare Zeit das System vor die Alternative 
stellen, noch wird es das Kapital nötig 
haben, angesichts zunehmender Kämpfe 
und innerer Krisenhaftigkeit zu kapitulie¬ 
ren bzw. zur faschistischen (End-)LÖsung 
zu greifen. Vom Gegenteil ist eher auszu¬ 
gehen: Noch nie hat es in der Geschichte 
Deutschlands so wenig Gründe gegeben, 
faschistische und nationalistische Poten¬ 
tiale zur Stabilisierung von Herrschaft zu 
aktivieren. Es gab noch nie so wenig breite, 
organisierte Systemopposition wie heute, 
noch nie war deutsches Kapital so kon- 

kurrenzfähig/markterobemd auf dem 
Weltmarkt wie heute (ganz abgesehen 
von der Intemationalisierung nationaler 
Kapitale) und noch nie stand der Markt 
„Osteuropa“ gerade Deutschland so „zur 
freien Verfügung“. 


Die Fortschreibung deutscher Ge¬ 
schichte aufs „4.Reich“ ist keine Frage 
unterschiedlicher Gewichtung oder ver¬ 
schiedener Maßstäbe. „Deutschland den¬ 
ken heißt Ausschwitz denken!“ ist die 
Zwischrenüberschrift eines Flugblattes 
zum 3.10.90 aus dem „Radikale Linke“- 
Spektrum. Mit dieser Gleichung landet 
die Geschichte in der Tiefkühltruhe: wir 
frieren Geschichte ein, anstatt aus ihren 
Veränderungen, Brüchen heraus unsere 
Kämpfe (mit-)zubestimmen. Mit dieser 
Gleichung bringen wir 40 Jahre BRD- 
Geschichte und -kämpfe zum Schweigen. 
Und das ist ganz und gar nicht zufällig: 
auf dieses Nachkriegsdeutschland haben 
wir weitaus weniger Antworten als auf 
seine faschistische Vergangenheit, mit 
dem schnellen Griff zum Brandzeichen 
„faschistisch“ entgehen wir allzuoft der 
mühsamen Anstrengung, unsem Wider¬ 
stand aus der eigenen Geschichte, aus den 
Erfahrungen anderer Kämpfe zu ent¬ 
wickeln. 

„Deutschland denken heißt Aus¬ 
schwitz denken“ steht auch für eine „linke 
Tradition“, die sich eher aus und mit den 
Opfern erklärt, als aus dem eigenen Wider¬ 
stand, aus den Erfahrungen und Konse- 

40 


quenzen, die wir aus früheren Kämpfen 
gezogen haben (müßten!). 

Weil es Auschwitz gab, heißt, an 
Deutschland denken gerade auch an 
Widerstand denken. Hören wir auf, im¬ 
mer wieder die Opfer für uns sprechen zu 
lassen, ihnen unsere Antworten und 
Konsequenzen in den Mund zu legen. 
Damit stellen wir uns nicht auf die rich¬ 
tige Seite, sondern in die Fluchtlinie de¬ 
rer, die mit ihren staatstragenden Mah¬ 
nungen an die Opfer des Faschismus die 
Tatsache zum Schweigen bringen wollen, 
daß Widerstand geleistet wurde, daß 
Widerstand möglich war... und ist! Be¬ 
ziehen wir uns in unseren Kämpfen heute 
auf die Frauen im Widerstand, auf die 
Widerstandsgruppen im 3.Reich - wir 
bräuchten ihnen nichts in den Mund zu 
legen - sie können uns was sagen 


Photo: Theo Hcimann 














1 

2 

I 

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1 

u 

I 


Wir sehen noch einen anderen Grund 
r die These vom „4 .Reich“ - ein Grund, 
r weniger unsere Einschätzungen be- 
hrt, als die elementare Frage nach der 
-gitimität militanten Widerstands. Je- 
' T Widerstand muß sich legitimieren. 

r enn wir uns gerade nicht auf herrschende 

esetze und Geschichtslehrcn berufen, 
J nn muß unsere Legitimität in den 
ämpfen sichtbar werden, in der Art, wie 
'ir kämpfen, wie wir unsere Lebcnsvor- 
ellungen darin zum Ausdruck bringen. 

Wir sehen in der Geschichte des auto- 
pmen Anti-Faschismus der letzten Jahre 
ine gefährlichepolilische Tendenz: Anti- 
a schistischer Widerstand wird allzuoft 
n sich gerechtfertigt. Eine historische 
-Cgitirnität, die sich alleine aus der Tat- 
a chc des 3.Reiches ergibt. Eine Legiti¬ 
mität, die sich aus der scheinbar weltwei- 
Cn Verurteilung des Nazi-Regimes er- 
**bt, und eben nicht aus den eigenen 
Handlungen und Wertsetzungen. 

Mit dem Verweis auf faschistische 
Kontinuitäten „borgen“ wir uns diese 
istorische Legitimität, anstatt sie selbst 
?u begründen. eine Legitimität, die damit 

m^chraufdas „schlechte“ bürgerlichc/linke 


Gewissen setzt, als auf die Faszination 

und Ausstrahlungskraft widerstandischen 

Lebens. , . 

Antifaschistischer Widerstand, der 
Sich moralisch rechtfertigt und nicht aus 
den eigenen Kämpfen, läuft Gefahr, da¬ 
raus einen Kampf zweier Ideologien zu 
machen. Nicht mehr unterschiedliche 
Wirklichkeiten bestimmen den Kampt, 
sondern die „richtige“ Ideologie. 

Der Versuch, den Kampf gegen die 
Ideologie des Faschismus zu führen, und 
nicht gegen eine soziale Wirklichkeit, die 
der Faschismus - gegen „bürgerliche 
Feigheiten und Halbheiten“ - zuende 
denkt, scheiterte geschichtlich schon ein¬ 
mal - blutig und tödlich. Gegen die fa¬ 
schistische Propaganda, gegen S A-Schlä- 

gertrupps und ehemalige Frontsoldaten 
kämpfte eine breite Basisaus sozialdemo¬ 
kratischen, kommunistischen und links¬ 
radikalen Antifaschistinnen erbittert und 
ausdauernd. Doch die Schlacht gegen die 
Nazis wurde nicht nur auf der Straße 
verloren, sondern gerade auch „zuhause“, 
in den eigenen Reihen. Dort, wo die Hel¬ 
den der Arbeit und der Straße, die Diszi¬ 
plin und bedingungslose Unterordnung, 
patriarchale Familien- und Parteistruk¬ 
turen nicht angegriffen, sondern gegen 
jede Form der Abweichung und Infrage¬ 
stellung verteidigt wurden. ..„ cp 

indem <*' ese 

,. des anüfascb'S 11 ' 
SlruW WideSSds ntoM 


«S S V 

y>*V 

yvv- 


lerlnnen, die 19032/33 mit ihrer Stimme, 
der NSDAP den „Wahlsieg“ ermöglich¬ 
ten. 


Autonomer Antifaschismus - 
ein Kampf gegen die 
„Vorboten des 4.Reiches“? 

Wenn wir die letzten knapp 20 Jahre ein 
wenig sprung- und lückenhaft an uns 
vorbeiziehen lassen, dann läßt sich zu¬ 
mindest eine „fallende“ Tendenz ausma¬ 
chen: Eine Auseinandersetzung, die auf 
ihrem „Höhepunkt“ fast alle gesellschaft¬ 
lichen Bereiche erfaßte, an der kaum 
jemand vorbeikam, verengte sich mit den 
Jahren zusehends auf eine Auseinander¬ 
setzung zwischen Autonomen und 
Faschos - nicht mitten in den Verhältnis¬ 
sen, mehr im Schatten der Verhältnisse. 

hl von Grün- 
Es gibt dafür eme Ausna hmsweise 
den, die anführen, der 

^Ä-tunbat. *d 

™ llunS 


.St? 



sy 
& 










^iedcf' aS 

^^Wie überwindbar hingegen ideo- 

lneische Gegensätze waren (und sind), 
8 nn sie mit denselben patriarchalen 
Sturen verbunden sind,beweisen allei¬ 
ne die 100.000 gehenden kommrnu- 

stischen und sozialdemokratischen Wah- 


sgei-isss 

^~S£"****~ 

xAphr tiocn- 

ten auch die .je hts(staats )sinne 

Vergangenheit 

gewendet wer en. Mit der (erzwunge . 

nen) Anerkennung derhistorischen Schuld 
und Mitverantwortung war überhaupt erst 
die Möglichkeit eröffnet, die sich daraus 
ergebenden »Lehren“ umzudrehen: aus 
dem Widerspruch, aus der Opposition zu 
diesem Nachfolgestaat wurdeein Bekennt- 
















nis zu diesem Staat. „ Das Vergessen zu 
verhindern, ist ein Mittel, den Menschen 
bewußt zu machen, was sie an der Demo¬ 
kratie zu schätzen haben" (Kohl, FR v. 
10.11.88). Damit ist es den herrschenden 
Idcologicträgem gelungen, die Auseinan¬ 
dersetzung mit dem deutschen Faschis¬ 
mus staatlich zu zentrieren. Das hieß vor 
allem, diese nicht in den Händen der 
Verfolgten und Oppositionellen zu las¬ 
sen, sondern in eine Lehrstunde für 
Demokraten zu verwandeln. Heute lassen 
die Herrschenden keinen Gedenktag aus, 
um als erste über die Lehren der Ge¬ 
schichte zu reden. Da ist kein Platz mehr 
für einen Antifaschismus, der dieser 
Demokratie nicht huldigt, sondern der sie 
gerade deshalb angreift. Es ist nicht mehr 
das Schweigen, cs sind die Antworten, die 
dieser Staat auf das „dunkle Kapitel“ 
deutscher Geschichte gefunden hat, die 
die Täterinnen von unten mit den Tätern 
von oben versöhnt, indem sie zusammen 
der „Opfer des deutschen Faschismus“ 
gedenken (diese Art von Geschichtsauf¬ 
arbeitung wird gerade in der Ex-DDR 
nachgeholt: »das SED-Regime war grau¬ 
sam und überall, Widerstand war zweck¬ 
los, und deshalb wurden wir alle Opfer 
des Stalinismus...«) „Opferhaben etwas 
Rührendes an sich. Man kann um sie 
weinen, mit ihnen leiden, sich der Erschüt¬ 
terung anheimgeben und sich dann wie¬ 
der wichtigeren Dingen zuwenden. Es ist 
schrecklich, aber was hätte man schon * 
tun können? Die Konfrontation mit den 
Juden, die etwas getan haben, ist weniger 
bequem. Sie stellt die Frage nach den 
„Ariern", die nichts getan haben... Sie 
wirft generell den Verdacht auf daß man 
die Verhältnisse, so wie sie sind, nicht 
hinnehmen muß. Daß man sogar gegen 
einen scheinbar hoffnungslos überlege¬ 
nen Gegner kämpfen kann." (Ingrid Strobl, 
„Sag nie, du gehst den letzten Weg", 
S.325). 

DieThcsevom ,,4.Reich“leugnetnicht 
nur diesen staatlich regulierten Anti- 
Faschismus, sie macht uns auch unfähig, 
darauf zu reagieren. So „leicht“ es in den 
60er/70er Jahren war, das allgegenwär¬ 
tige Schweigen zu durchbrechen, es mit 
unseren Antworten und Konsequenzen zu 
konfrontieren, so schwer fällt es uns heute, 
den Antworten der Glotz, Hauffs, 
Grosser’s, Gallinzki’s usw. etwas entge¬ 
genzusetzen. Wir überlassen ihnen mehr 
oder weniger unumstritten das Feld. 

Stattdessen füllen wir vom Rand her 
die These vom „4.Reich“ auf, indem wir 
selbst die Auseinandersetzungen mit 
Neonazis und Skinheads ins Zentrum 
autonomen Antifaschismus stellen. 


Um auch da mögliche Mißverständ¬ 
nisse auszuräumen: Wenn wir oder an¬ 
dere von Skinheads oder Neonazis ange- 

gri fen werden, müssen wir in der Laee 
sein, uns selbst zu verteidigen. Formen 

mihtantcrSelbstverteidigung (weiter^) zu 

entwickeln, Strukturen von Gegen-Macht 
aufzubauen halten wir für keine spezielle 

Aufgabeantifaschistischen Widerstandes 

Wir wünschten uns, es wäre viel mehr ein 

fsclbst- a )OrganTsicfun g mCm aUt0nomcr 

ÄSSst 
SS s: 


anderen Grund. Wir sehen in der „Ver- 

bandung“ dieser Auseinandersetzungen 
die Gefahr der Selbstmarginalisierung 

militanten Widerstandes. 

Wie sehr wir gerade den Herrschen¬ 
den ins Bild passen, anstatt ihnen in die 

Quere zu kommen, veranschaulicht kaum 

besser die Legende vom Rechts- und 
Linksradikalismus. Ein Bild, das dieser 



uns an viele Anifa-Aktionen der letzten 

irgendwelchen Fascho-Trcffnun^i’ 

terherzujagen. Wir bezweifeln ^ 
sie mit der Verhinderung ihrer Partei r W *" 

und Kundgebungen tatsäcS^f 
Politisch jedenfalls treffen wir • 

weniger als in ihrem Stolz:, DieAu!^ 

men(s"d) unser größter Ge* “° 

gefährlich, weil sie uns den sZn ^ 

feige... Die Autonomen sind anders Sie 
starten Aktionen, die wir an, lt.u Sle 
ber machen würden ." (Michael fc l 
zil. nach Radi Nr.l37, S.48) 

— Na, wenn sich nicht da manch- 

emervonuns geschmeichelt fühlt w 

wir bezweifeln, daß dieser Kam ’ V W ° nn 
Skinheads und Neonazis die 

Gefahren trifft, die voTÄtr 

iand ausgehen, dann auch aus eifern 

42 


Photo: Dirk Wilhelmy 


Staat so sehr braucht, um sich selbst in de 
Mitte zu posücren: von links wie recht 
gleichermaßen verhöhnt und gerade 

c shalb so glaubwürdig und Schützens wer 
mit aller Gewalt, versteht sich. Dies* 
egende vom Totalitarismus hat Ge 
schichte. Es ist die Lüge vom wehrlosen 
demokratischen Staat, der verfolgt vot 
seinen Feinden von links und rechts 
kapitulieren mußte. Es ist die Legend* 
von der Weimarer Republik, die zwischei 
den Polen links und rechts zerriebet 
wurde, und aufgrund mangelnder Wehr 

aftigkeit ein Opfer des Faschismus wur 
de. 

Mit der Reduzierung militanten Anti 
Faschismus auf einen (Zwei-)Kampf zwi 
sehen Autonomen und Neonazis Stützer 
wir gerade diese Legende, anstatt derer 
mger anzugreifen. Wie für eine Legende 
dann auch ein Stück Realität abfällt 
emonstriert ein Polizeieinsatz in Frank- 
urt dieses Jahres, anläßlich einer versuch 
ten NPD-Demo. Zuerst prügelte die Poli¬ 
zei auf dieantifaschistischeGegendemon- 
straüon ein, um ein Durchbrechen ir 





Richtung NPD-Häufchen (knapp 50 an 
der Zahl) zu verhindern. Als sich dann ca. 
60 Skinheads und Neonazis aus unerwar¬ 
teter Richtung auf die Gegendemon¬ 
stration zubeweglen und bereits Panik 
auslösten, versprach die Lautsprecher¬ 
durchsage eines Wasserwerfers „Schutz“ 




von ungewohnter Seite: „ Bitte machen 
Sie die Straße für den Wasserwerfer frei, 
dieser Einsatz gilt nicht Ihnen , sondern 
den Skinheads, die gerade im Anmarsch 
sind. Wir erledigen das ." 

Wir werden in Zukunft mit einer para¬ 
doxen Situation konfrontiert sein: Auf der 
c |nen Seite beweisen gerade die Ereig- 
uissc um Großdeutschland, wie wenig 
darin die Neonazis eine politische Bedeu- 
lun S haben, wie wichtig es den Herr-^ 
sehenden ist,ohne sicauszukommen. Auf 
der anderen Seite werden wir gerade auf¬ 
grund dieses Großdeutschlands mit wach¬ 
senden Angriffen von Neonazis rechnen 
Rüssen. Die Orientierungslosigkeit vic- 
Cr »DDR-Entlassener“, die Befreiung“ 
s dllgelcgter faschistischer und rassisti¬ 
scher Potentiale im Osten, die sozialen 
Ur jd politischen Unsicherheiten, die sich 
m ^Großdeutschland verschärfen werden, 

^erden sich gehäuft in neonazistischen 
Verfällen und offener, rassistischer 

cwaltausdrücken. 

Einen Grund sehen wir in der ideolo¬ 
gischen Schere zwischen oben und unten: 

ährend die Herrschenden die ideolo¬ 
gischen Grenzen des Nationalismus öko¬ 
nomisch und politisch überschritten ha- 
Cn > halten sich die Opfer der kapitali- 
sehen Modernisierung und des „Sozia- 
^srnus umso mehr daran fest. Der wach- 
^nde Neonazismus ist mehr eine Ant- 
0rl Europa-weiter kapitalistischer 


Umstrukturierungsprozesse, als daß sich 
darin die politischen Antworten oder gar 
Hoffnungen der Herrschenden wieder- 
spicgeln. Im Gegenteil: In den Ereignis¬ 
sen der letzten Wochen drückt sich eher 
die Tendenz aus, den Neonazismus, „die 
Gewalt der Straße“ wieder unter Kon¬ 
trolle zu bringen, die „Gewalt von unten“ 
aus der öffentlichen Auseinandersetzung 
zu verdrängen. Die Polizeischüsse auf 
Skinheads und Neonazis, die tödlichen 
Polizeischüsse auf Fußballfans einige 
Tage später in Leipzig verweisen eher auf 
die Strategie, die „innere Ruhe“ und den 
„sozialen Frieden“ - auch um den Preis 
von Toten - aufrechtzuerhalten. 

Wie wenig die Neonazis eine poli¬ 
tische Alternative für die Herrschenden 
sind, wie schnell diese sogar gegen Neo¬ 
nazis vorgehen, wenn diese eine poli¬ 
tische Alternative zu den Herrschenden 
werden, zeigt u.a. das Verbot der Natio¬ 
nalen Sammlung (NS), (die 1988 inFrank- 
furt vom Kühnen-Flügel innerhalb der 
FAP gegründet wurde, —) kurz vor der 
Hessenwahl Anfang ’88. „Überraschung 
und ,Bestürzen“ lösten die vorangegan¬ 
genen Wahlen in West-Berlin aus, als die 
iRepublikaner mit 7,5% ins Parlament 
einzogen und noch in derselben Nacht 
über 10.000 Menschen gegen ihren Ein¬ 
zug protestierten. Diese „Bilder“ von 
Deutschland sollten sich in Hessen nicht 
wiederholen. In einer Blitzaktion wurde 
am 4.2.89 das Verbot gegen die NS ver¬ 
hängt. 


Nachspann 

s 

Reißen wir nur eine von vielen Konse¬ 
quenzen an, die sich aus dem Vorange¬ 
gangenen ergeben müßten: 

Wenn wir sagen, die faschistische 
Ideologie von der „Rassenreinheit“ geht 
in einen viel tiefgreifenderen kulturellen 
Rassismus auf, dann heißt das u.a. auch: 
andere, fremde kulturelle Einflüsse wer¬ 
den heute nicht eliminiert, sondern dienen 
in ihrer systematischen Entwurzelung der 
Veredlung deutscher Lebenskultur. Ideo¬ 
logisch steht das multikulturelle Konzept 
für die Propagierung dieser Veredlung. 
Praktisch füllen aber nicht nur breite 
Schichten der „neuen“ Mittelklasse diese 
Ideologie aus - auch wir füllen dieses 
Konzept mit Leben, solange auch unser 
Verhältnis zu Migrantlnnen, zu anderen 
Kulturen und Lebensvorstellungen ganz 
wesentlich von der atmosphärischen, 
kulinarischen und mystischen Bereiche¬ 
rung geprägt ist. 


Mit dieser militanten, weißen „Mono¬ 
kultur“ zu brechen, hieße für uns zweier¬ 
lei: 

Indem wir aufhören, Migrantlnnen nur 
als Opfer zu begegnen bzw. wahrzuneh¬ 
men, hören wir auch auf, unsere Solidari¬ 
tät mit ihnen nur über die Gemeinsamkeit 
staatlicher Verfolgungzu definieren. Erst 
indem wir dieses staatliche Gewaltverhält¬ 
nis als eines von vielen begreifen, können 
wir anfangen, ein wirkliches Verhältnis 
zu ihnen als Handelnde zu entwickeln. 
Handelnde, die wie wir, nicht nur um i 
Befreiung kämpfen, sondern andere 
Gewaltverhältnisse mitaufrechterhalten 
bzw. zu brechen versuchen. Wenn wir 
aufhören, unser Verhältnis zu Migrant- j 
Innen nur über die staatliche Verfolgung 
zu definieren, fangen wir an, uns mit 
deren kulturellen Vorstellungen und 
Lebensgewohnheiten zu konfrontieren, 
anstatt unsere kulturellen Werte-aus der 
Distanz zu ihnen - zu einer fast unüber¬ 
windlichen Grenzziehung zu machen. Erst 
wenn wir ihnen nicht mehr als Opfer 
begegnen, werden wir unsere eigenen j 
erkämpften Lebcnsvorstellungen nicht in * 
Abgrenzung, sondern in der Konfrönta- j 
tion und Nähe zu anderen, uns fremden 
Lebensvorstellungen glaubhaft machen. 

Hören wir auf, antifaschistischen j 
Widerstand im Namen der Opfer zu be¬ 
gründen. Für die meisten von uns werden 
Flüchtlingslager etc. erst dann bekannt, 
wenn sie Opfer neonazistischer Überfälle 
werden - Migrantlnnen bekommen erst 
dann Name und Gesicht, wenn sie Opfer 
tatsächlicher Angriffe werden. Erst wenn 
wir uns den Migrantlnnen als Subjekte 
ihrer Geschichte, als Täterinnen ihrer 
eigenen Lebensvorstellungen nähern, sie 
uns also nicht als Opfer auf Distanz hal¬ 
ten, - verändern wir unser Verhältnis zu 
ihnen grundlegend. 



Das wäre auch das verdiente Ende 
militanter Doppelmoral: sie als Migrant¬ 
lnnen in die Mitte unserer internationa¬ 
listischen Solidarität zu stellen, um dann 
mit unserer - oft abstrakten - Kritik an 
patriarchalen, religiösen und autoritären 
Strukturen einen zweiten Ring um ihre 
ghettoisierten Lebensbedingungen zu 
ziehen. 



43 











D ^sch flschc Terror in der ehemali¬ 
gen DDR hat em Ausmaß angenommen 
das in seiner Brutalität und in seinem 
Umfang eine neue Qualität für die BRD 
darstellt. Uber die Geschehnisse wird viel 
zu wenig im westdeutschen Blätterwald 
berichtet. Konkrete Solidarität findet nur 
in begrenztem und individuellen Rahmen 
statt. Den Nachrichten über die Grün- 
dungen von Wehrsportgruppen, den Zu¬ 
lauf bei faschistischen Organisationen 
den dutzenden Brandanschlägen und 
Mordversuchen sowie über die personelle 
und strukturelle Unterstützung durch 
westeuropäische faschistische Zusam 
memhange möchten wir etwas entgegen- 

KM^ ns Lyrr hl H g: wir (Grup » e ka - 

VfA/R Kiel) koordinieren den Informa¬ 
tionsfluß von und in die Ex-DDR Wir 
sammeln die Infos aus den verschieden¬ 
sten DDR-Städten und Dörfern und ver¬ 
senden sie an alle BRD-Zeitungen. Wir 
richten ein Spendenkonto ein, das partei- 
und organisationsunabhängig ist Die 

Verteilung der Spendengelderübemimmt 

emeaus verschiedenen politischen Grup¬ 
pen zusammengesetzte Gruppe. Das Geld 
wird nur an bekannte Kontakte weiterge¬ 
geben... . Außerdem können wir uns vor¬ 
stellen, Rundreisen und Solidaritätsver¬ 
anstaltungen im deutschsprachigen Raum 
zu organisieren. ... Sprecht Bands an... 
Diegrößcrcn Städte sollten eine oder zwei 
Stellen benennen, wo die Infos dann 
weiterkopiert und verteilt werden kön¬ 
nen... 


D . h0t °' 7,160 Hei mann 

der Ex-DDR^^f ih aUch ^besondere 

^ntenAdreC^feEuch^ 
P<tt, die Ähnliches Gru P- 

ebcnfalls melden!... mac hen, bitte 

sibiIisieren Zl rchncl? U ndd r ir L k Ute ZU scn ‘ 

rufen reagieren zu kiSnn ^ ekt ^ Hilfe- 
schiedcnsten iw" Und bei den ver- 

Nebenz iclw ^^n . ithclfen - 

dc ". Ziel sollte e S aber n ß ? emo in Df es- 

Wlr mit 400-600 ^ U " ^ tnurscin ,wi c 

u mgehen. überlegt ,J^ n Risten 
nerschaften“ oder Ä^n I u ” Städte Part- 

Wären? Ähnliches ein Schritt 


Kontakt: KAV/ä/o , 


Erste Informationen n 

folgenden Übersicht,Genaue SiCh in dcr 

den ist nachzulesen i n aUCr6Sz u Drcs- 
- Dokumentation zum p . 

Dresden, Hrsg. Anüfa ^ Ch ° tCnor in 
Seiten Üla Dr esden, 3 50 

~ Contraste, Nr.78, März 9i 

Beides bestellbar bei- Cn 1 

PF W4520, 69o7£7T le -^., 
06221-134Q2 eide ^erg, Tel 


von Hägar/Gruppe KAVlMP 


Noch bis 1988 verneinten die Behörde 
die Anwesenheit von Faschisten in c1 
DDR. Durch Angriffe auf Flüchtling 0 - 
unkkonzerte und die Schändung 
sowjetischen Mahnmals Anfang ] 
geriet die faschistische Szene i n ! 1 
Medien. Anfang 1990 wurde von 10P 0 ' 
2000 Nazis gesprochen. Zu der Zeit fl° 
bereits eine Menge Material der RE ’ 

der NPo und einiger anderer faschistisch 

Organisationen „nach drüben“. 

Oie,Nationale Alternative“ wurde am 
8-Fcbruar 1990 von militanten Nazi 5 un 
Skins in Berlin gegründet. Dieser Pers° 
nenkreis hatte eine Woche vorher p irlC 
Wohnungsverwaltung gegründet, die duflfl 
das Haus in der Weitlingstr.122 mietete- 
Dieses Haus wurde zum Anlaufpunkt v ° n 
Hooligans, Skinheads, Faschisten aus dem 
gesamten Deutschland und z,T. auch aus 
äderen Ländern. Von hieraus liefen viele 
(militante) Aktionen gegen Hausbesetzer 
Innen, Flüchtlinge und anderes >*Un 
deutsche“. 

Viele bekannte Schläger und Ideolo 
gen wanderten aus dem Westen nac 

Ostbcrlin. Die, Rationale Alternative un 

^ rc »»Kommandozentrale“ in der Weil 

1m» n i_ a * .. r _.iinfT?' 


bngstraße wurden zu ihrem Kreuzu 
Punkt (Leute wie Christian Worch, 1 
mas „Steiner“ Wulff, Michael Kühl 
Ekkehard Weil, Oliver Sch weigert, G 
Wed Kussel...). Sie ist der östliche 
tager des faschistischen Sammelbeck 
»»Deutsche Alternative“—ei ne Nachfo 
Organisation der verbotenen „Nation* 
Sammlung“, die eine breite Basis für c 
fcgale faschistische Partei heranbilden s 
Diese Basis meinen die Neon* 
besonders in der ehemaligen DDR 
Enden. Dort wurde deutlich, was A 
grenzung (Sammelunterkünfte für Vi 
namcslnnen, Mosambikanerlnnen.. 

Eührerkult (Partei, Ideologie), Einhei 
e rziehung (von Krippe bis zu Arbei 

diensten) und Bespitze!ung(ÜberwachL 

durch die Genossinnen, Stasi, Poliz 
bewirken. Der Rassismus großer Te 
der Bevölkerung des ehemals „antifasc 
stischen Bollwerks“ äußert sich in A 

griffen auf polnische, rumänische, vi< 

uamesische ... Menschen— 

- Nachdem am 18.8.90 tausend Fasch 
, In w unsiedel demonstrierten, waren « 
am 20.10. in Dresden 500 und am Totei 
Sonntag i n Halle bei Berlin 350. D< 


44 





erbürgermeister von Dresden bestrei¬ 
kt Ws heute, von Inhalt und Form der 
em ° etwa s gewußt zu haben, obwohl er 
^sprechende Polizeikräfte für eine 
>> in ksradikale Gegendemo“ aus dem 
undesgebiet angefordert hatte. Im Osten 
/ nd die Faschos noch recht ungestört; sie 
e c n bisher auf geringen Widerstand. 

Gerade die PDS, selbst von Kommu- 
ls t nnen aus dem Westen als die Wahl- 
? tenia tive gepriesen, redet nur von Anli- 
as chismus. Ihre Taten sprechen für sich, 
^wei Beispiele; 

f ^; u Sust 1990 rief ein breites Anli- 

a ündnis zu einer Demo in Lichtenberg 

siwT daS Nazizcntrum in der Weitling- 
a e un d den gerade in diesem Stadtteil 
r vertretenen und handgreiflichen 
a ssismus auf. Es kam zu militanten 
^griffen auf die Polizei und das Zen- 
Hklrn Anschluß an diese Demo stimmte 
Berliner PDS einem CDU-Antrag zu, 
aBna hmen gegen den Radikalismus zu 
greifen, was zur Folge hatte, daß u.a. 
p cn di e Betreiberinnen des Antifa-Tele- 
d ° ns Crrn iltelt wurde und von den Anmel- 
Cr nnen der Demo ein Schadensersatz 

Vo " 80.000,DM gefordert wird, 
pj. In an deres Beispiel aus Dresden. Der 
'Vorsitzende dieser Stadt lockte auto- 
ome Antifas mit Reise- und Übcmach- 
^ n gskostcn und zweier Helferinnen für 
tcT? Inf oüsch zum PDS-Fest Ende Sep- 
p 01 Cr - dieses Angebot wurde genutzt, 
arallcl hierzu war ein REP-Parteitag. 


Die Pos 


g - rechnete mit entsprechendem 
Fa SU |?^ tatsächlich sammelten sich 100 

di SC a° S ’ am ^ n ^ ol ‘ sc * 1 „verschwanden“ 

Na • i 7 urnähcr („konfisziert“ von den 
D Zls )> dic ersten PDS-Fahnen brannten. 

ar aufhin forderten die Ordner die Auto- 
entf ° n 3U ^’ * brc »Provozierende“ Ware zu 
daßT* 5 ”“ wurde deutlich gemacht, 
c c ' Ärger keine Unterstützung zu 
arlcn * sl - Während Gysi zu der 2000- 
2e‘d• ^ Cn ^ cngc sprach, vertrieb die Poli- 

noch eFaSChOS • • • Das Mikrokabel wurde 
noch durcb Scschnittcn, ein Fascho kam 

diep Ü,3Cr Cin andcres zu Wort, dann war 
na , a ^ zu Ende. Die Autonomen fuhren 
Se ause. Parallel dazu wurde ein bc- 
an' 7tCS . ^ aus von Faschos mit Mollies 
kom 8nffen ’ Cs ist ~ die Polizei 

vorh!»- 1 ZUm Gesprädi mit den Faschos 
z um * Und drängelt sie etwas ab. Dies 

^rpl^dfasehistischen“ Nichtverhaltcn 
„ e S> die wiejede demokratische Partei 
Und ea ^ a dikale ist - ob links, ob rechts - 
So . ^ber hofft, Macht und Gefolg- 
^“‘Mgewimen. 

•en vf ^ d ' C Faschos mittlerweile aus vie- 
ra c ‘ ncn Städten die aktiven Antifas 
Schagen haben, ist ähnlich er- 
reckend und warnend wie ihr Auftre¬ 


ten in großen Städten wie Dresden, Frank¬ 
furt/Oder, Leipzig, Halle... Mehrere 
Beispiele: 

In Frankfurt kommt es auch gerade 
wegen dere Nähe zur polnischen Grenze 
immer wieder zu Aufläufen und Demon¬ 
strationen., Hier hatten autonome und 
basisdemokratische Leute ein Kulturzen¬ 
trum. Dies mußte aufgegeben werden, 


Struktur und Stärke der verschiedenen 
faschistischen Gruppen bekannt. Bekannt 
geworden ist, daß die „Nationale Alter¬ 
native“ das Haus in der Weitlingstraße 
geöffnet hat und das Parteizentrum ausge¬ 
lagert wurde. Dies als taktischer Schritt, 
um die Partei ungestörter aufbauen zu 
können .zumal auch eine Kündigung Ende 
November ausgesprochen worden war. 



weil jede Woche ein faschistischer Mob 
angriff, der mit Mollies, Knüppeln, Knar¬ 
ren und anderen Waffen ausgerüstet war. 
Nach dem Auszug - die Leute besetzten 
dann verschiedenen einzelne Wohnungen 
_ wurden sie dort angegriffen, ihre Woh¬ 
nungen verwüstet, Leute zusammenge¬ 
schlagen und Motorräder angezündet. 

In Saalfeld wurden am 28.9. vier 
Menschen von 30 Skins krankenhausreif 
geschlagen, 15-20 drangen bei einem 
Linken in die Wohnung ein, schlugen ihn 
mit Baseball-Schlägern zusammen und 
stachen ihm ein Messer in den Hals. Die 
erkannten Täter wurden vom Gericht 

laufengelassen. 

In Zerbst war die Situation so weit, 
daß wir nur noch mit Mollies durch die 

Smdt liefen“. Am 2.10. griffen 200-250 
Faschos dort ein besetztes Haus an. Sie 
kamen nichtrichtig rein undzündeten das 
Erdgeschoß an. In kürzester Zeit brannte 
das ganze Haus. „Wir hatten schon Rasier¬ 
klingen verteilt, damit wir nicht bei vol¬ 
lem Bewußtsein verbrennen müßten.“ Die 
Feuerwehr rettete sie gerade noch. Die 
Polizei hat die ganze Zeit zugeschaut. 

Oft kommt es gerade nach Fußball¬ 
spielen zu Angriffen. Die Hooligan-Sze¬ 
ne in der Ex-DDR ist wesentlich gewalt- 
tätiger und stärker faschistisch ausgerich- 
tet als im Westen. Hier ist wenig über die 

45 


Photo: Theo Heimani 
Bisher ist es in der ehemaligen DDR 
mit Ausnahme von Berlin und Leipzig 
kaum zu einem offensiven Vorgehen 
gegen die Nazis gekommen. Dies ist in 
der West-Linken (ähnlich wie in Bezug 
auf die Hools) bislang kein Thema ge¬ 
wesen. Sie haben die Augen geschlossen 
und den Kopf in den Sand gesteckt. Bei 
vielen rächt sich jetzt das Schweigen über 
den realen Sozialismus. Sie wollen nicht 
wahrhaben, was Leninismus und Stali¬ 
nismus für Folgen haben.... Enttäuschung 
und Nicht-Wahrhaben-Wollen lähmt vie¬ 
le und macht sie handlungsunfähig - 
gerade jetzt, wo sie genug hören könnten 
von Leuten, die ein Testfeld für „Sozia¬ 
lismus“ waren. Die Linken der ehemali¬ 
gen DDR brauchen unsere Unterstützung, 
wir können von ihnen lernen, nach dem 
Motto: „Der Sozialismus wird frei 
sein, oder er wird nicht sein. “ 










Hools - 

der wer interessiert 
sich schon für 
Fußball? 


von Hägar, Gruppe KAVIA/R 

Anfang der 80er Jahre besang die Ham¬ 
burger Punkband SLIMEnoch den Block 
E im Volksparkstadion. Ab Anfang 1981 
schnitten sich einige Punks und andere 
Leute die Haare ab. Die deutschen Skin¬ 
heads fingen an,-nicht nur in den Stadien 
- ihren Arm zum Führergruß zu heben. 
„Sieh heil“ und .Jude“ wurde z.T. aus 
hunderten von Kehlen geschrien. 

Am l.Mai 1982 überfielen 250„Fu߬ 
ballfans“ dieFrankfurter Kundgebung des 
DGB. Am 16.10. wurde ein Werder-Fan 
von Hamburger .Löwen“ ermordet. Die 
Fußballnormalität der verbrannten Fah¬ 
nen, das Erobern von Schals, Kutten und 
Aufnähem hatte einen neuen Höhepunkt 
gefunden; daran änderten auch die mas¬ 
siven Polizeiaufgebote nichts. 

Was war los in den Stadien und drum¬ 
herum? 

Anfang 1982 gründete sich die „Bo¬ 
russenfront“ in Dortmund, kurze Zeit 
später ernennt Michael Kühnen (Chef der 
damaligen ANS/NA) sie zum Sammel¬ 
becken der Neonazis in Nordrhein-West- 
falcn. Parallel dazu tauchen immer mehr 
bekannte Faschos in denFußballclubs der 
BRD auf. Die .Löwen“ und die „Savage 
Army“ in Hamburg, die .Loten Wölfe“ 
aus Hannover, „Zyklon B“ und die „Her¬ 
thafrösche“ aus Berlin, die „Adlerfront“ 
aus Frankfurt - dort fanden sich einige 
ehemalige (?) Wehrsportler aus Hoff- 
manns Kader wieder-, die „Gelsenscene“ 
von Schalke, .Phönix“ aus Karlsruhe us w. 
Was sie alle verband, war der ständige 
Angriff auf 1 „Ausländerinnen“ und hin 
und wieder Linke. 

Die organisierten Nazis versuchten im 
Stadion neueLeute anzuwerben. Die Skins 
und einige Fußballfans hatten Bock auf 
Action, suchten Gemeinschaft, die mehr 
als Familie und Maloche war, d ie gemei n - 
sames Abenteuer der Entfremdung und 
Vereinzelung entgegensetzte. 

Ab Mitte 83 verstärkten die Neonazis, 

durch das drohende ANS-Verbot beun¬ 
ruhigt, ihre Stadionarbeit. Ob ihre Propa¬ 
gandaarbeit Erfolg habe, sollte der 
26.10.83 sichtbar machen: Zum Fußball¬ 


spiel BRD-Türkei riefen sie zur „Türken¬ 
jagd“ auf. Autonome, Türkinnen und 
Antifaschistinnen mobilisierten, um die 
braunen Horden zu vertreiben; diePolizei 
auch - es kamen 200, die sehr ruhig waren 
(erwartet worden waren 1000-2000). Der 
Kreuzberger Kiez brannte nicht. 

1984 zurEuropameisterschaftprügel- 
te sich ein deutscher Faschomob durch 
Frankreich. Gleichzeitig wurde es ruhiger 
um die deutschen Stadien. Die Skins ver¬ 
ließen die überwachten und „peacigen“ 
Stadien, der Unterschied der Interessen 
zwischen Fußballfans und Nazis/Skins 
wurde deutlich. (Es ging soweit, daß ei¬ 
nige Nazis bei Anwerbeversuchen im 
Stadion auch schon mal eine aufs Maul 
bekamen.) Nur die „Borussenfront“ und 
die „Herthafrösche“ blieben ihrem Führer 
treu. 

Abgeguckt hatte Michael Kühnen 
diese Unterwanderung von der,.National 
Front“ in England, die lange Zeit einen 
starken Einfluß auf dieFan-Kurven hatte. 
Mittlerweile gibt’s für sie auf die Fresse, 
die antifaschistischen Kräfte haben meh¬ 
rere Jahre Propagandaarbeit und gezielte 
direkte Aktionen gemacht. Im Vorder¬ 
grund stand dabei der Rassismus, der von 
Kapital und Politik zur Spaltung benutzt 
wird, und die Schaffung einer eigenen 
Subkultur. 

1985 - in Verbindung mit der Randale 
im Heysel-Stadion - machten sich die 
Hooligans einen Namen. Sie nutzen das 
Fußballspiel, um sich gegenseitig dieBime 
einzuhaucn, sie grenzen sich von den 
Fußballfans ab (stehen in anderen Blöcken, 
tragen edle Klamotten ohne Aufnäher, 
Schals etc.) Bis 1988 verschonten sie die 
BRD weitestgehendst. Im Vorfeld des 
Europameisterschaftsspiels BRD-Nicder- 
lande in Hamburg tauchten massiv Flug¬ 
blätter auf, in denen es hieß, die Hafen¬ 
straße solle gestürmt werden. Dies wurde 
sehr emstgenommen, da es in anderen 
Austragungsorten bereits zu heftiger 
Randale gekommen war, wobei sich aber 
mehr die Hools der Ländermannschaftcn 
mit der Polizei hauten. Es war klar, daß 
Nazis versuchten die Hools zu benutzen, 
um ihre Politik darzustellen. Dank breiter 
Unterstützung aus den verschiedenen 
Hamburger Stadtteilen und aus einigen 
anderen Städten konnte abends der An¬ 
griff des 300-köpfigen Mobs, der auch 
noch von der Polizei geschützt wurde, 
nach einer Stunde Straßenkampf abge¬ 
wehrt werden. Erst als dies deutlich wur¬ 
de, griff ein Teil der 3000 Polizisten zu 
und vertrieb Spießbürgerinnen, Faschos 
Hooligans, Skinheads und „deutsche“’ 
Fußballfans. Dies war für Hamburg das 

46 


Signal. 

Einen Monat später hatte St Pauli das 
erste Bundesligaspiel, die Hafenstraße 
verbarrikadierte sich. Das,»Freudenhaus 
der Bundesliga“ und die Hafenstraße 
wurden zum Feindbild und zum wöchent- 
lichen Angriffspunkt der Hools und der 
Neonazis (inzwischen wird auch gegen 
die St.Pauli-Fans bei Auswärtsspielen 
mobilisiert, SF-Red.). 

Deutlich feststellen möchte ich, daß 
Hooligans und Neonazis unterschiedliche 
Gruppierungen sind. Den Hools gehts um 
Randale und Action vergleichbar mit den 
Anfängen der Skinheads. Feindbilder, 
jeden Tag frisch auf den Tisch - Auslän¬ 
derinnen, Punx, Revolutionärinnen etc. 
zeigen hier Wirkung. Nach der „Wieder¬ 
vereinigung“ stehen Nation und Rasse als 
der Wert plötzlich ganz oben. Alles, was 
nicht in dieses Bild paßt soll beseitigt 
werden. So werden Hooligans zum deut¬ 
lichen Signal, wie viele denken mit dem 
Unterschied, daß sie nicht nur denken, 
sondern handeln. Dies paßt sehr wohl in 
das Konzept der Herrschenden: auf der 
einen Seite dienen sie zur Bewaffnung 
und Schaffung neuer Polizeikräfte, auf 
der anderen beschäftigen sie Sozialarbei- 
terlnnnen, Projekte und Linke... 

Die Hools sind keine Neonazis, son¬ 
dern der erfüllte Wunsch.der durchschnitt¬ 
lichen Spießbürgerinnen. Sie sind keine 
irregeleiteten armen Sozialfälle, sondern 
Ausdruck tagtäglicher Hetze gegen alles 
„Undeutsche“,FremdeundRevolulionäre. 

Gewerkschaftsführung,Sozialdemokratie 

und Christdemokraten haben in vielen 
Kleinigkeiten, besonders im letzten Bun- 

destagswahlkampfmitdenRepublikanern 

in ihren Forderungen gleichgezogen. 
Jugendbanden, Hools - die Geilheit auf 
Gcwaltsind bloß derpraktische Ausdruck 
di escr Staat! ichen Verarschung, die schreit, 
aber nichts tut. 

1989 werden die Krawalle um die 
Stadien zur Normalität. Eine drastischere 
Entwicklung nahm Westberlin mit dem 
Aufkauf der „DDR“. Ab Mitte 88 hatte 
der Hertha BSC-An hang durch ausländer¬ 
feindliches und antisemitisches Gegröhlc 
von sich reden gemacht. Republikaner 
Parolen und Ausländerinnenjagd nahmen 
massiv zu. Hier war zwischen Hools un 
Faschos nur noch ein geringer 
schied. Nach dem „Aufkauf 4 vereinig^ 
sich die Hertha-Frösche“ mit dem 
len Hauer-Mob“ vom FC Berlin. A 
galt nicht mehr „Hooligans withouf^ 
pons“ (Hools ohne Waffen). Die F 

Hools griffen mit „westdeutscher 

Stützung brutal und rücksichtslos 
namesische, rumänische und p° nl 







Flüchtlinge und Straßcnhändlerlnncn an. 
Nach fast jedem Spiel, eagl wo, wurden 
Gegnerinnen und linke Treffpunkte ange¬ 
griffen. Es gab keinen Unterschied mehr 
zwischen Nazi-Skins, Faschos und Hools. 

Im Mai 90 bilden diese „aufrechten 
Deutschen“ ein lebendes Hakenkreuz auf 
dem Alex in Berlin. Von dort aus kommt 
es auch zu ständigen Angriffen gegen 
alles, was ihnen nicht paßt. Zu den FCB- 
Spielcn kommen bereits keine durch¬ 
schnittlichen Fans mehr. Die waffenlosen 
westdeutschen Hools werden immer stär¬ 
ker von diesen faschistischen Männer¬ 
bünden unter Leistungsdruck gesetzt. In 
‘br großdeutsches Getaumel fiel die Fu߬ 
ballweltmeisterschaft. So begeisterte sich 
ein deutscher Reporter (Heribert Faßben- 
der) bei der Endspiel Übertragung über 
das aus zehntausend Kehlen gegröhlte 
„Sicg u . Es fiel zwischen den Straßcn- 
schlachtcn der Hools kaum noch auf. 
••..Die Presse sprach von unpolitischen 
Fußballfans - sich bekämpfenden Ban¬ 
den. Hier sollte ein Bild geschaffen wer¬ 
den. 

National ismus beinhaltet immer Frem- 
dcnfeindlichkeit und Rassismus. Was sich 
,n der Nacht nach dem WM-Endspiel in 
den bundesdeutschen Städten abspielte 
war beängstigend. In Neumünster z.B. 
griffen 300-400 „Fußballfans“ das ehe¬ 
mals besetzte Hausan und verwüsteten in 
zweieinhalb Stunden die ganze Straße. 

die,.Freunde und Helfer“? Sic wu߬ 
ten bereits eine Stunde vor dem Angriff, 
daß sich die Faschos sammelten. Aber 
crsl als sich dann Antifaschistinnen und 
türkische Kids sammelten, wurden sie 
aktiv. Sie griffen die Kids mit Hunden an 
und drängten die Anlifas weg. Ein (!) 
Hool wurde verhaftet. Ähnliches spielte 
S| ch in vielen Städten ab. 

Hiernach wurde cs „ruhiger“, obwohl 
mehrere Tote wie in Leipzig und Düssel¬ 
dorf eine Warnung sind. Die Hools sorg¬ 
ten für einen „heißen“ Auftakt beim 
Bundcsligasiarl Hertha BSC-St. Pauli. 
Uber 600 Hools versuchten nach dem 
S P'el die St.Pauli-Fans anzugreifen. Die 
Polizei (und dies habe ich das erste Mal in 
meinem Leben voll Erstaunen wahrge- 
n0111 men und war ganz schön erleichtert) 
schützte. Es gab kaum Zoff. Dafür dann 
*cr am 25.11.90 im Volks(!)parkstadion. 

ährend des Spiels wurde mit Leucht- 
spurmunition in die Sl.Pauli-Kurve 
geschossen, nach dem Spiel griffen mch- 
rc te 100 Hools St.Pauli-Fans an. Es gab 
c mc Menge blutige Köpfe... Dies hat - 
ni clu zum ersten Mal—dazu geführt, daß 
das Volxparkstadion boykottiert werden 


Anzuführen ist noch, daß sich das 
Phänomen nicht auf die ersten Ligen 
beschränkt. Seit Jahren nutzen die Faschos 
z.B. die Spiele des VFB Lübeck in Eutin 
für ihre Angriffe, stoßen dabei aber auf 
eine große antifaschistische Mobilisie¬ 
rung- 

Hier noch eine Korrektur zu bürger¬ 
lichen Pressemeldungen: Kurze Zeit nach 
dem Tod eines Hools in Leipzig Anfang 
November 1990 wurde es still um diesen 
Vorfall. Nicht ohne daß die Polizei, Poli¬ 
tikerinnen und DFB nach mehr Beamt¬ 
innen, Ausrüstung und Bewachung rie¬ 
fen. Inzwischen beweisen neutrale Beo¬ 
bachterinnen und Fans, daß die Gewalt 
von der Polizei ausging und daß der Hool 
ermordet wurde. DiePolizei griff die Hools 
zwischen Bahnhof und Stadion mehrmals 
an. Obwohl diese friedlich waren und 
Eintrittskarten hatten, durften sie das 

Stadion nicht betreten. Daraufhin kam es 

zu Rangeleien. Als die Todesschüsse fie¬ 
len gab es zwischen der Polizei und den 

Hools einen 40 m-Abstand und einen Zaun. 
Ein Hool starb, vier weitere wurden schwer 
verletzt. Beim ganzen Einsatz wurde em 
Polizist verletzt. Das ist Mord. Daß es 
danach in der City krachte, ist logisch. 

Zum Schluß möchte ich noch zwei 
Sätze gegen die gängige Verharmlosung 
(.unpolitische Fans“) zitieren: 

„ Wer sind denn die, die jeden Sam¬ 
stag aufs Neue ihre Gesinnung in den 
Stadien durch das Rufen so unpolitischer 
Parolen wie Jude, Jude', ,Schiri, du 
schwule Sau', .Wir Deutsche und ihr 
nicht', Rotfront verrecke', ,Sieg Heil, 
Ausländer raus'oder das beliebte Jiusch , 
Husch, Husch - Neger in den Busch' 
kundtun?" (aus: Millerntor-Roar St. 
Pauli-Fan-Zeitung) (Hier fehlt das „Aus¬ 
ziehen, Ausziehen“, sobald Frauen den 
Rasen betreten.) 

Oder allgemeiner, zum Fußball als 
Geschäft mit Werbung, Fernsehen und 
Gewinnen etc.: 


„Wer da noch behauptet, Sport sei 
unpolitisch , rein unbefriedet, sei Wett¬ 
kampf oder neutrales Terrain, der ist 
entweder ein Idiot oder jemand, der diese 
Dinge längst durchschaut und sich ihrer 
bedient. Den apolitischen Menschen gibt 
es nicht, denn wer nicht Politik macht, 
wer sich nicht beteiligt, sich nicht interes¬ 
siert, der will damit sagen, daß er die 
anderen machen läßt. Also unterstützt er 
die Macht ... Nicht zufällig sind dieje¬ 
nigen, die sich nach wie vor auf den un- 
politischenCharakter des Sports berufen, 
entweder Christdemokraten oder erklär¬ 
te Reaktionäre ." (Paolo Solier , italie¬ 
nischer Fußballprofi der 70er Jahre, zit. 
aus Millerntor Roar). 

Daß Sport ein wichtiges Herrschafts¬ 
instrument ist, würde hier zu weit führen. 
Aktuell wichtig ist, daß die rassistischen 
und ähnliche Angriffe gestoppt werden. 




Schwärmer begründen eine Religion, 
Dummköpfe nehmen sie an, und Betrüger 
führen sie fort. /\ Voltaire 



HblNKJttF^ 

Es gab und gibt außer Voltaire noch viele 
Aufklärer. 

Wer sich für Bücher über 

Religionskritik und kritische 
Aufklärung 

die Verfilzung von Kirche und 
Staat 

Gotteslästerung... 
interessiert, sollte unseren Vertriebskata¬ 
log anfordem. 

IntemationalerBücherdienst 
der Konfessionslosen 

IBDK-Verlag + Vertrieb 
Postfach 167 
8750 Aschaffen bürg 1 






















mit dem Wurf eines Molotow Cocktails 
seitens des Schülers. 

Aus Protest gegen diesen Freispruch 
wurde kurz darauf das Polytechnio 16 
Tage lang besetzt gehalten. Der Aktion 
schlossen sich neben Schülerinnen und 
Studentinnen auch die autonomen und 


Im Januar fanden die schwersten Unru¬ 
hen seit der Rückkehr Griechenlands zur 
Demokratie statt. Sie entstanden im An¬ 
schluß an eine große Demonstration in 
Athen von mehr als 50.000 Schülern, 
Lehrern und Gewerkschaftlern. Direkter 
Anlaß war der Tod eines Lehrers, der tags 
zuvor in der Hafenstadt Patras von einer 
Gruppe rechter Jugendlicher zu Tode 
geprügelt worden war. 

Im Laufe der Demonstration ent¬ 
wickelten sich Auseinandersetzungen mit 
der Polizei, die am Ende zu Straßen¬ 
schlachten führten. Während der Unru¬ 
hen geriet am Omnoniaplatz (Athen) ein 
Bürohaus in Brand. Der Feuerwehr ge¬ 
lang es trotz Behinderung der Löschar¬ 
beiten durch die Polizei neun Menschen 
aus den oberen Stockwerken des Gebäu¬ 
des zu retten. Vier Personen kamen je¬ 
doch in den Flammen ums Leben. 

Offiziellen Berichten zufolge entstand 
der Brand durch Molotow-Cocklails, die 
von den „ständig provozierenden autono¬ 
men Gruppen“ in Anschluß an die an¬ 
fangs friedlich verlaufene Demonstration 
geworfen wurden. Andere Berichte und 
Interviews sprechen von veralteten 
Tränengasgranaten der Polizei, die den 
Brand verursacht haben. 


anarchistischen Gruppen an. (Das Poly¬ 
technio hat in Griechenland eine beson¬ 
dere Bedeutung. Es ist ein Symbol des 
Widerstands. 1973 führten Studentinnen 
mit einer Besetzung des Polytechnio der 
Universität Athen den Beginn des Um¬ 
sturzes herbei. Das Militär erschoß über 
50 Besetzerinnen. Dieses Ereignis löste 
das Ende der Militärdiktatur aus.) 

Die jetzigen Proteste gegen die Än¬ 
derung der Bildungspolitik der konserva¬ 
tiven Regierung haben ihre Ursache in 
einem Versprechen an die EG: Der ge¬ 
samte schlecht funktionierende Bildungs¬ 
sektor sollte an Private abgegeben und an 
dielndustrie angebunden werden. 

Zur gleichen Zeit wurde ein neues 
Antistreik- und Antiterrorismus-Gesetz in 
der Verfassung verankert. Auch hier ist 
die Handschrift der EG unverkennbar. 

Als im November 1990 von der Re¬ 
gierung die Gesctzesnovellen zur neuen 
Bildungsreform vorgelegt wurden, kam 
es spontan zu Massenprotesten der Schü¬ 
lerinnen. Am 13.11. wurden die ersten 
Schulen besetzt. Zwei Tage später waren 
alle Schulen des Landes besetzt. Die 
Schülerinnen wählten Delegationen, die 
sich zu einem nationalen Schülerinnenrat 
versammelten. Im Polytechnio, von den 


Von verschiedenen Seiten wurde Studentinnen zur Verfügunggestellt, traf 
schonTagevorher das brutale und unver- s ' c * 1 eins gut koordinierte und organisier- 
hältnismäßigeEingreifenderPolizeikriti- te Schülerinnenvertretung. Demonstra- 
siert. Außerdem beobachteten Teilneh- deinen, Protestmärsche etc. wurden orga- 
mer der Demonstration Provokationen nisiert - D *e Regierung reagierte mit rc- 


seuens mehrerer mit Schlagstöcken be- slnküvcn Maßnahmen. Der Bildungsm 


.iuu oL;magsiOCKen De- 

waffneterGruppen (namens „Onned“) der 
Regierungspartei „Nea Demokratia“. 

Viele Demonstranten beabsichtigten 
ini uge der Proteste den Sturz der rechts- 
reaktionären Regierung. Nicht nur wäh- 

im Großdemon stration zirkulierten 
m Athener Stadtzentrum eine Fülle von 

Bev6,ker “" 8 - 

Hintergrund der Unruhen waren die 
seit Monaten andauernden Schulbe¬ 
setzungen und Proteste gegen die Bil¬ 
dungspolitik derkonservativen Regierung 
Der Grundstein für die Besetzungen und 
Streiks wurde im Februar 1990 gelegt. 
Wahrend emer Demonstraüon erschoß 
ein Polizist einen Schüler. Der Polizist 
wurde im folgenden Prozeß freigespro¬ 
chen. Er rechtfertigte seine Maßnahme 


nister erließ ein Dekret, in dem das Fern 
bleiben vom Unterricht wegen des Streik 
den Verlust des Schuljahres zur Folg 
haben sollte. Außerdem versuchten si 
die Namen der streikenden Schülerlnnei 
zu erfassen. Die Direktoren sollten Listei 
erstellen. Auch Lehrerinnen wurden un 
ter Druck gesetzt, um die Namen zi 
sammeln. 

Die Lehrerinnen hatten im Somme 
1990 einen Generalstreik organisiert, de 
höhere Gehaltsforderungen stellte um 
gegen ein neues Einstellungsverfahrei 
votierte. Dieser S treik konnte einen Mont 
durchgehalten werden, obwohl im Juni ii 
den Schulen Hauptprüfungszeit ist. Dii 
Medien versuchten, die Schülerlnnei 
gegen dieLehrerlnnen aufzuhetzen. Schu 
en wurden von der Polizei umstellt. Ii 
manc en Schulen stellten sich trotz alle 


Medienhetze Schülerinnen vor ihre Leh¬ 
rerinnen, um sie zu schützen. Erfolglos 
brach der S treik nach einem Monat zusam¬ 
men. 

Nachdem zuvor versucht worden war, 
die Schülerinnen gegen die Lehrerinnen 
aufzuhetzen, versuchte die Regierung nun 
genau das Umgekehrte. Doch im Dezem¬ 
ber schlossen sich auch die Universitäten 
dem Protest an. Sämtliche Unis wurden 
besetzt und es wurde ein gemeinsames 
Vorgehen gegen die Bildungsreform ver¬ 
einbart. 

Die Regierung hoffte darauf, daß mit 
den Weihnachtsferien der Streik zum 
Erliegen komme. Doch Anfang Januar 
trafen sich die Schülerinnenkoordination 
erneut. Unter dem Eindruck der Drohung 
des Bildungsministers: „Jeder, der nicht 
an seinem Platz in der Schule sein wird, 
wird bestraft“, wurde die Fortsetzung des 
Streiks beschlossen. Die örtlichen Orga¬ 
nisatoren der „Nca Demokratia" sollten 
jedoch mit ihrer Jugendorganisation eine 
W ei terführung des S treiks verhindern. So 
kam es in der Nach t vom 7.1. zum 8.1.1991 
zu dem tödlichen Zwischenfall in einer 
Schule in Patras. Schülerinnen hatten diese 
Schule weiter besetzt gehalten, als plötz¬ 
lich Leute der örtlichen Organisationen 
der „Nea Demokratia“ in die Schule stürm¬ 
ten und die Schülerinnen mit Knüppeln 
und Eisenstangen vertreiben wollten. 
Darauf eilten einige Lehrer zu Hilfe und 
wurden ebenfalls verprügelt. Ein Lehrer 
erlag am nächsten Tag seinen schweren 
Kopfverletzungen, vier weitere mußten 
ins Krankenhaus gebracht werden. Unter 
den nach dem Vorfall Verhafteten waren 
zwei Funküonäre der Regierungspartei. 
An den folgenden Tagen fanden in ganz 
Griechenland riesige Demonstrationen 
statt. In Athen gingen über 100.000 
Menschen auf die Straße und es kam zu 
den eingangs erwähnten Auseinander¬ 
setzungen. Der Bildungsminister mußte 
inzwischen zurücktreten. Das gesamte 
Paket der Gesetzesvorschriften „Reform 
im Erziehungswesen“ sollte neu verhan^ 
delt werden - dann begann der Goifkneg- 

Quellen: Mailbox „ANNA" -* 

Nachrichten derllochschülerschaftan r 
Wien, griechische Anarchozeit ungen 
Gespräche mit griechischen Freunden- 








von Mischa Jasenev 


Ich lernte die Warschauer Gruppe des 
».Ruch spolcczcnstwa altematywnego“ 
(Bcwccunt» fiir pinA alfnmativp. frßSell- 


(Bewegung für eine alternative Gcsell- 
schaf 0 Ende September 1990 auf einer 
Demonstration gegen einen Anti-Abtrei- 
° u ngsgcseizenlwurf kennen. Ursprüng- 
Bch sollte aus den Gesprächen, die wir in 
Warschau führten, und dem Material, das 
man mir dort gab, ein Artikel werden. Es 
bellte sich jedoch heraus, daß die Noti- 
^ Cn ’ ^ie ich mir gemacht hatte, allenfalls 
ür diese Einleitung ausreichen würden, 
un d eine Zusammenfassung von Artikeln 
aus Polnischen anarchistischen Zeitschrif¬ 
ten für Leserinnen hier wenig aufschlu߬ 
reich wäre. Um so besser, daß ich vor 
Wcn igcn Wochen einen Brief erhielt, der 


^ hcr geeignet ist, Einblick in die S ituation 
Cr Warschauer Anarchisten zu geben. Er 
w ird im folgenden fast vollständig über- 
setzt wiedergegeben. 

Wohlgemerkt: es handelt sich hier nur 
^ die Warschauer Anarchisten (es han- 
c h sich hier in der Tat nur um Männer); 
NVCnn es auch verschiedene Versuche 
gegeben hat - und gibt - die vielen fegio- 
n alen Gruppen zusammenzubringen, 
genannt seien die Federacja anarchi- 


styczna (anarchistische Föderation) und 

fllrt 4 - 


schau hat zum Beispiel keine so starke 

anarchisüscheTradition wie Krakau oder 

gar Danzig. Das führt(e) dazu, daß, wie 
man mir berichtete, die Krakauer Gruppe, 
die recht groß und gut organisiert ist, über 
die Warschauer Junganarchos die Nase 
rümpfe. Dennoch kann der hier wieder¬ 
gegebene Brief m.E. als repräsentativ für 
das Denken eines großen Teils der pol¬ 
nischen anarchistischen Szene gelten. 

Die polnischen Anarchisten sind fast 
durchweg Anarchopazifisten mit starken 
ökologischen Interessen. Das heißt auch 
daß sfe in der Regel Militanz - auch 

Massenmilitanz-ablehnen. Aktionen wie 

die am HJanuar 1990, als aus einer 

Demonstrationheraus der Senatgestürmt 

wurde, Fensterscheiben zu Bruch gingen 
und schwarze Fahnen in den heiligen 
Hallen hingen, haben zu langen Diskus¬ 
sionen geführt, an deren Ende zumindest 

vorläu fig die Ablehnung jeglicher Gewalt 

stand Das führte zu gewissen Verständ¬ 
nisproblemen bei den seltenen Kontakten 
zu westlichen Linken, in erster Lime bei 
Berliner Autonomen und AnU-Imps, de¬ 
ren Versuch, eine Polizeisperre bei Czor- 
sztvn (Staudammprojekt) zu durchbre¬ 
chen, eher Anlaß zur Heiterkeit gewesen 
sein soll. Dabei gibt es polmscherseits 
keine Berühungsängste: die Kampffor¬ 
men seien halt andere, auch weil derStand 
der Auseinandersetzungen halt ein ande 


Eine wichtige Grundlage des anarchi¬ 
stischen Denkens ist weiter ein tief em¬ 
pfundener Antikommunismus. Die Erfah¬ 
rung der Besetzung durch die Rote Armee 

- als Befreiung versteht das dort niemand 

- hat hier deutliche Spuren hinterlassen 
und schließlich dazu geführt, daß zwi¬ 
schen Stalinismus und Kommunismus 
jeglicher Form kein Unterschied gemacht 
wird. 

Das mag den meisten Leserinnen des 
SF kein Problem darstellen -für mich, der 
ich mich noch immer eher als Kommunist 
denn als Anarchist begreife, gab es eini¬ 
gen Stoff zum Nachdenken im Sinne 
Blochs, ob der Stalinismus den Marxis¬ 
mus zur Unkenntlichkeit oder sogar zur 
Kenntlichkeit entstellt habe. 


Zum Schluß nur noch dies: niemand 
von uns wird bezweifeln wollen, daß 
Kontakte der Linken in den verschiede¬ 
nen Ländern sinnvoll und notwendig sind, 
soll denn überhaupt noch etwas bewegt 
werden. Je intensiver und zahlreicher diese 
Kontakte sind, desto größer wird unser 
Horizont, und desto eher besteht eine 
zugegeben kleine Möglichkeit, wieder 
oder endlich einmal politikfähig zu wer¬ 
den. 

Es ist, wie‘s ist. Aber es darf nicht so 
bleiben. 


— ruuciauui»/ — 

lc Anarchistyczna Mi^dzymiastöwka 

anarchistische,,Zwischenstädti sehe“ mit 

ns Piclung auf die Internationale), so sind 
die Unterschiede beträchtlich. War- 


rer sei. 

















Brief aus Warschau 

Nun alles der Reihe nach: ä propos 
Situation in Polen nach der Wahl Walesas 
zum Präsidenten. Eigentlich hat sich nicht 
viel geändert gegenüber der Zeit, wo Du 
zuletzt in Polen warst (d.h. Anfang Okto¬ 
ber 90), aber es kommen immer neue 
Probleme auf die Leute zu, z.B. der soge¬ 
nannte „popiwek“, angeblich eine Steuer 
auf höhere Einkommen, tatsächlich aber 
eine Art poll tax. 1 Es gab zahlreiche Pro¬ 
teste von Belegschaften und Gewerk¬ 
schaften wie auch verschiedener gesell¬ 
schaftlicher Organisationen, aber diese 
Regierung scherte sich nicht darum. 

Das Hauptproblem für uns Anarchisten 
ist die Klerikalisierung der Gesellschaft. 
Der großangelegte Generalangriff der 
katholischen Propaganda in den Massen¬ 
medien wie auf der Straße wird immer 
gefährlicher. Es ist schon so weit, daß 
keine Eröffnung einer neuen Fabrik und 
keine Einweihung einer neuen Polizei¬ 



wache ohne Einsegnung durch einen Prie¬ 
ster erfolgen kann. In den Schulen ist die 
„Katholische Jugend“ für die Zeit der 
Osterandachten von allen schulischen 
Verpflichtungen befreit, während alle 
anderen wie sonst auch beschäftigt wer¬ 
den. (Dies selbstverständlich nicht in al¬ 
len Schulen). Der klerikale Verfolgungs¬ 
wahn ist in der Tat ein großes Problem 
hier in Polen - Du erinnerst Dich an die 
Sachemitdem Anti-Abtreibungs-Gesetz. 
Die Sache ist immer noch nicht endgültig 
entschieden, aber es scheint, als würde es 
trotz aller Proteste im Parlament durchge¬ 
drückt. 2 


Ein weiteres Problem der Anarchisten 
war, daß jüngst eine ungesetzliche Anord¬ 
nung des Verteidigungsministeriums in 
Kraft trat, daß Alleinemährer von Fami¬ 
lien eingezogen werden und jeder Auf¬ 
schub (d.h. durch Rechtsmittel) ausge¬ 
schlossen ist. Diese Angelegenheit wird 
zwar, nach einer Intervention eines Bür¬ 
gerrechtlers, im Moment von den zustän¬ 
digen Stellen geprüft, aber Du weißt, was 
das heißt. 

Walesa hat seit dem Machtantritt eine 
Reihe höchst lächerlicher Dinge gemacht, 
z.B.den Ausbau der Kapelle in Bel weder 
(Amtssitz des Präsidenten), aber das ist 
eher ein Döneken. Er und sein Haufen 
wollen: „einen starken Staat mit einem 
regierenden Präsidenten und starker Unter¬ 
stützung im Parlament bauen“. Diese 
Parolen bedeuten, daß ein schrecklicher 
Sturm sich ankündigt (es wird fürchter¬ 
lich werden). Die ersten Schritte hat die 
neue Regierung schon getan: z.B. die 
Forcierung des Balcerowicz-Projektes, das 
in der Gesellschaft nicht sonderlich be¬ 
liebtist, und das schon von der vorherigen 
Mannschaft begonnen wurde. Es beruht 
auf dem, was hier „Privatisierung, Über¬ 
gang zur eigentlichenVerrcchnung und 
Kapitalisierung des Landes“ genannt wird 
und tatsächlich bedeutet, daß kleinere 
Betriebe eingehen und größere vom 
Westkapital übernommen werden, oder 
von reichen Vertretern der alten und neuen 
Nomenklatura; Nach Polen werden alte, 
schadhafte Technologien eingeführt, 
Waren niederer Qualität (Schund, der im 
Westen längst überholt ist und den keiner 
mehr will, der schlicht gebraucht oder 
beschädigt ist - und bei uns denken alle, 
wir seien im Begriff, „die Welt wieder 
einzuholen“). Multis und große westliche 
Firmen stopfen hier ihre Waren hinein, 
einheimische Unternehmen und 
Genossenschaften 3 handeln dagegen unter 
verschärften Bedingungen; die Arbeits¬ 
losigkeit wird immer größer („Verklei¬ 
nerung überflüssiger Belegschaften“). 

Dazu kommt die Einfrierung der Löhne 
bei Anhebung der Preise, sowie der er¬ 
wähnte „popiwek“. Polen ist somit auf 
dem besten Wege, eine neue amerika¬ 
nische Kolonie zu werden, mit großem 
Einfluß der EG und der Weltbank, ganz 
nach dem Vorbild Mittelamerikas. Die 
Gesellschaft, überschüttet mit Informa- 
tionspapierchen und einer Atmosphäre 
der Euphorie über die sogenannte „Rück¬ 
kehr nach Europa“ 4 bemerkt in der Regel 
nicht die Folgen der Regierungspläne, 
obwohl sich schon manches tut: Es gibt 
immer häufiger Proteste der Arbeiter und 
vor allem der Bauern 5 gegen diese Wirt¬ 
schaftspolitik. 


Eine weitere Sache, die sich „unsere 
Regierung“ hat einfallen lassen, ist die 
Einrichtung des U.O.P. (einer neuen poli¬ 
tischen Polizei) anstelle des alten Sicher¬ 
heitsdienstes. Sie wollen wie es scheint, 
gleich mit einer Treibjagd auf die Anar¬ 
chisten anfangen: Wir wissen nicht mit 
Bestimmtheit, ob dies die Folge einer 
Man ipulation war »jedenfalls gab es jüngst 
einen Angriff eines angeblichen Anar¬ 
chisten auf die israelische Botschaft. Ir¬ 
gendwer hat da eine Gasgranate hineinge¬ 
worfen. Nach der Verhaftung gab es eine 
Erklärung, daß das ein Protest gegen die 
Verfolgung und Diskriminierung der 
Palästinenser in den besetzten Gebieten 
gewesen sei. (Das war noch vor Beginn 
des Golfknegs). DieGeschichte wurde in 
den Medien zu einer kn Angriff mit der 
Waffe in der Hand aufgeblasen. Aus dem, 
was ich weiß,, folgt, daß der Bursche zur 

sogenannten „Ludowyfrontwyzwolenia“ 

(LFW/Volksfront für die Befreiung) 
gehört (eine Bande von Pseudo-Punks 
und pseudo-politischer „Terroristen“) und 
keinerlei Verbindungen zu den polnischen 
Anarchisten hatte, aber das U.O.P. soll 
sich nun an die Ausforschung der anar¬ 
chistischen Bewegung im Lande machen. 
Nachbemerkung: Die ganze Aktivität der 
LFW ist höchst verdächtig. Ich denke, 
daß cs sich um Provokateure handelt und 
ihre Aktionen vom U.O.P. manipuliert 
werden. Dafür sprechen die Ereignisse in 
Danzig vor einem Jahr, als, nachdem die 
LFW einige Sprcngsätzegclegt hatte, über 
die jeder Punk auf der Straße Bescheid 
wußte, Anarchisten aus der Föderation 
und besonders aktive Pazifisten verhaftet 
wurden und Prozesse bekamen. Das ist 
zwar nun schon Vergangenheit, aberdurch 
die Aktionen solcher - seien es Stroh¬ 
männer des UOP oder Schwachköpfe - 
wird die gesamte anarchistische Bewe¬ 
gung in Polen in große Gefahr gebracht. 

A propos: es gibt jetzt schon drei 
Anarcho-Druckereien in Polen, eine 
Radiostation arbeitet im Untergrund, es 
kommen etwa20Zeitschriftenheraus (die 
interessanteste ist wohl „Mat‘ Parjadka“ 
(russisch: etwa: Mutter der Schlampe), 
und es gibt einen ganzen Haufen Grup¬ 
pen, die zum Teil schon eigene „Büros“ 
haben und Leute ansprechen. In Rzeszöw 
z.B. steht ein Haus, das schwarzrot be¬ 
flaggt ist und wo sich das Büro der dor¬ 
tigen Gruppe der Anarchistischen Föde- 











ration befindet. Dorthin kommen Leute, 
le Auskunft über Ersatzdienst u.ä. wol- 
en: Es passiert etwas, die Bewegung 
e ntwickelt sich... 

2ur Situation in der UdSSR gab es 
Reihe von Aktionen, nicht nur der 
narchisien, vor den Botschaften und den 

Vertretungen der SU. Für uns ist das ein 
na heliegendes Problem, was da in 
^uen geschehen ist, könnte überall 
Passieren; Gorbacev hat schließlich der 
e H sein wahres Gesicht gezeigt: es ist 
geflossen. Was die Lage der UdSSR 
^ n geht, stimme ich Dir zu, daß es wichüge 
Verbindungen zum Golfkrieg gibt. 6 Ich 
enke, daß der Kreml seine Finger in der 
atfesselung dieses Krieges hatte; in sei- 
^em Schatten wollte Gorbacev die Ange¬ 
legenheiten im eigenen Hinterhof in 
r dnung bringen. Er wollte, während die 
Aufmerksamkeit der Welt abgelenkt war, 
lc s * c h erhebenden baltischen Republi- 
Cn aus IÖschen. Ich bin, wie viele von 
uns , °bwohl Anarchist, für die Unabhän¬ 
gigkeit Litauens, Lettlands und Estlands, 
? r ^ cn Verfall des sowjetischen Impe- 
Ich denke, daß es zum Bürgerkrieg 
ommen kann: die zahlreichen von den 
^Kommunisten“ angezettelten (inter¬ 
nationalen Konflikte können zu Käm- 
P °n führen, die dann eine Intervention 
cs Militärs erlauben. Das ist schon des- 
alb eine wichtige Frage für uns, weil wir, 

a s Nachbarn der SU, unmittelbar betrof- 
icn wären. 

V/as den Golfkrieg angeht, damit hat 

!* an s * c b * n Polen nur sehr zurückhaltend 

eschäfligt. Natürlich gab cs einige Anti- 
r * c gs- und antimilitaristischc Demon¬ 
strationen, Happenings usw. vorderUS- 
otschaft, aber im Vergleich zu den anti¬ 
sowjetischen Aktionen nach der Interven- 
p 0n * n Litauen hat sich da nicht viel getan: 
ol en war nicht unmittelbar engagiert 
schickte nur zwei Lazarettschiffe) 
Un d eine müde und vom Fernsehen dumm 
g ch altcneGeselIschaft(CNN - CIA) hatte 
, Clnc allzu große Lust, gegen die ver- 
re chcrische Intervention der US A aufzu- 
s i e hcn. Soweit ich mich erinnere, haben 
a ür die Anarchisten einige Aktionen zu 
! esem Thema gemacht, aber sie trafen 
nic ht auf so große Resonanz in der Be- 
v °lkerung w i c bei Euch. 





Ich mache mit den Warschauern et¬ 
was, das fröhlicher und ersprießlicher ist: 
die Bewegung der sympathischen Anar¬ 
chisten i Ruch sympatycznch anarchi- 
stöw: Happenings, künstlerische Aktio¬ 
nen, Zeitschrift (Symparcholl) und eine 
Menge anderer sympathischer Dinge. Am 
21 3.91 werden wir ein Theaterstück im 
Namen E. Raczkowskis aufführen: „Und 
nun also ist‘s das Leben“, gewidmet den 
Kranken und Leidenden: es wird ein gro¬ 
ßes Kunst-Happening, wir werden den 
Tod erschlagen! 


Anmerkungen 

1 Der Begriff „popiwek“ ist ein Neologis¬ 
mus und als solcher schwer übersetzbar. 
Er hängt einerseits mit dem polnischen 
Wort für Trinkgeld zusammen, bezeich¬ 
net aber eher das Geld, das vom Trinken 
abgezogen wird. 

2 Dies scheint in der Zwischenzeit gesche¬ 
hen zu sein. Der Entwurf sah vor, Abtrei¬ 
bung mit Gefängnis bis zu 25 (S)Jahrenzu 

bestrafen-ausdrücklichem Geschenk für 

den polnischen Papst. 

3 Die Genossenschaftsbewegung hat in 

Polen eine lange Tradition; viele der bis 
heute bestehenden Handelsgenossen¬ 
schaften wurden in der zweiten Republik 
gegründet (1918-1939) und bestanden - 
mit zT. veränderter Funktion auch 

während der NS-Okkupation weiter 

4 D ie These, der „Eiserne Vorhang habe 
die kleineren osteuropäischen Staaten von 

der europäischen Entwickung abgeschnit¬ 
ten und sozusagen m Asien (- Sowje 
union) festgehalten ist seit Jahren eines 
der Hauptargumente der Burgerrechtlcr 
von Kundera bis zur polnischen Exilregie¬ 
rung. Diese These verbindet sich m der 
Regel miteinem Mitteleuropa-Begriff, der 
sichzwarm.E. als internationalistisch unter 

Ausschluß der UdSSR versteht, im Grun¬ 
de aber vor allem den Interessen des ex¬ 
pansionswilligen Kapitals entgegen¬ 
kommt, auch dort woer sicherlich nicht so 

emTgemeint ist. Eine ausführliche Dis¬ 
kussion wäre hier gewiß sehr wichtig, 
kann aber in dieser Anmerkung mehl ein¬ 
mal begonnen werden. 

5 Die polnische Landwirtschaft ist nach wie 
vor von Kleinbauern bestimmt. Die nach 
einer Landreform, in den 50em versuchte 

Zwangskollektivierung scheiterteklaglich. 

auch im stalinistischen Polen blieben gut 

80% des Landes Privatbesitz. 

6 Ich hatte in einem Brief darauf hingewie¬ 
sen, daß die veränderte Weltlage beson¬ 
dere den Wegfall der,.Bedrohung“ durch 

die UdSSR und das Erstarken der EG die 
Entscheidungen Bushs beeinflußt haben 
könnten. Warum dieser Gedanke eines 
Zusammenhangs zwischen dem drohen¬ 
den Zerfall des sowjetischen Imperiums 
und dem Golfkrieg in Polen ganz anders 


KÄOMSTADT 

»Alle Mach» den Sowjets — Keine Macht der Partei« 



Zu eien Hintergründen des 
Kronsladtor Volksaufsland« im März 1 
und seiner Niederschlagung durch die 
Regierung der Sowjetunion 


Kronstadt 
»Alle Macht den Sowjets — 
keine Macht der Partei« 

Broschüre, 60 Seiten, DM 5,- 

1m März 1991 jährt sich zum 70en 
Male der Kronstadter Aufstand 
von 1921. 

Damals erhoben sich die Matrosen 
der »Roten Flotte« gegen die 
»Diktatur des Apparats«, um für 
die Weiterführung der Ziele der 
Oktoberrevolution zu kämpfen. 

In guten Buchläden oder bei: 


Syndikat \ 

Meäenveiirieb < 


\ PLK 01 01 57a 
4130 Moers 1 


aufgegriffen wurde, als er gemeint war, 
erhellt sich aus der Einleitung. 

7 Ruch sympatycznych anarchitöw ent¬ 
spricht, was die Anfangsbuchstaben und 
das verwendete Logo betrifft, dem Ruch 
sp0leczenstwa altematywnego. Eine der 
ersten Aktionen der neuen alten Gruppe 
war, daß man das für den Wahltag ver¬ 
hängte Alkoholverbot brach: „ Ein charak¬ 
teristisches Kennzeichen der Totalitaris¬ 
men ist, daß sie nach vollständiger Kon¬ 
trolle des privaten Lebens des!der Einzel¬ 
nen streben. .. zur Festlegung dessen, was 
man ißt, was man trinkt und wie man sich 
anzieht ... Die Wahlprohibition zeigt uns, 
daß der Totalitarismus nicht mit der 
Kommune unterging sondern direkt an die 
Traditionen der großen Inquisition und 
desArchipelGulag anschließt ... Wir sind 
nicht für Alkoholismus - aber für die 
Freiheit der Wahl ... Heute geben wir 
Euch Bier - morgen greifen wir mit Euch 
nach der Freiheit ." (Auszug aus einem 
Flugblatt des RSA). 







Die Schwarzen Panther 20 Jahre danach 




Veteranlnnen treffen sich in Oakland 






Redaktionstreffen bei der dänischen] 
Zeitung Information. PerPostkommt eine 
Einladung. 

Aus Anlaß der Gründung von The 
Black Panther Party werden alle alten 
Panther ins Hotel Hyatt Regency in Oak¬ 
land eingeladen: 

„Wir sind stolz, weil wir in der gewalt¬ 
tätigsten revolutionären Befreiungsbe¬ 
wegung, welchedie USA gesehen haben, 
teilgenommen und überlebt haben.“ 

Nein, sagt die Chefredakteurin zuerst, 
als sie den Brief sieht: „Wir wollen dich 
nicht noch einmal angeschossen sehen.“ 

Es ist auch inaktuell. In den Zeitungs¬ 
spalten werden die 68er zerrissen. Der 
Bevölkerung drohen Sparperioden und 
neue Freibetragsregelungen. Die Haus¬ 
besetzer praktizieren ihre Version des 
bewaffneten Kampfes. - Der Brief ähnelt 
deshalb beinahe einer Einladung zum 
Studentenjahrgangstreffen. Er ist sogar 


mit Alummi unterschrieben, den „Rev<> 
lutionären des Volkes“, einem Wort, das 
unpräzis auch mit „alte Schüler“ über¬ 
setzt werden kann. 

Wozu ist eine Reise in die Vergangen¬ 
heitnützlich? Der Soziologe Franz Schur¬ 
mann hat formuliert, daß die Linke per¬ 
manent in dem Risiko steht, daß ihre 
Fazination über Utopien in Nostalgie 
umschlägt und daß sie dabei immer die 
Gegenwart übersieht. 


von Jörgen Dragsdahl 


Vor 20 Jahren kauften Huey P. New¬ 
ton, Bobby Seale und einige ihrer Freunde 
aus dem schwarzen Ghetto der califor- 
nischen Stadt Oakland, kurzläufige 
Schrotbüchsen, Revolver, schwarze Ba¬ 
retts und Lederjacken. So ausgerüstet, 
folgten sie den Patrouillen der Polizei. 
Wenn diese anhielten, waren die Panther 
da. Die Beamten waren berüchtigt für ihre 
Brutalität, aber ihre Gelüste wurden durch 
52 


die Überwachung der Panther gezähmt! 

Newton und Seale wandten ein Ver 
fassungsrecht an, als sie sich bewaffne 
ten. In Sacramento, der califomischen 
Hauptstadt, überlegte die gesetzgebende 
Versammlung, wie sie dieses Recht be¬ 
grenzen könnte. Die Panther nahmen — 
bewaffnet - an der Sitzung teil. Am sel¬ 
ben Abend zeigten die TV-Stationen 
überall in den USA furchteinflößende 
Bilder. 

Formell waren ein Jahr zuvor die 
Bürgerrechte für die Schwarzen einge¬ 
führt worden, aber die Bürgerrechts¬ 
märsche gingen weiter und seit 3 Jahren 
brannten amerikanischeGroßstädte. Wenn 
die Ghettos früher Aufruhr gemacht hat¬ 
ten, waren die Leichen in den Straßen 
Schwarze, weil die Bewohner das Feuer 



Photos: aus: Jakob Holl, 1 






er Nationalgardisten, Soldaten und Poli- 
nicht beantworten konnten. Aber 
^ sta nden einige dieser Nigger auf der 
^ re Ppe des Parlaments und sagten, daß 
Y er fassung es auch ihnen erlaube, 
w affen zu tragen! 

g ^°ch es ging nicht nur um Waffen. 
j^ evor diese gekauft wurden, schrieben 
l 0 e 7 n un( t Seale ein Parteiprogramm in 
Punkten, welches neben schwarzer 
a cht über die Zukunft der Schwarzen, 
0 ibeschäftigung, Stop der ökono¬ 
mischen Ausbeutung, ordentliche Woh- 
ng ^ n ; re kvante Ausbildung, Befreiung 
sclT • itär dienst und Amnestie für alle 
de Warzen Männer in Gefängnissen for- 
Unter Punkt 7 forderten sie den 
de ° T nigenSt °PallerPolizeibrutalitätund 
s Ötens von schwarzen Menschen und 
nen ^ Urc ^ e ^ ve ^ ter ausgeführt: „Wir mei- 
ser ^ d * e P°^ ze ibrutalität in un- 
j, ö rer ^hwarzen Gesellschaft stoppen 
2en ^ durc ^ Organisierung von sch war- 
elbstverteidigungsgruppen... Wir 
sich 10 - 11 * ^ a ^ e sc t lwarzen Menschen 
sollte ln<t ^^Verteidigung bewaffnen 

teil Ubcra11 in den US A wurden Partciab- 
C h e ? ngcn 8 c gründet. Die wenig schmei- 
half 11 Cn Ecsckr eibungen der Medien 
p c CI J*die Bevölkerung der Ghettos 
'veifu m War ’ daß a Hcs für sie Gute von 
p a , n Journalisten angegriffen wird. Die 
0r Cr tollten das Lumpenproletariat“ 
Part ^ u * Crcn un< ^ * n vielen S tädten zog die 

satz^ Unc ^ crtcaus dem absoluten Boden- 
Zorn Cr ^ esc H sc l ia f t an, welche ihren 

einer ^ ^ Erustrat i° n den D i cnst 
guten Sache umleiten konnten. 

Öän aS darüber erreichte auch 

ein^ un d traf auf eine Linke, die in 
Di e ^^imperialistischen Phase steckte. 
j ci7t andlCr Paßten gut in dieses Weltbild, 
einon u aUc auch »das andere Amerika“ 
k atll waffneten Freiheitskampf. 1969 
g c j , n Panther nach Dänemark, ein- 
Un d V ° n dcn Link ssozialisten (VS) 
v igth lr * ^ 0m Kcdnerstuhl im Grundt- 
ei ne * n Kopenhagen hieltBobby Seale 
st Ccke *l de * Rhetorik und das an- 

einer ndeEn gagement öffneten Türen zu 
Kl as aCacn Er unterstrich, daß „wir 
kamnp kampf käm pfen - nicht Rassen- 
hi ntc , ’ a ^ er dies verhinderte nicht, daß 
,jci 7 t ^ e * n ^S-Politiker bemerkte, daß 
wird “ SC Warzc Schuhcreme ausverkauft 

ci n? gca lo lud mich nach Oakland 
du 4cnn Cr d * c internationalen Verbin- 
gern d Partc i stärken wollte. Ich wollte 
Us Av C von innen erleben und die 

Nati 0n °i n Unle u. Ich kam im Mai, als die 

a| garde noch die Universitätsstadt 


Berkeley besetzt hielt. Von Gouverneur 
Reagan geschickt. Die Studenten lehnten 
sich gegen Baupläne der Universität an 
einem Platz auf, wo sie einen Volkspark 
(People’s Park) mit Blumen, Schaukeln 
und Gemüse angelegt hatten. 

Die Wirklichkeit war nicht so roman- 

Das Erlebnis war ziemlich ungewöhn¬ 
lich. Ich war der einzige „Weiße“, der an 
der Arbeit der Partei teilnahm. Lebensge- 
fährliche S ituationen brachten den schon 
älteren theoretischen Beg ^ f L” S £ re - 
guerilla“ in unmittelbare Nähe. Drei 
Monate wohnte ich im Hauptquartier, wo 
wir unter den Fenstern Sandsäcke hatten 
und wo Panzerstahl die Scheiben deckte. 

M-I Rifles mit panzerdurchschlagender 
Munition, automatische M-16 Gewehre 
und schwere Revolver und Gasmasken 
lagen bereit. Oft klingelte morgends das 
Telefon mit Berichten von Parteihaupt- 
JSenausan^nTctode^to, 

die im Laufe der Nacht von der Polizei 
gestürmt worden waren. Die Order war, 
Iß das zentrale Hauptquartier bis zum 
letzten Mann verteidigt werden sollte. 

Aber der Alltag bestand aus harter 
Arbeit. Vom frühen Morgen bis spaten 
Abend hielten wir Boykottwache an ei¬ 
nem Supermarkt, der nicht zu einem Pro¬ 
jekt beitragen wollte, in dem wir Schul¬ 
kindern gratis Frühstück gaberUnbra¬ 
tender Sonne wurden wir auf die Straße 
geschickt, um die Parteizeitung zu ver¬ 
kaufen. Es gab immer zehntausende von 
Briefumschlägen, die gepackt und fran¬ 
kiert werden mußten, damit wir ei 
Volksfront gegen Faschismus orgam- 

sieren konnten. Dann ^'“2* 
tischer Unterricht, mit dem Ausgangs 
„unkt im kleinen roten Mao und Lenins 
Schriften. Selten schliefen wir mehr als 

ZWI Mdn Aufcnltalt wurde durch meine 
Verhaftung beendet. Ein Rifi^^^ch- 

ich hätte dem Gericht gegenuber Vemch 

TdSCetspr^en wollte, 
: fe e Är: „Halt den Mund, Es 

Solidaritätsarbeit für die Parte, teil, die 

hier sehr unterstütz.! wurde 

Als Bobby Seale in den USA vor 
r rieht stand, angeklagt wegen Mord, 
fentTto Kopenhagen die größte Denton- 

S«n einen „Freihetaprcs“, den er 

^Vergangenheit Aber plöElich auch 
Gegenwart Eines Abends, Ende Oktober 

(1986; SF) lande ich in Los Angeles, wo 


Anarchismus 

heute 

Positionen 

Herausgegeben von 
Hans-Jürgen Degen 


Verlag Schwarzer Nachtschatten 


184 Seiten DM 18,80 

ANARCHISMUS HEUTE 
Positionen 

Hrsg.: Hans-Jürgen Degen 
Anarchismus ist wieder in das, Blickfeld 
einer größeren, interessierten Öffentlich¬ 
keit gerückt. Fragen nach der historischen 
Tradition, nach der Ideengeschichte, nach 
historischer Wirksamkeit werden gestellt. 
Nicht zuletzt wird die Frage nach der Rele¬ 
vanz des Anarchismus für die heute anste¬ 
henden Probleme in allen Lebensbereichen 
gestellt. 

Der Anarchismus ist kein festgefügtes, star¬ 
res Theoriengebilde. Anarchismus bedeu¬ 
tet ein vielfältiges ideenreiches Spektrum 
mit verschiedenen Strategien für seine 
Durchsetzung, verschiedenen Antworten 
und Lösungsvorschlägen auf Zeitfragen. 
Deshalb können die Beiträge dieses Buches 
auch nur individuelle POSITIONEN zu 
ausgewählten, den Autor/innen wichtigen 
Themen sein. Sie sind nur Ausschnitte der 
derzeitigen libertären Diskussion. 

Inhalt: 

W. Beyer 

Marx und Bakunin in einer Front? 

Zur Aktualität sozialer Revolution. 

U. Timm 

Zum Glück gehts der Freiheit entgegen. 
Libertäre Perspektiven zur Entstaatlichung. 

W. Haug 

Die Umstrukturierung der Arbeit. 

G. Seitz 

Kommunen - die gelebte Anarchie. 

F. Kamann 

Der Beitrag des Anarchafeminismus zur 
Radikalisierung des Feminismus. 

U. Klemm 

, } Verbrannte Pädagogik“ 

Überden aktuellen Zusammenhang 
von Pädagogik und Anarchismus. 

H. Sachs 

Die Grenzen der Schatten. 

Über Kunst und Politik. 

U. Bröckling 

Die Antiquiertheit des Krieges, die Zukunft 
der Soldaten und die Aussichten des Anti¬ 
militarismus. 

H.-J. Degen 

Hat der Anarchismus eine Zukunft? 
Dokumentation 

H. Rüdiger 

Über Proudhon, Syndikalismus und Anar¬ 
chismus. 


VERLAG 

SCHWARZER NACHTSCHATTEN 
Karlheinz Schreieck 
Alte Salzstraße 1, 2320 Bösdorf 1 






mich Masai - nach einem Kriegerstamm 
in Ostafrika - abholt. Als neuemannter 
„Unterrichtsminister“ in der Partei, war er 
dabei, als Bobby Seale Kopenhagen be¬ 
suchte. Neben dem Politischen war er 
auch mit dem Waffentraining in der Partei 
beschäftigt. Heute macht er eine Mecha¬ 
nikerlehre, ist verheiratet, hat 4 Kinder. 

Die Partei wurde von der Polizei 
zerstört und von innen verdorben. Als wir 
damals die Aktivitäten der Polizei, „der 
pigs (Schweine)“ diskutierten, wurden die 
meist Erschrockenen vor Paranoia ge¬ 
warnt. Einiges ahnten wir. In späteren 
Jahren sind Lastwagenladungen voller 
interner Papiere von FBI und lokalen 
Behörden herausgekommen, die einen 
Einsatz enthüllen, der jenseits der wildes¬ 
ten Paranoia liegt. Ein Beispiel: Das FBI 
hatte einen kleinen Trick geplant, der Ma¬ 
sai durch die Hände seiner eigenen Leute 
töten sollte. Man wollte einen Verräter¬ 
bericht halbausfüllen,mitseinem Namen 
unterschreiben. Dann sollte das Papier in 
einem Auto plaziert werden, welchesA/a- 
sai benutzte, aber das auch der Parteichef 
Huey Newton benutzte. Inwieweit dieser 
Plan Realität wurde, wissen wir immer 
noch nicht. Zahlreiche andere wurden 
konkretisiert. 

Andererseits war Huey Newton wirk¬ 
lich paranoid. Schlimmer noch: er sah in 
der Mafia ein Vorbild und entwickelte 
eine Gruppe sogenannter,Leibwächter“, 
die auf kriminelle Weise Geld beschaff¬ 
ten und Newtons Dschungelgesetz in der 
Partei durchführten. Er stellte sich vor, 
daß alle in der Parteileitung und in den 
unteren Reihen der Partei gegen ihn Ränke 
schmiedeten. 

Diejenigen, die mehr Glück hatten, 
wurden aus der Partei ausgestossen. Masai 
wurde z.B. wegen Aufsässigkeit ange¬ 
klagt, von der Leitung verurteilt und von 
5 (während die anderen zusahen) Leib¬ 
wächtern bestraft, die er selbst trainiert 
hatte. Im schwarzen Slang gibt es einen 
Ausdruck dafür, wenn man wirklich ver¬ 
prügelt wird - man wird „mudholed“. In 
der Partei wurdedas buchstäblich genom¬ 
men. Masai wurde durchgepriigelt und 
danach einige Stunden lang in ein 2 m 
tiefes Schlammloch geworfen, wo ihm 
das Wasser bis zum Hals stand. Nach 3 
Wochen im Bett fand er immerhin zu 
einer Beweglichkeit zurück, um auf die 
Straße geschickt zu werden, um Zeitun¬ 
gen zu verkaufen. Als gemeines Partei¬ 
mitglied. Nach einigen Monaten sah er 
ein, daß die Partei weder das Volk auf 
ihrer Seite hatte, noch den Idealen eines 
revolutionären Sozialismus entsprach. 

• Und nach ein paar Jahren, in denen er 


täglich eine billige Flasche Whisky ge¬ 
trunken hatte, hatte er genug Erlebnisse 
hinter sich und den Abstand gewonnen, 
daß er sich einen Job suchen und politisch 
wieder aktiv werden konnte. Er begann 
gleichzeitig Karate zu traineren, als ob 
sein Leben davon abhinge. Was es auch 
tat. Er konnte nie wissen, wann Huey oder 
die Polizei eine alte Rechnung begleichen 
wollten. 

Auch über dem „Veteranentreffen“ in 
Oakland hing diese Drohung. Was ist mit 
Huey? Sollte der Parteistifter eingeladen 
werden? Würde er mit „Leibwächtern“ 
kommen, - selbst dann, wenn man ihn 
bat, wegzubleiben? 

Masai war mit dem Problem ziemlich 
beschäftigt Die Partei war vor 3 Jahren 
(1983, SF) aufgelöst worden, nachdem 
sie während mehrerer Jahre vor sich hin 
gekränkelt hatte. Die Initiative zum Fest 
kam von ehemaligen Parteimitgliedern. 
Unterwegs im Auto erzählte mir Masai, 
daß einige von denen, die gegen Ende in 
die Partei kamen, nicht verstanden, wie 
traumatisch die Anhängerschaft an die 
Partei für viele gewesen.ist. Diese letzten 
Mitglieder glaubten noch an einige My¬ 
then, in den Hueys Stern strahlt und woll¬ 
ten ihn dabei haben. 

Das Treffen war auch durch ein ver¬ 
breitetes Schamgefühl bedroht. Viele, die 
eingeladen wurden, antworteten: Ja, aber 
ich wurde doch rausgeschmissen.“ Als 
Antworterhieltensie:„WirwurdenjaalIe 
rausgeschmissen“. Aber die Antwort 
konnte nicht alle Wunden heilen. Huey 
war nicht der einzige aus leitenden Posi¬ 
tionen, zu dem viele mit gutem Grund 
Bitterkeit empfanden. Viele schämten sich 
noch darüber, daß sie für den Kampf nicht 
als würdig genug befunden wurden und 
gaben allen Möglichen die Schuld. Einige 
schämten sich, weil sie nicht in einem 
Kampf starben, der so große Opfer ge¬ 
fordert hatte. 

Masai selbst war bereit. Zusammen 
mit anderen aus der Partei, arbeitete er an 
einer Analyse der Aktivitäten der Partei - 
ihrer Fehler und Beiträge. Er ist sehr gut 
trainiert. „Ich bin ein alter Mann -aber ein 
gefährlicher alter Mann“, sagt er. 

Nach 9 Stunden Fahrt nähern wir uns 
Oakland. Unterwegs diskutieren wir viel 
darüber, was die Jahre bedeuteten. Ich 
meinte, daß die historische Partei der 
Pantherpartei für Skandinavien darin lag, 
daß das Mitleid, inspiriert von Martin 
Luther King und Onkel Toms Hütte, das 
viele für die amerikanischen Neger hat¬ 
ten, ersetzt wurde durch Respekt. Masai 
sagte, daß die Partei breiten Kreisen eine 
neue Identität gegeben hatte. Man war 


nicht mehr „Neger“ mit allem, was dieses 
Wort an Demütigungen enthält, man 
wurde „Schwarzer“, also stolz und mili¬ 
tant. 

Es warZeitfüreinpaarStundenSchlaf 
bei einigen Freunden. Sie wohnen schön. 
In einem neuen Haus mit Garten in einem 
schwarzen Mittelklasseviertel. Wir be¬ 
merken, daß angesichts unserer Invasion 
jetzt in der Nachbarschaft der gute Ruf 
flöten gehen wird. 

In 20 Jahren ist viel passiert. Nicht 
alles ist Fortschritt. Die zwölfjährige 
Tochter des Hauses kommt zum Früh¬ 
stück mitkrass rotem Lippenstift. Ihr Haar 
ist nach der neuesten Mode geordnet, die 
verlangt, daß ihre natürlich gekrausten 
Haare in einem schmerzvollen Prozeß 
geglättet werden. Nach jedem Bissen 
wischt sie sich den Mund mit einer Ser¬ 
viette ab. Die untätige Hand ist affektiert 
gespreizt. Und dann kleidet sie sich um: 
Zieht die Uniform von Burger King an 
und wird zur Arbeit gefahren. Danach 
spiele ich mit der vierjährigen Chari, die 
die Sonne meidet, weil sie „so schwarz“ 
würde, belehrt sie mich altklug. 

Hyatt Regency, wo das Fest stattfin¬ 
den soll, ist ein Luxushotel im Zentrum 
von Oakland. Vielleicht entspricht die 
Wahl des Lokals nicht ganz dem Geist 
von damals. Aber der Vorteil ist klar: die 
Polizei wird an, diesem Ort kaum mit 
aufflammenden Gewehren auftauchen. 

Wir kommen an. Masais ganze Fami¬ 
lie ist dabei. Ester , seine Frau, bittet mich 
die „Windeltüte“ zu tragen. Ich nehme sie 
mit 2 Fingern und die „Windeltüte“ fällt 
schwer auf den Boden des Autos - mit 
einem metallischen Laut. Alles ist klar. 

Drinnen serviert ein Diener im Smo¬ 
king Drinks und wir schauen uns an bis 
die Reden beginnen. Die ,JEinladenden“ 
haben zögernd einen mi^limischen Wach¬ 
dienst zur „Sicherheit“ bestellt. 3 junge 
Männer stehen da, mit dem Rücken zur 
Wand in grünen Jacken und mit einer 
flotten Plakette auf der Brusttasche. Sie 
sehen aus, als würden sie jeden Augen¬ 
blick vor Schrecken in die Hosen pissen. 

Wir reden. Die Stimmung ist genauso 
steif, wie ich sie mir bei einem studen¬ 
tischen Jahrgangstreffen vorstelle. Alle 
sind besonders nobel gekleidet. Ich er¬ 
wähne, daß es meine Leser enttäuschen 
wird, daß hier keine FBI-Leute in leicht 
erkennbaren Jacken, oder in der vorneh¬ 
men Lobby mit Kameras hinter Säulen 
versteckt sind. Und einer antwortet, daß 
die sich sehr wohl in der Versammlung 
befinden können. 

Für mich wird die Stimmung besser 
als Poison kommt Er ähnelt immer noch 


54 













^nem der „brothers off the block“, die in 
Ie Barte * gingen und damit ein Dasein 
fließen, das von Narkotika, 
agabundieren und Kriminalität geprägt 
^ ar * Faktisch ist er jemandem ähnlich, 
er bis vor einigen Stunden noch in einem 
n terhof hinter einigen Kartons wohnte, 
p. 11 se ^ nem ganzen Eigentum in einem 
hlnk aufswagen verstaut. Er lebt 
tatsächlich so. Aber er ist gewaschen 

Worden und er hat frische Kleidung an- 
gezogen. 

frgendwann in den 70em erhielt/Vu- 
eine Gefängnisstrafe wegen Totschlag 
p D als er entlassen wurde, gab’s keine 
ariei mehr. Die Jahre seitdem haben hart 
aj 1 seinem Gehirn gezehrt, aber an die 
a ten Tage erinnert er sich messerscharf. 
, eine Umarmung ist unmittelbar und 
. 0mrT| t von Innen. Wir sind beide wieder 
lm Jahr 1969. 

Später resümmiert Ericka Huggins 
lesen Tag und drückt aus, was einige von 
ns aus Schamhaftigkeit nicht ausge¬ 
fallen hätten: „In den Raum wareine 
en ge Liebe. Das ist es, was uns zu sam¬ 
engeführt hat. Die Leute verstanden das 
y lc 1 * n den 60em. Da waren hunderte 
onuns und wohin wir auch gingen hatten 
a g lr e * ne Familie. Wir lebten zusammen. 
Und 112Usammen un( J schliefen zusammen 
w et ^as von dem kam zu mir zurück, 
Cl wir einander so nahe waren.“ 

ten war eine der wenigen bekann- 

Leiterinnen der Partei, die kamen. 
_ ae y Uewton blieb -nach Aufforderung 
^ würden genug Leute da sein, 
e Botschaft, die ernsthafte ge- 

Gn S T iße Widersprüche hätten. Kein 
n also, daß derjenige, gegen den fast 
die r W3S auch käme. Wir fanden 
wi h CITlc ^ nsc ^ a ^t wieder, weil das, was 
Z& a ^ en ’ so slaf k war und weil alle in die 
hJl 2urück re isten, was wohl die „Weis- 
Cr Erfahrung“ genannt wird, 
men Qnta ^ ta ze igte in seinem Willkom- 
^. Sgrug einige Grundprinzipien auf: 
p r lr ^ acklen kollektiv, Männer und 
klanM ^ rS Land verteilt. Kein 
kan CS k nternekm en, wenn wir den ameri- 
grunH C,en ^dividualismus als Hinter¬ 
st^ 0 ln Bc tracht ziehen.“ Und er kon- 
wir Crle: » Wi r gingen in die Partei, weil 
2ici° ln ^ Crkzeu ß wünschten, das die 
Ein^ ZUr Wirklichkeit machen konnte. 
einirf 0 habcn ein Werkzeug gefunden, 
ni 0 u SUcllen n °ch immer. Aber wir haben 

i aUfge 2ebcn.“ 

p ar bcschric b den Hintergrund der 
sen J : ,£S warkcin Zufall, daß wirGenos- 
E s w Ur d en -Das beschlossen wir bewußt. 
) 1U[1 (, arcn Genossen, die sich vor einigen 
Crt ^hren im ersten Sklavenaufstand 


zusammenschlossen. Sie wurden aufrüh¬ 
rerische Nigger genannt, aber sie waren 
Genossen. Viele von uns waren über 400 
Jahre lang darin Weltmeister, unsere 
Unterdrücker zu lieben. Aber als wir die 
60er Jahre erreicht hatten, hatten wir ge¬ 
lernt, daß diese Liebe für die Unterdrücker 

nicht viel bedeutet.“ 

Ericka Huggins, deren Mann John 
Huggins, von einer schwarzen, rassi¬ 
stischen Gruppe, inspiriert dazu durch das 
FBI, ermordet worden war, hielt die Rede 
für unsere gefallenen Genossen. S ie über¬ 
deckte nichts und fiel auch nicht ui die 
Grube, in der nur falscher Heroismus 
sichtbar wird. „Wir opferten unsere Le¬ 
ben aus so vielen guten aber auch aus 

falschen Gründen -versteht ihr? 

Wir verstanden. In der offiziellen 
Parteimythologie wurden 27 Panther von 
den pigs“ getötet. Doch es waren sehr 
viel mehr, ohne daß ihre Namen jemals in 
der Parteizeitung gedruckt worden wa¬ 
ren. Z.B. weil eine Aktion meht der Parte 
zugeschrieben werden durfte. Als Masai 
1973 die Partei verließ, wußte er von 52, 
die tot waren. Und es starben auch nicht 
alle durch die Kugeln der „pigs • 
junge Frau starb, als sie nach Tagen ohne 
Schlaf mit harter Arbeit für die Partei 
erschöpft zusammenbrach. Einer wur 
von seiner Frau getötet. Sam ^ 
gefoltert und verbranntals sich eineFrak- 

Uon abspalte». Es w«n 

getötet wurden, weil sie alberne Dieb 

geschah unter Umständen, wo Meuchel¬ 
mord die einzige korrekte Bezeichnung 

iSt ' Vielleicht hört es sich für Außen¬ 
stehende absurd an, aber es wirkte richtig, 
Tsricka hervorhob, daß die Genossen 
nichttot sind. Sie leben weiter-m uns und 

den Jrtif einem Tisch vor uns hatte sie 2 
lange Bretter gelegt und in der Mttte em 
Bukett Blumen plaziert. Auf die Brette 
«elite^sie Kerzen. Sie las die Namen der 
Gefallenen und ihre Tochter aus der Ehe 
it John Huggins zündete eine Kerze ur 
jede^Namen an. Als sie mit den Naroen 
fStig war, blieben einige unangezundete 
Sen übrig. Diese wurden zum Geden- 
K n„ «mrezündet, dienichtanwesend 

SÄ 

St Sw»«* aufuDSere 

Fehler zurück und die «ielen rthmmdn 

Dinge die passierten: „Emes Tag . 
fohn und ich im Bett lagen und Maos 
ideines Rotes lasen - das war so etwas, 
Z wir zu unserem Vergnügen tat™ - 


sagte er zu mir: »Kannst du nicht sehen, 
daß, wenn man eine Revolution machen 
will, sie zuerst in sich selbst machen muß. * 
Und sie setzte hinzu:„Eine Menge eigene 
Reflektion ist notwendig, bevor wir es 
wieder machen. Und es wird wieder 
gemacht!“ 

Viele konnten nicht dabei sein, weil 
sie noch im Gefängnis sind. Die Lobrede 
auf die politischen Gefangenen hieltßruce 
Williams. Als er und andere eingesperrt 
wurden, ging der Kampf hinter den Mau¬ 
ern weiter. Williams zog auf diese Weise 
10 neue S trafsachen auf sich. „Und als wir 
rauskamen, war da keine Black Panther 
Party mehr - so, wie wir sie kannten.. Da 
war keine Richtung. Keine Gemeinschaft. 
Die einzigen, die an uns dachten, waren 
die Polizisten.“ Im Verlauf des Nach¬ 
mittags deuteten Viele auf den Verlust 
hin, den sie erlitten, als die Partei für sie 
aufhörte zu existieren - zu den verschie¬ 
densten Zeitpunkten. Alle fühlten, daß sie 
immer noch Panther waren.... 

Auf einigen Straßenlaternen mitten in 
Oakland ist ein Plakat angebracht, das 
dazu auffordert, weiße Polizisten aus der 
schwarzen Gesellschaft zu entfernen. Es 
ist vom Wind und Wetter hart mitgenom¬ 
men, aber der Text ist noch lesbar. „Get 
the Honkie Pigs out of our Community.“ 
Weiter unten: „All Power to the People“. 

Sprachforscher mit dem Spezialfeld 
„revolutionäre, schwarze Rhetorik“ wür¬ 
den sogleich bemerken, daß das Plakat 
vom jahrelangen Kampf der schwarzen 
Panther gegen die „pigs“ inspiriert wurde. 
Es waren die Panther, die „Alle Macht 
dem Volke“ zu einem verbreiteten Schlag¬ 
wort machten. Aber „Honkie“ ist ein 
Schimpfwort gegen Weiße mit einem 
rassistischen Klang, welches die Panther 
nur in der allerersten Phase an wendeten. 
Das Plakat aber ist ein Zeichen dafür, daß 
die Partei Spuren hinterlassen hat. Einige 
machen immer noch Widerstand. 

Ich folge der Spur zur Organisation, 
welche das Plakat geklebt hatte. Sie hat 
ein Lokal in einem eingegangenen Ge¬ 
schäft, das Fenster wird von einem alten 
Bild dominiert* der kleine Bobby Hutton. 
Er wurde Anfang 1968 während eines 
Kampfes zwischen Panthern und Polizei 
getötet. Drinnen hatten sich ein Dutzend 
junge schwarze Männer und Frauen ver¬ 
sammelt. Sie sind nicht gerade mitteil¬ 
sam. Zum ersten sind sie zornig über das 
Treffen der alten Panther am Tag zuvor, 
über das sie in der Zeitung lasen: „Warum 
habt ihr nicht the community eingeladen“, 
dabei gebrauchen sie das Wort so, daß es 
ganz klar ist, daß es beinahe unsere Fami- 



lie ist, die wir vergessen haben. Und 
außerdem sind sieganzeinfach nichtdaran 
interessiert, mit einem weißen Journa¬ 
listen zu reden. 

Ein Plakat mit verdrängtem Erbe ist 
nicht gerade ein prächtiges Erinnerungs¬ 
stück und der Besucher kann ansonsten 
rasch vergessen, daß Oakland ca. 10 Jahre 
lang ein Kampfplatz war. Das Zentrum 
von Oakland wird vom luxuriösen Hyatt 
Regency Hotel beherrscht; die Bagger- 
Aktivität zeigt, daß es genug Investitio¬ 
nen gibt. Alte, verfallende Häuser aus 
dem Ghetto sind an die äußere Peripherie 
des Zentrum gerückt, wo sie für Yuppies 
instand gesetzt werden, die die ursprüng¬ 
lichen architektonischen Qualitäten schä¬ 
tzen werden. Draußen am Hafen liegen 
vornehme Restaurants, in denen zumeist 
gutgekleidete Schwarze verkehren, die 
augenscheinlich genug Geld haben. So 
denkt man für sich: viel ist doch passiert 
seit den 60er Jahren. 

Dann die Schlagzeile der „Oakland 
Tribüne“ auf der ersten Seite: .Eine Unter¬ 
suchung zeigt: Hungersnot in Oakland!“ 
Der Artikel informiert, daß für 30% der 
340.000 Einwohner Hunger ein „chro¬ 
nischer Zustand“ ist. Die Unterstützung 
der Sozialbüros zum Kauf von Essen reicht 
nicht aus und die Behörden haben ent¬ 
deckt, daß die geschwächten Alten nicht 
in die Geschäfte gehen können. Der Bür¬ 
germeister meint: „Ich Wußte, daß wir 
eine Menge Menschen in Not hatten, aber 
ich war wirklich schockiert über die 
Anzahl.“ 

Der Hunger war die Ursache, daß die 
Panther gratis Frühstück an Schulkinder 
servierten und zehntausende von Einkaufs¬ 
tüten mit Essen verteilten-finanziert von 
Geschäften aus den schwarzen Wohn¬ 
vierteln, auf welche ein wenig Druck 
ausgeübt wurde. Wohlfahrtsorganisa¬ 
tionen bereiten jetzt hunderttausende von 
Gratismahlzeiten her, das ganze Jahr über, 
aber sie können den Bedarf nicht decken 
und die Kürzungen in der Unterstützung 
durch die Regierung treffen hart. 

Die Polizei hat sich seit den 70er Jah¬ 
ren verändert. Heute sieht man viele 
schwarze Polizisten. Ungefähr die Hälfte. 
Die Statistik von 1967 zeigt, daß damals 
nur 4% Schwarze bei der Polizei waren. 
Die Panther waren zu einem hohen Grad 
die Ursache, daß die Rekrutierung verän¬ 
dert wurde. Aber die Statistik zeigt auch, 
daß die Polizisten heute ihre Waffen sehr 
viel häufiger mit tödlichem Ausgang 
benutzen. Im Jahrzehnt 1969-1979, als 
die Präsenz der Panther zu mehr Vorsicht 
bei derPoiizei zwang, tötete die Polizei in 
Oakland „nur“ 25 Personen. Seither hat 


sie jährlich 5 getötet Und im Büro des 
schwarzen, progressiven Kongreß-Mit¬ 
glieds Ron Dellum zeigt der Assistent 
S tapel von Klagen über die Pol izei, welche 
die Behauptung untermauern: „Tägliche 
Übergriffe sind heute sehr viel häufiger 
als je zuvor.“ 

Doch Oakland hat eine schwarzen 
Bürgermeister bekommen, Lionel Wil¬ 
son. Das ist ein Bruch mit der Vorzeit, in 
der eine kleine Clique von reichen, weißen 
Männern allein herrschten. Wilson ist 
beinahe überschwenglich in seinem Lob 
für die Panther Party. „Sie erreichte es, 
daß einige der sogenannten Leiter der 
Stadt sich mehr mit den Verhältnissen der 
schwarzen Menschen beschäftigten und- 
faküsch aus Furcht vor den Panthern - 
begann eine Menge Gutes zu passieren.“ 

1973 wurde der Vorsitzende der Par¬ 
tei, Bobby Seale, in Oakland beinahe zum 
Bürgermeister gewählt. Erbekam 43.719 
Stimmen und der Sieg des damals amtie¬ 
renden Bürgermeisters war hauchdünn. 
Die Panther erreichten es, daß Schichten 
der schwarzen Bevölkerung, die nie vor¬ 
her zur Wahl gegangen waren, sich regi¬ 
strierten und abstimmten. Aber die tradi¬ 
tionellen Machthaber sicherten mit ihrem 
Geld und einer Schreckenskampagne den 
Sieg des weißen Bürgermeisters. 

Dieser Wahlkampf war allerdings eine 
klare Botschaft an die Machthaber und 
frühzeitig wurde der geachtete schwarze 
Richter Lionel Wilson 1977 gebeten, zu 
kandidieren und er erhielt 42.640 Stim¬ 
men - weniger als Seale 4 Jahre zuvor, 
aber sie reichten diemal zum Sieg. Gegen 
die gesamte Front der Elite hatte der 
Gegenkandidat keine Chance. 

Wilson verheimlicht nicht, wer ihn 
zuerst wählte und auch nicht, daß die 
Panther die Ursache waren. Als die Partei 
eine umfassende Boykottkampagne ge¬ 
gen weiße Supermärkte und andere Ge¬ 
schäfte, die Geld aus der schwarzen 
Gemeinschaft ziehen, aber nie in sie in¬ 
vestieren, ankündigte, „kam Bewegung 
in die weißen Führer“, erinnert sich Wil¬ 
son. Es wurde ein „Komitee für ein neues 
Oakland“ gegründet und dieses Komitee 
sorgte dafür, daß die Stadt mehr Mittel 
aus öffentlichen Kassen erhielt und das 
Erwerbsleben änderte seine Haltung ge¬ 
genüber dem Bedarf der schwarzen Com¬ 
munity. 

Aber, „als die Partei dahinsiechte, 
erlebten wir wieder business as usual“.Er 
lobt die Partei wegen einer Schule, die sie 
errichtete und der Hilfe für Ältere, welche 
von den Panthern zur Bank und zum 
Einkauf eskortiert wurden. Eine neue 
Autobahn, die das Rückgrat der sehr aus¬ 



gestreckten Stadtausmacht, istder Lobby- & 
arbeit zu verdanken, welche die Partei P 
beim damaligen Gouverneur Jerry Brown 
ausübte. Wilson sagt auch, daß es die 
Panther waren, die die Rauschgifthändler 
aus einem besonders geplagten Stadtge- \ 
biet vertrieben. fc 

„Es war ein großer Verlust für Oak- 1 
land, daß die Panther verschwanden“. 1 
Wüson berichtet mit Stolz, wieviel für die r 
Entwicklung in einigen Stadtteilen ge- || 
macht wurde. Wenn das Gespräch auf die * 
Armut in den anderen kommt, beklagt er 
tief, daß die Bevölkerung in diesen so 
unorganisiert ist, daß man sie einfach nicht 
in die Stadtemeuerung einbeziehen kann. 

Die Pantherpartei war ja eben ein Reprä- 


56 











mmmmsrnm 

3iese Schichten, sie hatte ga- 
^ immer einige da waren, mit 
nmengearbeitet werden konn- 

nitalität? Wilson meint, daß 
durch einige wenige Polizi¬ 
st würden, über die das Korps 
md halte, aber die Öffentlich- 
iU ch verstehen, daß es in einer 
pezielle Probleme gibt, daß 
lität sehr hoch ist. Der Beitrag 
Zur Todesrate muß vielleicht 


"SfSÄ“- 

1985 schlossen 1 lOFabriken und *r 

24.000 Arbetopläl«" mt 

• m durchschnittlichen Jahresarbeits 

?T r «Stsplatz von 24.000 Dollar 
1o 2°5 «ehen sich aus den 

IS ^ vierteln zurück - hinausgedrängt 
rTÄundaufderSuchenach 

besagt di.>£ 

de Wlson zieh, mit der Kraft etaes 
W , n ;„nee schwarze, gutausgebd- 
Mag " e nniesan ’weilsie meinen, daß eine 

deteYuppiesan,w MögUch . 

f hW3 X Äe befördert. Die Bau- 

deTannen Viertel haben keinen Bnlluß 

Herauf, wo investiert wird. 


Apathie und Zorn sind das Resultat: 
„Die Änderung von weisserzu schwarzer 
Führung ist wohl die größte Änderung, 
die im letzten Jahrzehnt staugefunden hat“, 
sagt dersch warze Aktivist JacquieCastain. 
„Und das ist ganz einfach keine Ände¬ 
rung. Einiges ist nur schlimmer gewor¬ 
den, weil es mehr Apathie gibt. Die 
Menschen wissen nicht mehr, gegen wen 
sie kämpfen.“ 

Die Wahlbeteiligung zum Stadtratliegt 
im östlichen Oakland, wo 85.000 Men- 
• sehen wohnen, zwischen 10 und 15%. 
Das ist, sagt Castain, eine Anklage. Es 
zeigtdie mangelnde Fähigkeitder schwar¬ 
zen politischen Führung, den Kontakt zu 
halten. 

Einerder lokalen schwarzen Politiker, 
John George, sagt ganz offen, daß „Oak- 
lands Eingeweide“, wie er die armen 
Schwarzen und spanisch Sprechenden 
nennt, einen so enormen Wählerblock 
ausmachen, daß kein Politiker sie orga¬ 
nisieren will, bevor der Betreffende nicht 
sicher sein kann, daß sie zum eigenen 
Vorteil mobilisiert werden können. Bis 
dahin sehen die Politiker sie am liebsten 
passiv und zersplittert. Aber kann die 
Initiative zu einer neuen Organisation von 
unten kommen? Kaum von der Gruppe, 
welche das Plakat an den Lichtmasten 
geklebt hatte. Sie hat einige Symbole 
begriffen, aber nicht viel mehr. Auf eine 
andere Weise gefragt: wosinddiePanther 
und ihre Erfahrungen? 

Seit die Pantherpartei verschwunden 
ist, haben sich einige Journalisten mit 
regelmäßigen Geschichten einen Spaß 
erlaubt, darunter, daß der einst hervor¬ 
ragende Autor und Parteiheld Eldridge 
Cleaver Jesus gefunden hat,Reagan unter¬ 
stützte und sich mit dem Verkauf von 
Hosenmoden versucht, bei denen eine 
Tasche den Penis abdruckt. Der ehema¬ 
lige Parteivorsitzende Bobby Seale taucht 
regelmäßig in den Spalten auf, wenn er 
wiederholt, daß er an einem Kochbuch 
schreibt. Huey Newton wird von den 
weißen Yuppies hofiert, die ihn finan¬ 
zieren und die ein schwarzes revolutio¬ 
näres Alibi in ihrem Kreis brauchen. Das 
paßt gut in den Zynismus der 80er Jahre, 
in denen suggeriert wird, daß die alten 
Revolutionäre von den Segnungen des 
Kapitalismus gekostet haben. 

Die Wirklichkeit ist für die Panther 
ein wenig verwickelter. Der Eindruck des 
Veteranentreffens in Oakland ist, daß alle 
noch an ihren Wunden lecken, die tief 
waren; daß niemand die Ideale aufgege¬ 
ben hat und daß sie sie immer noch prak¬ 
tizieren, wenn auch auf eine recht indivi¬ 
duelle Weise. 


57 





Ericka Huggins, 1986 37 Jahre alt, ist 
heute Mitarbeiterin einer indischen Frau, 
die als Guru für eine landesweite Medi¬ 
tationsbewegung auftritt. V iele Jahre war 
sie Leiterin der Schule der Partei in Oak- 
land, die sehr viel Lob für ihren exempla¬ 
rischen Unterricht eingestrichen hat. 

Wir treffen uns an einem Nachmittag 
im vegetarischen Restaurant der Guru- 
Bewegung, das in Oaklans liegt. „Ich 
meditierte, bevor ich in die Partei ging 
und ich habe nie aufgehört“, erklärt sie. 
„So überlebte ich die Jahre, in denen ich 
gefangen war.“ 

Meditation gibt ihr Kraft „eine Krie¬ 
gerin im Alltag“ zu sein, sagt sie. Sie trifft 
auf ihrem Weg andauernd Menschen in 
Not, für die sie kämpft Mit Stolz spricht 
sie über ihre Tochter Mai, die studiert 
„Unsere Kinder haben eine ganz andere 
Perspektive aufs Leben, als wir sie hatten. 
Sie haben das Selbstvertrauen, für das wir 
kämpften.“ 

Mit Wärme spricht sie von Briefen 
skandinavischer Sympathisanten, als sie 
zusammen mit Bobby Seale einsaß; - 



e alt, ist angeklagt wegen Totschlags an einem 

Mi Frau, angeblichen Verräter (die Sache wurde 

e Medi- fallengelassen). „Ich wunderte mich oft 

ihre war darüber, warum wir soviel Unterstützung 

in Oak- aus Skandinavien erhielten. Aber jetzt 

templa- verstehe ich. Ihr empfindet viel Mit¬ 
hat. menschlichkeit, nicht wahr?“ (Ich ihr sagte 

hmittag ' nicht: hoffentlich kommst du jetzt nicht 
r Guru- hierher!) Sie sieht den Kampf nicht als 

gt. „Ich verloren an. „Es wird wieder passieren, 

tei ging Aber dann muß es besser durchdacht 

lärt sie. werden. Sonst wird sich niemand an- 

snen ich schließen. Die Jüngeren heule sind nicht 

so bereit wie wir es waren, für die Sache 
le Krie- zu sterben.“ 

Sie trifft JoNina Abron, 1986 38 Jahre alt, kam 

chen in spätindieParteiundwareinederLetzten, 

: spricht die sie verließen - eine von jenen, die die 

studiert. Tür abschlossen und das Licht ausknip- 

: andere sten, wie ein älteres Parteimitglied ver- 

j hatten. ächtlich meinte. In jenem Kreis ist es 

■das wir nicht ehrenvoll, daß man bis zum Ende 

ausgehalten hat-die Augen vor allzuviel 
Briefen Unakzeptablem verschlossen. 

, als sie JoNina redigierte die Parteizeitung 

nsaß; - Heute ist sie Mitredakteurin der ausge¬ 

zeichneten Zeitschrift TheBlackScholar, 
*f||gH welche von einem marxistischen Gesichts- 
Uli Punkt die Kultur, Ökonomie und Politik 
der schwarzen Gesellschaft analysiert und 
debattiert. 

JoNina erklärt, daß die kriminellen 
Aspekte der Aktivität des Parteiführers 
JHm Hue y Newton außer einem kleinen Kreis 
um 1,10 herum, dem sie nicht angehörte, 
HB unbekannt blieben. Erst während der 
1H Vorbereitung des Veteranentreffens aus 
Anlaß des 20.Jahrestags der Parteigrün- 
SJ düng, sei sich darüber klar geworden, wie 
tief die Gegensätze der Ex-Mitglieder 
waren. Ein Ziel des Festes, zu dem sie die 
Initiative ergriffen hatte, war es, daß die 
m \ j- eute wieder miteinander reden konnten 
“ gemeinschaftlich eine Analyse der 
Geschichte der Partei entwickelt werden 
kann. 

Mit ihrem neu erworbenen Wissen 
findet sie es passend, daß die ehemals 
oberste Leitung femblieb. „Die Größe der 
r | *3 H 2?, 1 ™Engagement der gemeinen 

I 5jH tischen ^ Nl ? man d hat in anderen poli- 
I I qHu^, Organisationen auc h nur etwas 
■ fjflB hnhches erlebt Also, wenn wir die Partei 
mcht feiern sollen, wer sonst?“ 

JHy . Y*"*'" einem halben Jahr adoptierte sie 

größten T^Vh’ ^ 9 Jahre ist und den 

I ferb acMt^n UbenSinKinderhei men 
I I erbracht hat Unter den vielen Proble 

men der schwarzen Gesellschaft sind die 
ressiert, die über das Kleinkindstadium 


hinausgewachsen sind und „progressive 
Schwarze 44 haben lange darauf hingewie¬ 
sen, daß auf diesem Gebiet große Aufga¬ 
ben für Paare warten, die dazu imstande 
sind. Das Mädchen wurde physisch und 
psychisch mißhandelt. Die neue Eltem- 
rolle erfordert von JoNina einen großen 
Einsatz, sonst ist sie allein. Ihr Erleben 
des Kindes steht dem Verhältnis von 
Ericka zu ihrer Tochter entgegen. „Sie hat 
nicht dieselbe Auffassung davon, wer wir 
sind, wie ich es habe. Sie will kaum mit 
anderen schwarzen Kindern spielen, weil 
sie immer mit ihnen im Kinderheim im 
Streit war. Aber es wird besser. Wir sahen 
im Fernsehen die Feierlichkeiten aus 
Anlaß des Jahrestages der Unabhängig' 
keit. Es wurden nur weiße, patriotische 
Lieder gesungen, aber hinterher spielte 
ich für sie das schwarze Nationallied. Wir 
sangen es gemeinsam und ich erklärte ihr, 
was es bedeutet" 

Vermutlich hatkein Parteimitglied die 
Vorzeit mehr bearbeitet* als Masai , der 
ehemalige Unterrichtsminister der Partei. 
1986 ist er 45 Jahre, verheiratet mit einer 
Frau philippinischer Abstammung; sie 
haben 4 Kinder im Alter von 2-15 Jahren. 
Diese werden sehr streng erzogen. Es 
wurde nicht mit Ohrfeigen gespart, weil 
Masai aus seinem eigenen Leben zu wis¬ 
sen meint, daß nur die Tüchtigsten im 
Ghetto überleben: „sie müssen lernen, es 
auszuhalten." Sie sollen auch lernen sic 
zu wehren. Der Achtjährige Eduardo hat 
drei Jahre mit seinem Vater gemeinsam 
Karate gelernt und zeigt stolz eine Reihe 
von Trophäen. Rob ist 5 Jahre und hat se 1 
2 Jahren das Training mitgemacht. Und es 
ist das erste Mal, daß ich erlebe, daß em 
Zweijähriger auf einem Schoß sitzt un 
plappert: „Kick, push, punch - wham. 

Eines späten Abends öffnen wir ein 
Flasche zollfreien Cognacs und starte 
das Tonbandgerät: u 

„Die Leute kamen zum Fest na 
Oakland mit einer Menge unverdau 
Scheiße im Kopf. Als man die P 
verließ, waren alle jene, mit denen m 
kommuniziert hatte, plötzlich nicht m 
erreichbar. Menschen hatten ihi* ^ 

geopfert Unddann plötzlich: nichts. ^ 

verstanden damals nicht die Breite 
Tiefe der Opfer. Die meisten ^ men ^ an 
ten aus ihrer eigenen Stadt heraus. ^ 
war Internationalist, wenn man von 
land über die Brücke nach San Fran ^ 
fuhr. Aber ich reiste überall hin un ^ 
all gab es Aufopferung undEngag e ^ _ 
Das hatte nichts mit Intellig en2 ^ s war 
oder mit klarer Zielsetzung. 

Aufopferung und Engagement f( j e r 

konnte das zerstören. Niemand a a g C - 
Führung. Die pigs konnten das 












MV' 


Übersetzt von Jürgen Wierzoch 
aus der dänischen Tageszeitung 
Information vom 19. und 20.12. 


m ^nt nur verstärken. Darum bin ich so 
W ütend.-Ni ema i s S indin denUSA gleich- 
Zeitl g so politische Gegensätze ent- 
^nden. Als 1965 Soldaten bei Da Nang 
letnam ) an Land gingen, gab es nie- 
^d, der zu ihnen sagen konnte: warum 
am P fst du für den weißen Mann? 

Aber als wir hier zuhause zum Ge- 
e r griffen, war es nicht notwendig, daß 
1x1116 wußten, wer General Giap war. 
A oer alle wußten, daß sie (die Vietname- 
unsere Alliierten waren. Ich glaube, 
a Amerika niemals zuvor mit einer so 
wunderlichen Sammlung von Soldaten in 
°u Krieg gezogen ist. Es waren Leute, 
t le In der ersten Phase des Studentenpro- 
C sts oder der Bürgerrechtsbewegung teil- 
8 kommen hatten. Der größte Teil der 


Ein pig fragte mich einmal: Warum 
macht ihr weiter? Jedesmal, wenn ihr mit 
uns in eine Schweinerei geratet, verliert 
ihr, warum gebt ihr nicht auf? Wegen 
solcher Drecksäue wie euch, geh ich 4,5 
mal in der Woche auf die Schießbahn und 
verbrauche Massen an Munition. - Da 
verstand ich, daß das Arschloch wirklich 
besorgt war. Wir hatten kaum Zeit zum 
Training. Wir reagierten nur. Wir s fS tet *' 
Fuck you! We ain’t taking this shit no 
more! Da wurden wir frei. Der weiße 

Mann sagte: Hörtauf oder wirtoteneuch^ 

Und wir sagten: Tötet uns, uns macht s 

nichts aus. . _ f „, ir 

Wir gewannen nie einen Kampf, wir 
zogen uns nie zurück, wir ergaben pns 


raen Soldaten wußte, daß sie zu- L>aru ... t W urden. Sie nahm 
einfach nicht zur Wahl pehenkonn- Leitung SO u führte sich 


^^Hfechnichtzur'Wahl gehen konn- 
Zürnen nach Hause in ein Land, in 
SiäH eS * lun ^ ertß von Aufständen in den 

n' - ® e ® e * )en haUe * Man konnte ^ ie 
lc t für Freiheit und Demokratie in den 

^ ar npf schicken - und ihnen dann Frei- 

Unc * Demokratie hier zuhause verwei¬ 
gern. 

D Bürgerrechtsbewegung hatte ein 
ji y c olo 8lsches Klima geschaffen, näm- 

^ a ß w lr uns nicht länger unterwerfen 

So ° Düs war entscheidend. Das war 
c j ^^cheidend, daß selbst wenn man in 
Und ^° n ^ rontat i° n mit der Polizei geriet 
s j Ver lor, man doch gesiegt hatte. Wir 
w eil wir Widerstand leisteten. 




Leitung so überrannt wurden. Sie nanm 
dfe Opfef als gegeben hin oder führte sieh 

auf, als seien wir dumm. 

Aber warum akzeptierten so v 
MitgliederDinge, die moralisch undpoli- 

tisch mXfX ^, wen " man v e i 1 e ^ 

Belägerungsmentalität hat. Wenn Viele 

um jeden Preis die Organisationi verte, 
digen wollen, deTvor^den 

Man S 1 "11£ Ubd dann kommen 
eigenen Augen lieg tü fe von 2> 3 

Opportunisten, dhei 

das" Einzige was Menschen verlieren 
E n dl’eigenen Ketten sind, ent¬ 
wickeln steine andere Haltung. Es gibt 

therpanci v Niveau WK j e r. Es 

^ieceUe auchdie mangelnde politische 
spiegelte a widef Das> was 

m 


uns frühere Parteien und Bewegungen 
vererbt hatten, war nicht die Bohne wert. 
Das moralische Niveau der Bürgerrechts¬ 
bewegung war höher als je zuvor, aber sie 
gab uns nichts anderes, als eine Summe 
der geistigen Überzeugungen der Akti¬ 
ven. 

Die Partei hatte das Potential, Höheres 
zu erreichen. Aber aufgrund der Belage¬ 
rungsmentalität und weil die Bewegung 
per definitionem gewalttätig war, wurde 
sie torpediert. Nimmst Du hinzu, daß die 
Führung den größten Teil ihrer tiefgehen¬ 
den analytischen Gedanken unter dem 
Einfluß von Drogen und der Zwangs¬ 
sozialisation von Ex-Strafgefangenen 
vomahm, so waren wir zum Untergang 
verurteilt. 

Aberdas Interessanteste war, daß der 
größte Teil von jenen, die zum Fest nach 
Oakland kamen, immer noch an Prinzi¬ 
pien festhält. Was sie heute auch tun, tun 
sie für das Volk.“ 

Wie verhindert man, daß es nächstes 
Mal nicht wieder schief geht? 

„Wir müssen einiges an unsere Kinder 
weitergeben. Darum arbeiten wir jetzt an 
einer kritischen Analyse jener Jahre. Wenn 
Einige in diesem Prozeß mitmachen wol¬ 
len, so müssen sie ihr eigenes Sünden¬ 
register miteinbeziehen. Wir haben keine 
Zeit für eine Menge von Entschuldi¬ 
gungen. Alle haben Fehler gemacht. Ich 
sage zu meiner Tochter immer, daß Super¬ 
nigger nicht existieren. Wenn sich in ihrer 
Schule ein Typ so aufführt, dann ist viel 
Dreck an ihm. 

Ich habe mit dem Leben von Men¬ 
schen gespielt Ich lehrte Menschen, wie 
sie schiessen sollten, aber ich lehrte nie, 
wann und warum . Die Hälfte von uns 
starb, wie Ericka sagte, aus falschen 
Ursachen. Die marxistischen Prinzipien 
sind gut genug. Das Problem ist nur, daß 
sie ausschließlich in den Reihender Basis 
praktiziert werden. Einige von uns waren 
damals jung; wir brauchten Helden. Näch¬ 
stes Mal kann auf unseren Erfahrungen 
aufgebaut werden.“ 








Ehemaliger 
Pressesprecher der 
Black Panther 1981 zum 
Tode verurteilt 
Wiederaufnahme 
abgelehnt 

Mumia Abu-Jamal von 
Hinrichtung bedroht 


seit21 Jahren mit kurzen Unterbrechungen 
in Isolationshaft sitzt. 

Abu-Jamaf, der Anfang der 70er im 
Rahmen der Repressionsprogramme vom 
FBI im „Agitatoren-dndex“ gespeichert 
wurde, wurde nach der Zerschlagung der 
Panther durch Cointelpro zu einem us- 
weit bekannten Radiojournalisten in Phila¬ 
delphia. Aufgrund seiner kritischen und 
engagierten Berichterstattung wurde er 
auch von der bürgerlichen Presse als 


Observation und Schikanen gegen Abu- 
Jamal. Trotzdem wurde er 1980 zum 
Präsidenten der schwarzen Joumalisten- 
vereinigung in Philadelphia gewählt. 
Philadelphias Polizeikräfte, die für ihre 
rassistische Brutalitätus-weit bekannt sind 
-alleine zwischen 1971 und 1981 wurden 
in der Stadt 300 Männer von Polizisten 
auf offener Straße erschossen, weitere 
700 durch Polizeikugeln verletzt war¬ 
teten nicht lange, um den Befehl des 


von George Büket 

Durch eine Entscheidung des obersten 
Gerichtshofs vom 2,Oktober 1990 ist die 
Möglichkeit der Hinrichtung des schwar¬ 
zen Journalisten und ehemaligen Black 
Panther Mumia Abu-Jamal in bedroh¬ 
liche Nähe gerückt. Mumia Abu-Jamal ist 
der einzige der über 150 politischen Ge¬ 
fangenen in den USA, dessen Leben von 
derTodesstrafe bedroht ist. Sein Fall ist in 
mehrfacher Hinsicht ein Beispiel für die 
brutale staatliche Repression gegen den 
schwarzen Widerstand in den letzten 25 
Jahren. 

Gegen das Todesurteil legten Abu- 
Jamals Anwälte Berufung ein. Diese 
wurde aber mit nur einer Gegenstimme 
und ohne weitere Begründung abgelehnt. 
Abu-Jamal selbst schreibt dazu: „... Vor 
ein paar Stunden habe ich erfahren , daß 
der US Supreme Court meinen Antrag auf 
ein B erufungsverfahtren gestern ab ge- ‘ 
lehnt hat-am ersten Tag nach der Rück¬ 
kehr aus der Sommerpause. Das bedeu¬ 
tet t daß ich an der Schwelle zum Tod stehe 
- wo mich meine Feinde seit Jahren ha¬ 
ben wollten. Es ist kein guter Platz, aber 
noch bin ich hier ." 

Abu-Jamal wuchs in den Ghettos der 
Großstadt Philadelphia auf und radikali- 
sierte sich gegen Ende der 60er Jahre. Mit 
16 Jahren wurde er Informationsminister 
der Panther Party in Philadelphia. 1972 
ging er ins Panther Hauptquartier nach 
Oakland in Kalifornien und arbeitete dort 
bei der Black Panther Zeitung. Zu diesem 
Zeitpunkt waren die Black Panther schon 
lange Zielscheibe des staatlichen Auf¬ 
standsbekämpfungsprogramms namens 
Cointelpro geworden. Im Zeitraum von 
1968 bis 1974 wurden 30 Panther Akti¬ 
visten von Polizisten teils auf offener 
Straße, teils im Schlaf erschossen. Hun¬ 
derte von Panthers und Unterstützer des 
schwarzen Befreiungskmapfes wurden 
mit Hilfe einer rassistischen Justiz in die 
Gefängnisse gebracht. Noch heute wer¬ 
den ca. 30 Black Panther mit lebenslan¬ 
gen Haftstrafen in den Gefängnissen fest¬ 
gehalten, wie z.B. Geronimo Prait, der 



„Stimme der Unterdrückten“ bezeichnet. 

Zur Zielscheibe der staatlichen Repres¬ 
sion wurde Abu-Jamal allerdings nicht 
durch seine Mitgliedschaft bei den Pan¬ 
thers. 1978 belagerte die Polizei in Phila¬ 
delphia ein Haus der militanten Organi¬ 
sation MOVE, die seit 1971 in Philadel¬ 
phias Ghettos alternative und autonome 
Lebensformen durchzusetzen versuchte. 
•MOVE-Mitglieder - überwiegend 
schwarze Frauen und Männer, aber auch 
weiße und Hispanics—lebten in Gemein- 
schaftshäusem, ernährten sich vegetarisch 
und bauten ihre eigenen Nahrungsmittel 
an, weigerten sich, ihre Kinder in die 
staatliche Schule zu schicken und traten 
offensiv für das Recht auf bewaffnete 
Selbstverteidigung gegen rassistische 
Polizeiübergriffe ein. Bei der Belagerung 
des MOVE-Hauses 1978 kam es zu einem 
Schußwechsel, bei dem ein Polizist getö¬ 
tet wurde. Nach der Räumung des Hauses 
wurden 10 MOVE-Mitglieder wegen 
angeblichen „gemeinschaftlichen Poli¬ 
zistenmordes“ zu 30-100 Jahren Gefäng¬ 
nis verurteilt. Abu-Jamal berichtete in 
seinen Reportagen über den Prozeß nicht 
nur die offizielle Version der Gescheh¬ 
nisse, sondern machte auch Interviews 
mit den MOVE-Gefangenen und doku¬ 
mentierte die Folterungen der Polizei an 
den Gefangenen. 

Philadelphias damaliger Bürgermei¬ 
ster, Frank Rizzo, fühlte sich und seine 
Polizeimacht durch Abu-Jamals Bericht¬ 
erstattung derartig bedroht, daß er öffent¬ 
lich ankündigte: „ Diese neue Ausgeburt 
von Journalismus muß um jeden Preis 
beseitigt werden ." 

[Vernichtet werden sollte auch MOVE 
- und aus der Rhetorik des Bürgermei¬ 
sters wurde im Mai 1985 mörderische 
Realität, als Philadelphias Polizei ein 
MO VE-Haus aus der Luft mit Phosphor¬ 
bomben bewarf. Elf Menschen - darunter 
fünf Kinder - starben in dem Flammen- 
infemo. Die einzige erwachsene Überle¬ 
bende, Ramona Africa, -wurde zu sieben 
Jahren Knast wegen „Aufwiegelung zum 
Widerstand“ verurteilt.] 

Philadelphias Polizei intensivierte 
nach der Drohung von Frank Rizzo die 




Bürgermeisters in die Tat umzusetzen. 
Während einer nächtlichen Razzia gegen 
Schwarze mit Dreadlock Haarfrisur wur¬ 
de Abu-Jamals Bruder aufgrund eines 
angeblichen Verkehrsverstoßes festge¬ 
nommen. Abu-Jamaiker zufällig in einem 
Taxi vorbeifuhr, stieg aus, um seinem 
Bruder zu helfen. Abu-Jamals nächste 
Erinnerung ist, daß er mit einer lebens¬ 
gefährlichen Bauchschußverletzung am 
Straßenrand lag. Darüber hinaus lag ein 
toter Polizist auf der Straße. Nach dem die 
Polizisten Abu-Jamals Identität festgestellt 
hatten, stand die offizielle Version fest: 
Nur er konnte den Polizisten umgebracht 
haben. Abu-Jamal und seine Anwälte 
gehen davon aus, daß die Festnahme seines 
Bruders eigentlich schon Mumia selber 
gegolten habe, und daß der Polizist durch 
die Schüsse eines Kollegen getötet wurde. 

Der anschließende Prozeß gegen Abu- 
Jamal wurde vom Richter und Staatsan¬ 
walt in einen Schauprozeß gegen den 
schwarzen Widerstand umgewandelt. Eine 
breite, internationale Solidaritätskam¬ 
pagne mit Abu-Jamal hat dazu geführt, 
daß inzwischen über 30.000 Petitionen 
mit der Forderung nach Abu-Jamals so¬ 
fortiger Freilassung oder zumindest der 
Aufhebung der Todesstrafe gegen ihn 
beim Gouverneur eingegangen sind. Die¬ 
se Kamppagne soll in den nächsten 
Monaten international eskaliert werden, 
um.Abu-Jamals Hinrichtung zu verhin¬ 
dern, indem ausreichender öffentlicher 
Druck auf den Gouverneur ausgeübt 
werden soll. 

Protest-Telegramme und Briefe an: 
Gouverneur Robert Casey, Main Capitol 
Building Room225 , Harrisburg , PA 17120 
USA. 


Quelle: FAKE-Ausgabe des Bremer 
Weserkuriers 



60 









Bücher und Broschüren, die 
en * SF zugesandt wurden 

Staatssicherheit. Die Bekämpfung des 
Hel ISC ^ Cn Fein des im Innern, Hg. von 
A/2 i/ 1 ^ anssen und Michael Schubert, 
feldcp 8 ' Hee P erStrl 32,4800 Biele- 
di e ’ „ ^JtteigentlichnuramRandeum 
akt| , *i| taS * ' Mittelpunkt .stehen die 
sich h ” Und zukünf tigen BRD-Staats- 
Auto e,tS0r 8 ane - Unter den Kapitel und 
Zur finden sich z - B - : Michael Moos: 
Rolfr*^^itdes Landfriedensbruchs, 
ten T Ssner: Marsch in den vcrcinig- 
ThiloW • eiStStaat * F>eutsc * lcr Nation; 
i m ■ . e ‘ c hert: DiepolitischeOpposition 

J anssen^n! ti °" cUcn Würgegriff; Hclmut 
Edith i'^SicherheitsstaatunddieRAF; 

sein» t? “ nnebach: Weckerkauf und 

ne Polgen etc.260 S. 

Ai, a * r ^ rt Read - Kunst, Kultur und 
Zeit 5 '** P°*' t i sc h e Essays wider den 
d en ' st - Diese Ausgabe stellt Read über 
e rstm , Unst ' und Kulturkritiker hinaus 
Politisch ,m deutschen Sprsachraum als 
Ulrich icf 1 * ^ >Cn * cer des Anarchismus vor. 
a^h f- ctTlm ka t neben einer Einleitung 
Und C * n biographisches Nachwort 
gesorm oa au m sführi 'che Bibliographie 
Pp jj CQ'' B MBezug: Trotzdem-Verlag, 

’ 2043 Grafenau-Döffingen. 

M J j'h^ Sen ’ ^oaflikte, Kriege: Golf und 
beriet., ^* ne ^ku m *t Hintcrgrund- 
G 0 lf p° und Analysen zum Krieg am 
Artiv i ndl ^ 1 ne hen dem (gekürzten) 
Beiträ ZUr Kurdenfrage aus SF 1/91 
li Srr , gc zum Islamischen Fundamenta- 
Goin. S ’ ZU den ökologischen Folgen des 
A_ 4 _p legs ’ zu Paläs tina/Israel u.a.. 8 IS, 
V er [ 0rnial * ?DM. Bezug: unrast e.V. 
Querstr.2,4400 Münster. 


Uber Ion 

Wid er vcrsc hiedene Plakate aus dem 
Ue m o„ S T nd abzugeben. Aufrufe zu 
’^anck K ° nzerten - Solidaritätsplakate, 
n ° r ddei r tUngdn “ ; vorw ' e g end aus dem 
Einig e Cben P aum von 1984 bis heute, 
laod. a |J US Dänemark, und dem Basken- 
AntiQ 6 Bere * c he: Konzerte, Antifa, 
AK W ^Nationalismus, Kultur, Anti- 

^ nt ipäiri nil '^AA, Flüchllingspolitik, 

kaiupf ^hat, Hafenstrasse und Häuser- 

Atif ra „„ n 

23()q t.. arl - Hagen Stolz, Sörensenstr.16, 

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view der chilenischen Journalistin Marta 
Hameker mit Joaquin ViUalobos (einer 
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die eine Partei verursacht wenn ste sich 

von dem Volk isoliert und nicht mehr in 
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Inhalt: Der Markt braucht uns / Ohne 
Ausbeutung geht nichts / Der doppelte 
Betrug / Das „Delegierungsprinzip“ / 
Multinationale Konzerne / Banken / 
Ausgewählte Boykottbeispiele. 

Heft im Dina 4-Format, 56 Sv, Bei Bestel¬ 
lungen West 6.-DM, Ost4.-(D)M in Brief¬ 
marken beilegen. Kontakt: B. Böttcher, 
ZerbsterstrS0,fi-3401 Leitzkau. 

Endlich! MOLLI Nummer 4erschienen! 
In eine!- Flut aus Polemik, Infos und Sa¬ 
tiren probt „die Zeitung für Volxfrust“ 
den Aufstand gegen Staat, gesellschaft¬ 
liche Realotät und speziell dEUlScH- 
LANd. Neben dem WIEDERAN¬ 
SCHLUß („ich kann mir mein Vaterland 
allein nur brennend verstellen!“) präsen¬ 
tiert sie Themen wie: Mohawk-Aufstand 
in Canada / Golfkrieg / Soziologe Luh- 
mann und die ökologische Katastrophe / 
Franz Kafka: Aufruf zum Handeln/außer- 
’ jmentarische Wahlanalyse und vieles 

S r. Molli-Probepack gibts für 2,50 in 
fmaricen. Kontakt: Stichwort MOLLI, 
Clo Friedensladen, Schillerstr.28, 6900 
Heidelberg. 




Ainaa im Baskenland. Kämpfen und 
t beb - für eine nationale und soziale 

Selbstbestimmung. TroteRepression und 

c iiAr der Widerstand der Baskinnen i 
u -, verankert: militante Aktionen, 
brClt Imvene Kultur, Feste, Solidarität. 
? m °l Wehe Fahrt -in Hessen auch als 

Büdimgsurlaub anerkannt- 500.-DM vom 

n 22 September 1991. Anmeldung: 

Ml F ™!fur l erS,r«ße50,6300G,es- 
sen,Tel.0641-76228. 


Das 5. Freiburger Videoforum findet 
vom 29.8.-1.9.91 unter dem Pfemfert- 
Motto „Zeit ausschneiden“ in Freiburg 
statt. Wer seine VHS- oder U-matic-Vi¬ 
deos am Wettbewerb beteiligen will, (die 
Produktionen müssen aus den Jahren 1990/ 
91 stammen) muß sie bis zum 1.7.91 an 
die Medienwerkstatt Freiburg, Konrad- 
str.20, 7800 Freiburg geschickt haben. 
Tel. 0761-709757, Fax 0761-701796. 





Aufruf zur erneuten Gegendemonstra¬ 
tion in Wunsiedei im August 1991. „Seit 
letztem August ist viel passiert. Die 
Faschos organisieren sich u.a. in Schläger¬ 
trupps, treten immer öfter offener, mit 
Waffen auf. Nach wie vor werden Asylan- 
tlnnen, Ausländerinnen, Linke, Frauen... 
auf offener Straße angegriffen. DieBedro- 
hung der Asylantlnnen im Osten ist 
momentan so akut, daß diese Menschen 
von ihrem „Zufluchtsort“ flüchten müs¬ 
sen. Zwei Menschen wurden im Winter 
von Neonazis ermordet, Alex aus Göt¬ 
tingen und ein Kurde aus der Gegend um 
Koblenz....Wir finden, Wunsiedei hat 
nicht an Bedeutung verloren, solange die 
,rnili tan te“RechtedortihreInhalte,Propa¬ 
ganda und „Einigkeit“ so offen zur Schau 
stellen kann. 

Wir finden es wichtig, von euch zu hören, 
wie bei euch das Interesse für eine Demo 
in Wunsiedei ausschaut. 


DieNationalismus-Diskussion (SF/DA) 
zieht ihre Kreise. U.a. auch aus Anlaß der 
700-Jahr-Feiern zur Gründung der 
Schweiz, hat das Anarchiv im Libertären 
Zentrum in Basel eine Dokumentation 
Nation & Nationalismus zusammenge¬ 
stellt, die einen Großteil ^nicht alle) der 
Beiträge aus dem SF und der DA doku¬ 
mentiert. Im Vorwort schreiben die Her¬ 
ausgeberinnen u.a.: „Interessant an der 
Lektüre ist der Umstand, daß sich die 
Reaktionen auf Degens Artikel nicht le¬ 
diglich in eine Pro- und Contraseite un¬ 
terteilen lassen. So ist beispielsweise im 
Lager der Kritikerinnen eine Tendenz 
sichtbar, welche zwar ein positives Ver¬ 
hältnis zur deutschen Nation entschieden 
ablehnt, nicht aber des Konzeptes „Na¬ 
tion " wegen, sondern aufgrund der nega¬ 
tiven Einschätzung eines in seiner Exi¬ 
stenz vorausgesetzten „deutschen Natio¬ 
nalcharakters ". Damit wird unhinterfragt 
hingenommen, daß es die „gute Nation " 
zumindest theoretisch gibt. Überdies wird 
die deutsche Nation mit nationalistischen 
Argumenten verworfen. Somit erkennt der/ 
die aufmerksame Leserin eine heimliche 
Allianz zwischenDegen undTeilen seiner 
Kritikerinnen ...." Die Dokumentation ist 
gegen einen 10.-DM Schein zu beziehen 
bei: Anarchiv, c/o Libertäres Zentrum, 
Brombacherstr.33, CH-4057Basel. 

Auch diekommende Ausgabe der 
anarchistischen italienischen Buchzeit¬ 
schrift volonta wird die Kontroverse mit 
den Beiträgen Degens und Haugs in Italien 
vorstellen. Wer sich für diese Zeitschirft 
interessiert Volonta, Editrice A, via 
Rovetta 27,1-20127 Milano. 


Alsfeld, Tel. 06631-2806. 


Anarchistische Anti-Kriegsaktivitäten 
in Italien. Die FAI (Anarchistische Fö¬ 
deration Italiens) gab einen kurzen Über¬ 
blick über anarchistische Aktionen, 
Demonstrationen und den versuchten 
Generalstreik am 22.Februar. Ein Schwer¬ 
punkt der Aktionen lag in Sizilien gegen 
den NATO-Stützpunktbei Sigonella. Dort 
kam es u.a. zu Prozessen und Verurtei¬ 
lungen wegen Totalverweigerung und 
Aufforderung zur Desertion (10 Monate 
Knast für ein Flugblatt!) sowie zu Zusam - 
menstössen mit faschistischen Gruppen. 
Das vollständige englischsprachige Info 
kann beim SF gegen 1,20DM 
(Kopien+Porto) angefordert werden. 
Kontakt: FAI, V. le Monza255,1-20126 
Milano, Tel. 02-2551994 



Der Frankfurter Stadtteilladen (vgl. SF 1/ 
91) hat jetzt einen Namen: Dezentral. 
Jeden Di ab 20 Uhr offener Abend. 
Kontakt: Dezentral, Sandweg 131a, 6000 
Frankfurt-1. 


Für dieÖffentlichkeitsarbeitzu Wunsiedei 

gibt es: 

— eine Ausstellung „Die Männer fürs 
Grobe - der schlagende Arm der 
rechten Bewegung“, 100.-DM 

— eine Broschürezur Ausstellung,44 S., 
ab 10 Ex., 3,50 pro Stück. Adr. siehe 
PLK-Nr. 

— ein Video zu Wunsiedei 90; Archiv 
Video, Rieterstr.5,8500 Nürnberg 

— Veranstaltungsredner, die in andere 
Städte fahren würden. Kontakt: PLK- 
Nr. 050259D, 8500 Nürnberg 



JohannMost Freundeskreis Augsburg: 

„Was aber sollen wir tun? So ruft man 
uns hämisch zu. Sollen wir vielleicht die 
Hände in den Schoß legen und mit 
aufgesperrtem Munde auf den Ausbruch 
der sozialen Revolution lauern ?" 
(Johann Most, 1846-1906) 

Wer Kraft und Liebe hat mehr zu tun, als 
•wie die Hände in den Schoß zu legen, der 
soll sich beim: Stephan Weißenberger 
melden unter der Rufnummer: 0821/ 
595698 oder unter der Nummer: 0821/ 
468991. 


62 








\\ 


Infocafe in Husum eröffnet: „Dai wir 
selbst in Widersprüchen bzw. angepaßt, 
tonsumorientiert, patriarchalisch 

wird der Infoladen uns selber, sowie hof¬ 
fentlich vielen Außenstehenden die 

Chance geben, sich darüber klar zu wer¬ 
den undZusammenhange zu ertomen. ^ 
Öffnungszeiten: Mi und Do, 

U hr So von 12-18 Uhr, im: Husumer 
Speicher (Alternatives Kulturzentrum), 

Hafenstr. 17,2250 Husum. 


Die Erich-Mühsam-Gesellschaft Ber¬ 
lin hat ihre für Mitte April geplante Ver¬ 
anstaltung verschoben. Das Seminar fin¬ 
det vom 20. - 22. 9. in Berlin statt. Als 
Referentlnnen stehen bislang fest Andreas 
Graf, Uli Klan, der auch Lieder vortragen 
wird, Thea A. Struchtemeier, Hubert van 
den Berg. AlsZeitzeuglnnen werden Elisa¬ 
beth Hartwig und Kurt Wafncr erzählen. 
Anmeldungen an:Erich-Mühsam-Gesell- 
schaft, Gebrüder Hart-Haus, Fehrbelli- 
ner Str.7,0-1054 Berlin. 


FAF S. cnkomm * ss ion der französischen 
hat ^^cration Anarchiste Fran?aise) 
dcr aU ^ em ^-Kongreß (Internationale 
Val anarc h>stischen Föderationen) in 
re -. Cnc ' a Im November 1990 die Vorbe- 
Z(1 . un S eines internationalen Treffens 
gen ^ narc hafeminismus vorgeschla- 
y Qr ^c ar FAF stehen drei Ziele im 

^ie theoretische Reaktualisierung des 

_ Anarchafcminismus 

r' C "^-Implantation“ des Anarcha- 
Cni inismus in die feministische Bewe- 
^ gUn 8 

f Entwicklung gemeinsamer Praxis, 
,' c ^' c unterschiedlichen Organisa- 
10 ncn und Herangchenswcisen re- 
q s P c ktiert 

I99 > l^ nt S ' nC * C ' n Wochenendtreffen Ende 
2 c i n ^ n ^ an g 1992 und ein dreitägiges 
I nf agCr in i Sommer 1992. 
r eit riTlal ’ oncn über den Stand der Vorbe- 
Unc * ^ ctc ' 1 igungsVorschläge an: 
7 p p Urs Moires, c/o Thyde Rossel, B.P■ 
I |U. *^370Mons-en-Baroeul 
der f 1 CfSlCr “Ersetzter Diskussionstext 
Frauen aus der FAF 
1 40n\ m ^ vor un d kann bei uns gegen 


modm 

Werden. 


(Kopien +Porto) angefordert 


Auch h- 

findet ' e "* a ' nz ® r Minipressenmesse 

2d t Vom 9.-12.5.91 in einem großen 
V Cr] 3rn Rh einufer statt. Der Trotzdem- 
Vc rtret ^ W * r( * m ‘ l einem Stand dort 
n Cn ! Cn scin - Drei Tage zum Kennenler- 
Schijj Ustausc hen, für Kritik und Vor- 
frciiA ’' • übcr zahlreiche Besucherinnen 
uc n wir un«: 


Materielle und finanzielle Hilfe sucht das 

Projektlnfoladenin^rtesetzten^ton- 

hnuwalke 20 in Ostberlin. DieFAU V 
hat zwei Räume renoviert und sucht nun 
fär dk^Einrichtung des Veranstaltungs¬ 
raums und des Infoladens Sachijdir- 

^So^H^^r.4134147811. 
BLZ120 50000. 

dem 8 - 5 ' bls M heimer selbstverwalte- 
wird es un Mannheimer 

“g en VoS S n»l BmikadCI ''.' V °" 

„Volkstes^ iQ 5} mi[ an . 

rer Republik voa J^ Jj^cnAOS, c/o 

Sch^rzZTzel, Jacob-Binder-Str.10, 

6700 Ludwigshafen. 

. Frich-Mühsam-Gesellschaft Lü 

Die Erich _ 2 g . 5 . ihre zweite 

beck hält vom ■_• Mühsam 

(Freitag), 

r'fwTngWuKSalistag) und Bernd 

GerdW.Jungm v Ein e 

EngelmMn j S Mühsam und die 
Cruppenar Hubcrt v an den 

Prauenfrage e t Im Rahme nprogramm 

Be r d Gregor Hause (Magdeburg) vertonte 
wirdGrego ^ GilarTe vo rtragen. 

Lübeck, Tel. 0451175700 


Erfahrungsaustausch historisch interes¬ 
sierter Anarchismusforscherinnen vom 
14.-16.6. in der Geschichtswerkstatt 
Dortmund. Ziel dieses Treffens soll es 
sein: 

- Herstellung und Vertiefung des Kon¬ 
takts zwischen den in diesem Bereich 
forschenden Personen 

- Austausch über laufende und geplante 
Projekte 

_ Diskussion über die Relevanz der 
Anarchismusforschung (nicht nur im 
Wissenschaftssystem). 

Interessierte Personen sollten sich - auch 
mit ergänzenden Vorschlägen - bis zürn 
8.6.1991 in der Geschichtswerkstatt 
Dortmund, Am Oelpfad 27, 4600 Dort¬ 
mund Hörde schriftlich, oder telefonisch 
bei Andreas Müller (0231-436724) an¬ 
melden. 

Dieter Nelles .Wuppertal, Klaus Webers- 
kirch , Recklinghausen, Andreas Müller 
Dortmund. 






Interview mit p.m. 

Februar / März 1991 


p-m., schweizer Autor von 
bolo bolo, wohl eines der wich¬ 
tigsten Büchern der letzten Jahre. 
Ein utopisches Modell, das sofort 
umsetzbar wäre, wenn wir unser 
ökonomisches Handeln auf ein 
vernünftiges Maß reduzieren wür¬ 
den. Hier wird mit handfesten 
Zahlen gearbeitet und nicht mit 
einem idealisierten Meschenbüd, 
wie es üblicherweise bei Utopien 
der Fall ist Da sich viele Anarchi¬ 
stinnen meistens nur mitden Klas¬ 
sikern auseinandersetzen ist es 
umso wichtiger neue Ideen und 
Modelle unserer jetzigen Situätion 
entgegenzusetzen. Unteranderem 
ist auch das Projekt A von p.nt.’s 
Schrift beeinflußt. ' 

Knobi (AurorA-Verlagsausliefe - 

rung, Berlin) föhrte das kleine 
Gespräch mit p.m. Ende Februar 




knobi: Wie entstand die Idee von 
bolo’bolo? 

p.m.: Ip den Ferien. Das war 1981, nach 
den Zürcher Unruhen, als in der S tadt eine 
Art Katzenjammer herrschte: so viele 
Scheiben eingeschlagen und alles geht 
weiter wie vorher. Für mich selbst habe 
ich eine Liste von Dingen gemacht, die 
ich für wünschbar und richtig hielt, eine 
Art “ideologischer” Bilanz. Aus dieser 
Wunschliste - von individueller Freiheit 
bis Weltfrieden - habe ich dann geordnete 
Kapitelchen gemacht und ihnen Phanta¬ 
sienamen - von ibu bis asa - gegeben. Das 
habe ich als Photokopie verteilt. Dann 
sagte Thomi (* Inhaber des Verlages und 

Buchhandlung “Paranoia City ” in Zürich) 

zu mir. wir machen daraus ein Büchlein 
und wir haben der Sache ginen sektenhaf- 
ten Stil verpasst und es eine Utopie ge¬ 
nannt, aber eigentlich haben andere es 
getan - ich bin der Meinung es ist keine. 


Marxist. Wie kommt ein Marxis 

eine anarchistische” Utopie zue 

fen ? Vor allem eine Utopie die di 
vidual-Anarchistinnengenauso an 
wiedieKoUektivistinnen? 

p.m.: Daniemand mehr Marxist se 

jst es mir gleich, wenn ich einerl 

iJ^' n x" ChldaßdnTeil desV 



rer r Zu u r ™^^ 

rer Gesellschaftsformation zu , 
und sich nicht von Ideologen ei 

^sen zu müssen, brauchbar i 

Marx hätte-wenn er sich dafü 

jert hatte - nur eine “anarcl 
Zukunftsversion entwerfen kö 

gibtdazuem paar Andeutungen 

S“:r m rr^ Ko ' 



Tu eiIed esKommu 

glaube, man könnte jederzeit 

64 


knobi: bolo’bolo ist ja in fünf ^ e ! ,j 6 . 
Sprachen erschienen (»französisch , 1 ^ 

nisch, englisch, portugiesis c ^ 
russisch(sic!), gibtes daeigentlic ^ 

meldungen, z.B. aus Brasilien od 
Sowjetunion? 


olo’bolo fordert niemanden 

Jdungen an mich auf. 1^^ ^ 
rganisation gründen, ru . 

etwas von Freunden, die ic 

ton kannte. Aus der Sowje ^ 

i so Rückmeldungen im * * 

wir schon - reiner Stahnism^ 
Verständnissen muß man 
. In Kalifornien hat es ein 
gegeben. Hernnsg^« . 
;ed World”, die *<»'*„ 
;edruckt haben. In der 

in Siedlungsprojekt von ^ 

i und meine Texte kenne"- 
ichtbehaupten,das sei iej» ^ ^ 
pt glaube ich nicht, oan ßS f 
OPiliAn iitifH sich ^ *# 















urden sie ja ihre kulturelle Identität nicht 
st entwickeln, sondern aus irgend- 
e cben Texten entlehnen. Ich stelle mir 
as so vor, daß meine Bücher zu einer 
u e ^ e S u ng beitragen, die es ohnehin gibt 
n die die verschiedensten Formen an- 
lmmt un d Wege geht. 

!r bi ; Naehdem nun das Zürcher “Kar- 
aa go ,, -Pr 0 jekt (* KARTHAGO, 1987 
aranoia City Verlag), als das erste bolo 
^scheitert ist, welche Perspektiven gibt 
s um Deine/unsere Utopie umzusetzen? 

^ Uch Karthago war kein “bolo”, sondern 
, lne . Art Gemeinschaftsprojekt in einer 
te ^ tlmmten Politischen Situation: es soll- 
Abbruch eines Häusergevierts mit 
^hindern helfen. Immerhin konnte die- 
^ er Abbruch um vier weitere Jahre hinaus- 
y CS ^hoben werden. Das ganze bolo - 
o abular kam hier - untypischerweise - 

^ zum wedich se lh st bei 

v n Aktivitäten um diese Häuser schon 
d^k C | er Veröffentlichung von bolo’bolo 
ei war, eine Familienangelegenheit 
^usagen. Ich bin nicht sicher, ob der 
e j eg 2U bolo’bolo über den Aufbau von 
S i^^ nen p ionier-bolos geht. Man könnte 
genausogut vorstellen, daß es zuerst 
din^hhuogen um allgemeine Randbe- 
und g n 8Cn fÜFSolcheGebilde in Städten 
zentr QUarlieren £ eben könnte: Quartier- 
^ Cn > Versorgungsnetze, politische 
S | n , 10 ^ en * Die konkreten Perspektiven 
gef abcr ^tister: soziale Phantasie istnicht 

^gt und die meisten Leute finden meine 
rf J SChläge eb er “mühsam”. Ich bin 
Signiert, aber unbeirrt. 

kn k* 

Tril 1 -^ S nun der dritte Teil der 
Rci °f (bolo’bolo / Amberland - Ein 
für SC UC ^ ten - Alles aussteigen. Ideen 
^ n gHff C °* ine Schweiz) vor, ein 


J>ch r au ^ as Herz des Kapitals, näm- 
^' e Schweiz. Es enthältden Aufruf: 
W c )'?! Ml TTWOCH (siehe SF 1/91). 
Auf C r Chanccn s >ehst Du, daß dieser 
•na]' ei* 1 Echo findet? Ich meine nicht 
bei d' n norma len Fabriken, sondern 
selbstausbeutenden Altema- 

8 e funH >Cr bat insofern ein Echo 

lokal Cn ’ 3 ' s er v 'elcrorts, vor allem in 
s c j lr j? n bzw. regionalen Altemativzeit- 
n Cs y Cn,a bgedruckt wurde und allgemei- 
nat ü ^" icken ausgelöst hat. Ich glaube 
d'e W i n * c b l > daß ich mit einem Plakat 
an e : e 1 Zum Einsturz bringen kann. Bei 
kei n „ ^ ° der Gewerkschaften hat bis jetzt 
kuii Crt ea ^ l ' 0n eingesetzt. Der Text zir- 
Vcr fi if, Jetzt und »eh höffe, daß er zur 

Uia. u.. Unß des allgemeinen Arbeitskli- 

°eiträpt 


knobi: Die meisten politischen Utopien 
gehen von einem idealisierten Menschen¬ 
bild aus, wodurch sie in der Regel auch 
nicht realisierbar sind, bolo’ bolo dagegen 
idealisiert nicht das Menschenbild,^son¬ 
dern basiert auf ein Umdenken der Öko¬ 
nomie. Das ist doch richtig, oder? Also 
eine marxistische Anarchie? 

n.m.: Ja, ich hasse Menschenbilder. Ich 
möchte nicht gut, oder gar altruistisch 
sein müssen. Natürlich hat man immer ein 
Menschenbild; Meines ist sehr negativ. 
Ich gehe schon etwas davon aus, daß wir 
egoistische, bequeme und feige Bastarde 
(-innen?) sind. Was aber, wenn der Mensch 

mäsochistisch ,kons^Ms "»d*; 

ruistisch.alsoausbeutungswillig ist-Dann 

’«n ie bolos, sondern noch mehr Super 

^KundeinenWMfcKnOko-Kol^, 

Ich habe mir Mühe gegeben, nicht über 

Prmessen? Ich komme auf 3,3 Stunden 
pro Tag - heute sindes^8,9. 

f° b t e S mSTndividuelle U ndkollektive, 

Spielraum für ina ‘™ _ rstöreri scheund 

Le f nS Akuvftä4n Mehr möchte ich gar 

andere Aktmta*^^ ist . objekliv 

SS**-«** 

zu machen. 


p.m.: Mir geht es um den Inhalt meiner 
Texte.nichtum eine Auseinandersetzung 
m it meiner Person. Jeder/em, dem/der ich 
persönlich begegne, decke ich mein Pseu¬ 
donym auf. Es bedeutet gar nichts. 

knobi: Vielen Dank für das Gespräch 

p.m.: War mir ein Vergnügen. 


Buchveröffentlichungen von p.m.: 

Der arbeitsfreie .Mittwoch, Sonderver¬ 
öffentlichung als Broschüre gegen 
2,50DM bei: AurorA-Vertrieb, Knobels- 
dorffstr.8,1000Berlin-19 
WELTGEIST SUPERSTAR Verlag 
Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt 
1980. Es folgten mehrere Taschenbuch¬ 
ausgaben (alle z. Zt. vergriffen) 
TRIPURA TRANSFER Verlag Stroem¬ 
feld/Roter Stern, Basel/Frankfurt 1982 - 
28,-DM 

BOLO'BOLO Verlag Paranoia City, 
Zürich 1983. Bis heute mindestens 7 
Auflagen -12,-DM 

ZWISCHEN REGENWALD UND 
PERMAFROSTVerlagStroemfeld/Roter 
Stern, Basel/Frankfurt, 1984 - Sonder¬ 
ausgabe: 10,-DM 

AMBERLAND - EIN REISEBUCH 
Verlag Paranoia City, Zürich, 1989 - 26,- 
DM 

(Mit Freunden) OLTEN - ALLES AUS- 
STEIGEN. IDEEN FÜR EINE WELT 
OHNE SCHWEIZ,ParanoiaCity Verlag, 
Zürich 1990 - 26,-DM 


(, (».uu— 3 * B>UtK r su ^/ ak 3 - 






Tk-to.U- tUr vxäA 

ortü X 0 co2 X .48460PCO 


.. Wnrum hast Du eigentlich ein 
rtehie^ Namen^i sl es ja wohl nicht? 


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' 0 0 











Dem ersten Anschein nach wirkt Arthur 
Cravan wieeine sagenumwobene Gestalt 
aus der Phantasie von Künstlern und 
Abenteurern. Die lange Jahre des ziel¬ 
losen Umherirrens verliehen ihm schon 
zu Lebzeiten einen legendenbildenden 
Mythos. Aber er lebte wirklich mit Haut 
und Haaren. 

Cravan ist ein „König der verkrachten 
Existenzen“, ein Hochstapler und Herum - 
treiber, ein Flüchtling, der versucht nicht 
zwischen die Fronten des 1 .Weltkriegs zu 
geraten. Er weigert sich für den Krieg zu 
marschieren und desertiert. Widerwillen 
befindet er sich auf der Flucht „ als Soldat 
verkleidet, um nicht Soldat zu werden, er 
hat es wie alle unsere Freunde gemacht, 
die sich als redlicher Mensch verkleiden, 
um kein redlicher Mensch zu werden.“ 
(Francis Picabia) 

In dieser Zeit treibt er als Künstler, 
Gauner und Boxer sein Unwesen bis sich 
seine Spur auf mysteriöse Weise im Golf 
von Mexiko verliert. 

In Paris gibt Cravan zwischen 1912 
und 1915 fünf Nummern seiner Zeitschrift 
„Maintcnant“ heraus. Die Pariser Kunst¬ 
welt tobt. Er legt sich mit allen und jedem 
an, denunziert Apollinaire und Gide, be¬ 
leidigtetablierte und bekannte Maler, um 
mit überkommenen und traditionellen 
Kunstvorstellungen aufzuräumen. 

„Deswegen kann mich die Malerei 
eines Chagall oder Schakal nur anekeln, 
der zeigt, wie ein Mensch einer Kuh Pe¬ 
troleum ins Arschloch gießt, wenn schon 
der wirkliche Wahnsinn selbst mir nicht 
gefallen kann, da er nur den Geist heraus- 


»Come on! 

Have a bloody 
drink!“ 

Arthur Cravan - 
Der Boxer Poet oder die Seele 
im zwanzigsten Jahrhundert 

von Herby Sachs 


iuoZ:^ mscMnm m 


J“ 8 “ 1 * Meinung des Körners 

Nr - 4 > aus: Bi 

»«'S 

nrtisehändlcrs hem m und “ ““ 

. M ‘t der künstlerischen Avnm 
seiner Zeit, den Dadisten un^Surr 
ten, den Marcel n. u u 5urr ' 

einzureißen. nd L 

..Ich werde nie verst«i,» 

Hugo40JahrelangseTnenS W r eV 

Pfeife auf die Kunst! Schelfe Gm? 
dämmt!“(MaintenantNr 3 ’ 

mer, aus: Der Boxer Poet 

In seiner Jugend ist er • 
Boxer. Er nimm, 1 5 

kämpfen teil. Später wirde reiChen 

G« hCr M? Kr im «wÄl" 

fordert er 1916 den Wel B ° Xtu 

son heraus und geht in ^ eisterJoeJ 
k.o. geht in der ersten R, 

Seine Abenteuer- und r „k 
gepaart mit einem Quantu^l 
lei, versucht die Kunst der u ^ 
aufzuheben Er konfr Musentcr 

schardlcheundktedSfo^ 8 . 

einer anarchistischen Lebensweg" 1 

66 



Gespür für Freiheit läßt sich nicht rot 

mentieren. Inder Anthologie des „Sc * 

zen Humors“ schreibt Andre B fC 
»Nach New York eingeladen, urn 
einen Vortrag über Humor zu ^ ten ' S J nS t 
er völlig betrunken aufs Podium un ^ a , att 
an, sich auszuziehen, was zur Folg e 
daß der Saal sich leert und er v° n 
Polizei fest genommen wird. “ , 

Seine wenigen Schriften, Cravan 
saß keine Ambitionen eine Karriere 
Schriftsteller einzuschlagen, hat der ^ 
lag Edition Nautilus in einer erweitc ^ 
Neuedition herausgegeben. Nebc n 
Nummern des „Maintenant“ sammelt ^ 
Band die teils amüsanten, teils sperflß 


nachgelassenen Fragmente. . oS 

Einige Zeichnungen und viele P 
geben ein Bild von Cravan und sei 
Zeit. Am Schluß des Buches sind 
Briefe Arthur Cravans an seine ^ ral1 . 

Loy, eine englische Dichterin verö 


Liebesbriefe zu schreiben. 


Arthur Cravan, Der Boxer Poet o 
F>ie Seele im zwanzigsten Jahrhun ~ 
Edition Nautilus , Hamburg 199* • 

DM 













von Kathrin Würdemann 


j! e Vermischung erfolgt noch, aber die 
Wärmung ist eine Umarmung von Rin- 
Ah 1 trauen haben den Arm zur 
ß We ^ r er hoben, während sie von ihren 
{)h, ll2ern Um f an 8dn werden (B. Brecht, 
er den Verfall der Liebe, 1938) 


Vorbemerkung: Die Publikation des 
engagierten vorliegenden Textes „Der 
Krieg gegen die Frauen" entstand aus 
einer Art sozialen Widerstandes des Ta¬ 
rantel Verlages heraus. Denn die vorlie¬ 
gende Schrift von Verena Fiegl war an¬ 
fangs nicht als Buchveröffentlichung 
gedacht, sondern als Diplomarbeit im Fach 
Soziologie an der Universität Bielefeld. 
Die Herren Professoren Rammstedt und 
Daheim lehnten die Arbeit jedoch, trotz 
ihrer Akzeptanz durch die Bielefelder 
ErstgutachterinProf. Veronika Bennholdt- 
Thomsen als „unwissenschaftlich“ ab. Die 
Frauenredaktion bemerkt in ihrem Vor¬ 
wort zu diesem „Coup“ des Männerkar¬ 
tells, der wohlgemerkt gegen zwei Frauen 
auf unterschiedliche Weise ausgeübt 

wurde: „Die Prüfer haben sich damit in ■ 
eine Reihe mit den Tätern gestellt, deren 
Treiben Verena Fiegl in ihrer Arbeit so 
brilliant beschrieben hat. “ Die Autorin 
mundtot gemacht zu haben, ist diesen 
Herren mit der vorliegenden Veröffent¬ 
lichung demnach glücklicherweise nicht 

gelungen. Th ea A. Struchtemeier 



Explodierende Mieten - Berlin-Kreuzberg im tm- 
^ ru ch ... Mieterinnen (-Bewegung?) in Ost-Beilin ... Aus ur 

d »s Cafe NIXDA. Mainz? ... i C n °* 

dein statt Psychiatrie . I— Internation ales F J | a ue y * tur ~ 
und Frauenflüchtlingshaus in Freiburg... IlffillfFÜlifli® ^ 
Hamburger HörspyL. PMM Totgesagte le be n lang 

oder wie war das bei Dornröschen? 

Das Geheimnis von Han ^rn^ 

Senständigkeit im »Real-Sozialismus- 


überzeugend ist bisher nur der Name u.v.m. 


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67 



Verena Fiegl deckt in ihrem Buch die 
Gewalt auf, der Frauen umfassend aus¬ 
gesetzt sind, und beschäftigt sich insbe¬ 
sondere mit der Funktion, die das Militär 
dabei innehat. 

Ihre zentrale These ist, daß Militaris¬ 
mus auf doppelte Weise untrennbar mit 
Sexismus verknüpft ist: Einmal existiert 
das Militär wesentlich dadurch,daß es auf 
sexistische Strukturen der Gesellschaft 
zurückgreift, die es gleichzeitig herstellt 
und verstärkt. Zum anderen sind alle 
Frauen sexistischer Gewalt ausgesetzt, die 
erst die Grundlage für Militarismus bil¬ 
det. Mit anderen Worten: „Sexismus ist 
militaristisch und Militarismus ist sexi¬ 
stisch.“ 

Verena Fiegl hat ihr Buch in zwei 
Teile gegliedert. Im ersten Teil gehf es 
zunächst um Vergewaltigung, sexuelle 
Angriffe am Arbeitsplatz, Kontrolle von 
Frauen durch Polizei, Justiz und Ärzte¬ 
schaft. Dies ist in einzelnen Teilen für die 
informierte Leserin nicht unbedingt neu. 
Neu ist der Zusammenhang, derzwischcn 
„alltäglicher“, „privater“ Gewalt und der 
organisierten militärischen hergestellt 
wird. Beeindruckend auch, wie der um¬ 
fassende Charakter der Gewalt zum Aus¬ 
druck kommt. Ganz wichtig ist, daß die 
Autorin immer wieder hcrausarbeitet, daß 
die Gewalt gegen Frauen rassistische 
Ausprägungen hat. Sie zeigt am Beispiel 
der USA auf, daß zwar alle Frauen von 
Sexismus betroffen sind, aber schwarze 
Frauen anders als weiße. Weiße Frauen 
profitieren auch von der Unterdrückung 
schwarzer Frauen, was am historischen 
Beispiel der Sklaverei besonders deutlich 
wird. Der Krieg gegen die Frauen macht 
daher nicht alle Frauen gleich, sondern 
spaltet sie auch untereinander. Verena 
Fiegl benennt so in ihrem Buch nicht nur 
die äußere Gewalt, der Frauen ausgesetzt 
sind, sondern auch, wie sich diese Gewalt 
in den Frauen selbst manifestiert. Sie 
arbeitet heraus, wie sich die Spaltung 
gegen die Frauen selbst richtet. Folge¬ 
richtig themaüsicrt sie Rassismus in der 
Frauenbewegung. Sie bleibt jedoch nicht 
auf der Stufe von Schuldzuweisungen 
stehen, sondern begibt sich auf die Suche 
nach Überwindung dieser destruktiven 
Strukturen und Denkweisen. Sie hebt 
deutlich hervor, daß Widerstandsstra¬ 
tegien von Frauen nur dann erfolgver¬ 
sprechend sein könnten, wenn sie die 
unterschiedlichen Realitäten der verschie¬ 
denen Frauen zum Ausgangspunkt neh¬ 
men. ‘ 






Im zweiten Teil des B uches geht es um 
„Die Frauen im Krieg“. Die Autorin cha- 
raktens.ert das Militär-als „Hort der 
Männlichkeit“, als den zentralen Ort, der 

Männlichkeit symbolisiert und produziert. 

n diesem Zusammenhang kritisiert sie 
auch Aktivisten der Friedensbewegung 
2? , d ' e h ^ik der Gewalt nicht grund 
sätelich durchbrechen, wenn sie inner- 
halb der vorgegebenen Strukturen über 
„Kompliziertheit der Waffen“ oder deren 
Ökonomie diskutieren. Sie zeigt auf, daß 

nU ^ e »^ radlka,ePerspektive - die Waffen 
und Militarismus mit ihren immanenten 
mannerbundlerischen Strukturen analy¬ 
siert, d,e Möglichkeit bietet, dieses Sy¬ 
stem als frauen- und damit menschen¬ 
feindliches zu erkennen. 

Vom Militarismus sind auch Männer 
betroffen denn er äußert sich zutiefst 
rassKtisch. Das kommt sowohl innerhalb 
des Militärs in der Diskriminierung 
schwarzer Soldaten zum Ausdruck als 
auch darin, daß „Feinde“ behandelt wer- 
n als waren sie keine menschlichen 
Wesen, auf jeden Fall eine Art Unter¬ 
menschen“. I„ diesem Buch wird das an 
Szenen aus Vietnam besonders verdeut- 

leh.n H \?, rin hat sich tief 1 in das Innen¬ 
leben des Militärs begeben und sich dafür 

urchtbaren Bildern ausgesetzt. Die Sze- 

toteleT dei p Vietn amkrieg zeigen die 
totale Sexualisierung von Kampf die fast 

komplette Identität von Töten und Lust* 
Sexualität und Gewalt und den grauen- 
haftesten Ausdruck von Frauenverach¬ 
tung. Hier manifestiert sich der enge 
Zusammenhang zwischen männlicher 

hchp^ ,tät Und GCWalt ' Di ese s unauflös- 
hche Zusarnmenspiel ist die Grundlage, 

auf der Gefühle von Macht und Potenz bei 
den Soldaten entstehen, die „Potenz“ des 
Tötens, die „Macht“, die Welt zu beherr¬ 
schen mit der Androhung von Vernich¬ 
tung und Vergewaltigung. Folgerichtig 
wird denn auch alles „vcrweiblicht“, zur 
Frau gemacht, was feindlich ist-z.ßl die 
Vietnamesen - und dann mit dem Penis 
und der Waffe, die hier nicht mehr von¬ 
einanderzu unterscheiden sind, bekämpft. 
Vergewaltigung und Mord sind in Viet¬ 
nam (und nicht nur da) tatsächlich das¬ 
selbe. 

Der Abschnitt des Buches „Was be¬ 
deutet der Einstieg in den exklusivsten 
Männerclub, das Militär", der der Situa¬ 
tion von Frauen als Angestellte der Ar¬ 
meen nachgeht, macht deutlich, daß ihre 
Existenz an sich ein Paradox darstellt, und 
sie dies ständig zu spüren bekommen. In 
diesem Männerbund können Frauen nie¬ 
mals wirkliche Mitglieder werden. Selbst 


als aktive Soldatinnen bleiben sie in unter¬ 
geordneten Positionen und sind minde¬ 
stens genau so wie im .Zivilleben“ stän- 
d^von Sc « ismns und Vergewaltigung 

Weiterhin werden Frauen dem Militär 
in dmekter Weise als Prostituierte zum 
Opfer gebracht. Verena Fiegl zeigt auf 
wie eng die Geschichte der Prostitution 
mit der des Militärs verknüpft ist Am 
istorischen Beispiel wird deutlich, wie 
die Professionalisierung der Prostitution 
erzwungen wurde durch das Unterbinden 
sogenannter „Gelegenheitsprostitution“ 
bei gleichzeitiger Ghettoisierung der für 
das Militär benöügten Prostituierten So 
wurde Prostitution zur Einbahnstraße für 
Frauen - und unter die totale Kontrolle 
von Männern gestellt. Die Beispiele Korea 
und Vietnam beschreiben, wie Frauen zur 
Befriedigung der Nichtkämpfenden und 
zur „Erholung“ der kämpfenden Soldaten 
benutzt wurden. Ihrer Lebensgrundlagen 
und sozialer Zusammenhänge beraubt, 
wurden sie in die Prostitution gezwungen 
und „dienen“ bis heute in dieser expan¬ 
dierenden Industrie. Die Kunden sind 
zunehmend „Touristen“, die Struktur 
bleibt diesselbe. 

Die beiden Kapitel über das Innen- 
' •eben des Militärs und die Militarisierung 
der Prostitution waren für mich besonders 
wichtig, weil sie zu neuen Gedanken 
anregen und neue Zusammenhänge her¬ 
steilen. So schrecklich die dargestellten 
Vorgänge sind, so aufschlußreich fand 
ich es, einmal genau zu lesen, wie Frauen 
zu Prostituierten gemacht werden, über 
ie Methoden, die Koalitionen der Män¬ 
ner, die weltweiten Zusammenhänge und 
warum sie es werden und wie das sexi¬ 
stische Innenleben des Militärs aussieht 
was im Kampf gemacht, gedacht und 
phantasiert wird. 

Das Buch ist so aufgebaut, daß frau 
mit dem Lesen an fast jeder Stelle begin¬ 
nen kann, wenn sie meint, auf bestimmte 
Teile verzichten zu wollen. Dasempfinde 
ich auch deshalb als Vorteil, weil so viele 
Unterthemen angesprochen werden und 
eine solche Fülle an Material ausgebreitet 
wird. So läßt sich das Buch Stück für 
Stück erschließen. 

Die Autorin hat für ihr Buch sehr viel 
US-amerikanische Literatur verarbeitet 
und es stellt eine wertvolle Materialsamm- 
, ^ung insbesondere für Frauen dar, die zum 
Thema „Gewalt gegen Frauen“ arbeiten. 

In dem letzten Teil des Buches bein¬ 
halten die Informationen, die die Autorin 
zusammengetragen hat, manchesmal 
Gedanken, von denen ich mir gewünscht 
hätte, sie würden weiter aüsgeführt und 
68 


beleuchtet. Das mag daran liegen, daß cs 
der letzte Teil einer Arbeit ist, die als 
Diplomarbeit konzipiert war und dafür 
auch so schon einen beachtlichen Um¬ 
fang hat, und es mindert den Wert dieses 

Buches nicht. 

Bei allem Schmerz und Grauen, das 
ich beim Lesen dieses Buches empfunden 
habe, gab es doch auch Wut und das 
Gefühl von Demaskierung, das Erkennen 
von Abgründen, die in dieser oft so harm¬ 
los scheinenden Welt für Frauen existie¬ 
ren. Es stimmt, wenn es im Vorwort heißt- 
„Die Gewalt beim Namen nennen, heißt , 
ihr entgegenzutreten, ihrem StückBoden 
entziehen und für Frauen ein Stück Ge~ 
wal tfreiheit erkämpfen." 

Verena Fiegl, Der Krieg gegen die 
Frauen. Zum Zusammenhang von Sexis - 
m us undMilitarism us. Tarantel - V et lag* 
Am Zwinger lg, 4800 Bielefeld, 169 S-, 
22.-DM. \ 


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»direkte aktion« Nr. 86 


Goifkrief-Nachlese: 
"We're making the world 
safo for capitalism" 
UdSSR: 

Perestroika heißt tiefe Krise 
Kronstadt-Aufstand 1921 
, Szenario '92: 

y ider Streik gegen 
EG-Recht 
Fenarbeiter in GB 

Probeheft an fordern! 

\narchosyndi kalistische 
er Freien Arbeiterinnen- 
M v beiter-Union in der IAA 

»da«, Lagerstraße 27, 2000 Hamburg 36 









. 

11 . 







fiasisi 


Ab und zu bekomme ich den SF in die 
Finger und finde auch recht interessante 
Geschichten darin. In der Nr. 1/91 ließ 
mich der Artikel von Rainer Kaune „ AIDS 
"Der größte medizinische Irrtum" auf¬ 
horchen. Das war das erste Mal, daß ich 


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davon was zu hören bekam und ich fand 



das auch ziemlich wichtig. Vor allem, 
w eil es scheinbar zur herrschenden und 
sicherlich auch von den Herrschenden 
mitbestimmten Meinung kritisch und 
aufrüttelnd ist. (Mich hat es zumindest 
aufgerüttelt; ich habe mich verschiedent¬ 
lich informiert, mit Freunden und Bekann¬ 
ten und Betroffenen darüber gequatscht 
USw 0 Ich bin zur Meinung gekommen, 
daß dies nur scheinbar zutrifft. Ich will 
das begründen: 

L Die so radikal klingende Behauptung, 
AIDS sei nur extremster Ausdruck der auf 

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'-^ritmaximierung zielenden Industrie 
(Umweltverschmutzung, geistige Ver- 

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V: I: 

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flachung usw.) verschiebt die jetztige 
Situation aus der (zugegeben schlimmen) 
Lage der Schadensbegrenzung und Hilfe 
Zur Lebensverlängerung (o.k. vielleicht 
auch Verlängerung des Vegetierens) in 
Richtung der Hilflosigkeit und Weltunter- 

ßangsstimmung. 

Es ist zwar richtig, daß Gesundheits¬ 
apostel einerseits und Wissenschaftler 
andererseits (dazu Mediziner wiederum 
mit Psychologen dauernd im Kompetenz- 
c linch liegend) ihr Süppchen auf der AIDS- 
Uysterie kochen, aber es gibt keinen Weg 
daran vorbei, daß der Virus lokalisiert und 
fctographiert worden ist. . . 


3. Die Kranken, die ich kenne, leiden an 
keiner Phobie, sondern haben organisch 

um ihr Leben zu kämpfen! 

4 i c h sehe nicht, wie diese Diskussion 
den Betroffenen helfen könnte. 

5. Eher könnten sie weiter stigmatisiert 
werden. Dies erscheint möglich, da der 
viel zitiert e Peter Duesberg seine Thesen 
u a auch auf einem Kongreß vertrat, der 
da hieß: „Gesundheit in eigener Verant¬ 
wortung". Also, ich meine, der konser¬ 
vativen Lebenssicht, Jeder ist für sich' 
selbst und für niemand sonst verantwort¬ 
lich und sonst ist alles o.k. in der Markt¬ 
wirtschaft," werden somit neue Argumen¬ 
te geliefert. Da hilft dann auch nicht die 
Phrase „ Gib AIDS keine Chance - gehe 
niem als zum Test". Die ist einfach 

schlecht! 

6 Schlecht ist auch, daß Rainer Kaune 

insgesamtso schlechtrecherchiert hat(z.B. 

mal JuBaz lesen) und daß dann noch die¬ 
ses Zitat von einer Heilpraktikerin drin ist 
die erfolgreich Immunschwächeanfälle 


Genauso platt wie dieses übrige Zitat. Da 
steht NICHTS drin! 

Ihr seid sicher nicht für den Inhalt der 
Artikel verantwortlich, aber ihr solltet doch 
immer mal gucken, was ihr so bringt. Äh: 
daß schlechte oder gar fälsche Sachen 
schließlich auch zur Horizont- und Er¬ 
kenntniserweiterungbeitragen (vgl. mich 
selbst) und daß der Artikel deshalb wich¬ 
tig sei, laß ich nicht gelten. Weil ihr es 
nicht so gemeint habt. Oder solte ich mich 


Christoph Richter , 0-1071 Berlin 






Anmerkung der SF-Red.: Von denweiteren zu 
diesem Thema angekündigten Leserinnenzu¬ 
schriften hat uns bis Redaktionsschluß leider 
keine mehr erreicht. Wir gehen davon aus, daß 
die Diskussion um dieses brisante und wich¬ 
tige Thema in der kommenden Ausgabe wei¬ 
tergeführt wird. 



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btr. SF-37 (1/91) 

GATT - 

Gattastrophe - Gaga‘s Trophy 

Ich möchte mich auf den Abschnitt „In¬ 
ternationalisierung des Patentrechts“ 
beziehen. Bei der Ausdehnung des Patent¬ 
rechts scheint es mir um die Kongruenz 
zweier Innovationssysteme zu gehen. Da 
gibt es zum einen unser westliches Sy¬ 
stem. Hier wird Wissen an den Universi¬ 
täten (und anderen entsprechenden Ein¬ 
richtungen) in Hinblick auf bestimmte 
Interessen schon fast industriell produ¬ 
ziert und formalisiert. Dieses Innovations¬ 
system nenne ich formell. 

In den Ländern der sogenannten 3. Welt 
existiert neben dem formellen Informa¬ 
tionssystem noch ein zweites, völlig an¬ 
dersartiges. Dieses System wird informell 
genannt. Innerhalb überschaubarer Ge¬ 
meinschaften werden über lange Zeit¬ 
räume hinweg Lebensgewohnheiten wie 
z.B. Kunst oder Musik aber auch Tech¬ 
niken z.B. der Wasserspeicherung, des 
Getreideanbaus etc. entwickelt. Ich stelle 
hier Musik z.B. mitGetreideanbau absicht¬ 
lich auf eine S tufe, um zu zeigen, daß sich 
alle Neuerungen (im Idealfall) völlig aus 
Alltag und Bedürfnis der Gemeinschaft 
ergeben. Alle Neuerungen auch die soge¬ 
nannten Technischen werden sozusagen 
aus dem Zufall, im Spiel geboren und 
über lange Zeiträume von Generation zu 
Generation tra diert, verbessert und ange¬ 
paßt bzw. fallen gelassen. Es sollte klar 
geworden sein, daß das informelle Inno¬ 
vationssystem Neuerungen hervorbringt, 
die im Falle der Landwirtschaft nahtlos 
angepaßt sind an die Landschaft, die 
Gemeinschaft, das Klima etc. und eben¬ 
falls fähig sind - da genetisch breiter 
gestreut - sich auf Schwankungen der 
Umwelt einzustellen. 

Dies im Gegensatz zum formellen 
Innovationssystem. Hier wird großtech¬ 
nisch mutiert und selektiert, in letzter Zeit 
auch gentechnisch. Es ist klar: Produkte 
dieser Agroindustrie wurden einseitigauf 
bestimmte Bedürfnisse hin entwickelt. 
Unser Weizen z.B. ist hochhybrid, wirft 
also viel Stärke ab, hingegen wenig Ba- 
laststoffe (Proteine, Vitamine) und Ge¬ 
schmack. Diese Fehlentwicklung wurde 
inzwischen auch von der Agroindustrie 
und Agrochemie erkannt. Unter Aus¬ 
nutzung des von den Menschen in der 
sogenannten 3.Weltgelebten informellen 
Informationssystems und der von ihnen 
gepflegten genetischen „Ressourcen“ wird 
versuchtdieseEinseitigkeitauszubessem 


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nttemim. Diejenigen, die ihre S“ 

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Dürre „abhärten“ - n Qc *:" WInd ^ er 
pflanzt. Wir haben eW v de CtC ' ge ' 

von wie es zu solchen p orste]lun g da- 
wie extreme Winde odw^S? Ü ° nCn 
Auch die „Früchte“ des formell 
vationssystems tragen dazu he r "" 0 ' 
sei an die Unsitte der \/ ZU bc ‘ Ennner t 

erst durch westliche A^roind U * lU - ren ’ d ' e I 

lieh wurden und 32™g- 1 

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hatten. lc -Wandernde Wirkung 

ExtrembSing'Ungen EhT" 1 ? 11 den 
beschriebenen Puffermecha 16 dlC oben 
überreizt sind mit w^ ‘ Smen We ü 
Z -B. werden Gcschma^ 0 tecflnisc hen, 

I ‘en gepflanzt. D fe Sf in Toma ' 

nutzendazudieGenJch!? ° nZCrne be ' 

gezüchteten Pfl anze m rweni gcrhoch- 
sogenannten 3 w e i,’ T Cis *; ens aus der 
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Ländern genetisches Mai^ ■ T Clnigen 
Form von Samen auf „ 1 nal mci si in 

banken syälc m ai lsl „f““ , ' ,chc " Daicn- 


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vor allem gentechnischen Mitteln des 
Nordens beizukommen. Für diese müs¬ 
sen die Pflanzer der sogenannten 3.Welt 
teures Geld bezahlen. Die Abhängigkei- 
en steigen. DicPatentgesetze sichern diese 
tendenzen nur noch. Begründet wird der 

Wan S zur Einführung von Patentgesetzen 
von den USA wiefolgt: Jehlende Patent¬ 
gesetze stellen ein Handelshindemis dar.“ 
a urch werden Patentinhaber indirekt 
von der 3.Welt subventioniert. Ein wei- j 
eispiel > daß die Doktrin des freien j 
ar tes immer dort unterwandert wird, 

wo es gerade paßt. 

Rene, Freiburg \ 


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Chemie 

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Mit der SPD. 


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deffäßtettf. 

KUNDGEBUNG 

am Sonnabend. 17. März 1990,10“ Uhr 
im »Georg-Schwarz-Sportpark« 

mit Karl A. Kamilli, Volker Manhenke, Stephan Hilsberg 

und 

Alfred Kunze, Gunter Weißgerber 

Der SPD-Ortsverband Leipzig-West 
lädt herzlich ein 


Photo: Dirk Wilhclmy